Ein paar Gläser Primitivo haben ihren Teil beigetragen, auf einer fantastischen Terrasse hoch über Vieste haben wir uns endgültig mit Apulien versöhnt. Beim ersten Versuch hatte die Region bei uns nicht gerade den allerbesten Eindruck hinterlassen hat. Wiederentdeckt haben wir den Südosten Italiens am Gargano – quasi am Anfang von Apulien. Kein Wunder, denn dort fühlen sich sogar die Engel wohl – und die Sünden werden hier praktischerweise auch gleich vergeben.
Einfach einmal weg, 14 Tage ans Meer, ein bisschen Pizza und Wein. Corona hat die Ansprüche auf das Wesentliche reduziert. Na ja, nicht ganz. Die Strände an der oberen Adria wollen wir dann doch meiden, also landen wir bei den Planungen in der Nähe von Ancona und dann noch etwas weiter unten. Am Gargano, der kleinen Halbinsel, die auf der Landkarte den Sporn des Stiefels gibt.




Vieste: der schönste Ort am Gargano.
Der ganze Gargano ist Nationalpark. Pittoreske Orte, mystische Wälder, bizarre Felsformationen und lange, traumhafte Strände. Dass der Gargano das erste Stückchen von Apulien stellt, lässt sich da verschmerzen.
Denn Apulien verursacht bei uns seit Jahrzehnten gemischte Gefühle – aber dazu später. Vorurteile sind schließlich dazu da, dass man sie irgendwann beiseitelassen kann. Und ein klein wenig Lust auf Apulien, auf ein Stück echtes Italien, regt sich schon seit einiger Zeit. Daran ist der Wein nicht ganz unschuldig: Eine Region, in der man einen Primitivo erzeugen kann, die muss mehr zu bieten haben als das, was wir vor Jahrzehnten kennengelernt haben. Also lassen wir uns noch einmal ein auf Apulien.

Malerisch und menschenleer…
Da eignet sich zum Wiedereinstieg das allererste Stück Apulien eben perfekt. Ideal, um trotz Maskenpflicht Ende Oktober noch einmal das Meer riechen und genießen zu können und einem meereshungrigen Australian Sheperd endlich wieder einmal den langersehnten Sprung ins Wasser zu ermöglichen.



Viel Stein und noch mehr Stufen.
Wir landen in Vieste, und das liegt vor allem einmal an einer Terrasse mit einem unglaublichen Blick weit übers Meer und die Stadt und den gigantischen Pizzomunno. Giannis Ferienwohnung lässt uns erst gar nicht weiter an Mattinata oder Peschici denken – eine gute Entscheidung, wie sich bald herausstellen sollte.
Hoch über dem Meer
Giannis Ferienwohnung liegt ganz oben in Vieste, direkt am Rande der Altstadt in der Via Barion und neben dem imposanten Castello, das heute militärisches Sperrgebiet ist. Francesco holt uns ab, sagt Gianni am Telefon, kurz nachdem wir die Autobahn bei Lesina verlassen. Er muss ein wenig warten, denn es dauert länger als geplant: Der Promontorio del Gargano, der sich nach unendlich langer und flacher Landschaft urplötzlich aus dem Meer erhebt, lässt sich mit dem Auto nur recht behutsam auf engen, kurvigen Straßen erobern.



Blick von der Terrasse auf noch mehr Meer.
Francesco ist geduldig, wartet auf uns und zeigt uns freundlich das Appartement, das wir über eine unglaublich steile, herausfordernde Steintreppe erreichen. Von jedem Fenster sieht man hinunter aufs Meer und die Dachterrasse hält, was die Fotos im Internet versprechen. Ein Traum.
Im Sommer soll sich‘s in Vieste ja ziemlich abspielen, jetzt in den letzten beiden Oktoberwochen präsentiert sich der kleine Ort auf dem imposanten Felsplateau recht beschaulich. Das liegt auch an Corona: Touristen sind Mangelware, in Italien muss man sogar im Freien die Maske tragen. Die allermeisten halten sich dran, haben die Maske zumindest in der Hand und setzen sie auf, sobald jemand in ihre Nähe kommt.



Sammy gefällt alles: Terrasse, Sonnenuntergang und Meer.
Die Altstadt mit ihren steilen, engen Gassen und manchmal tückischen Stufen ist nicht allzu groß. Aber immer wieder entdecken wir Neues, kleine Geschäfte rund um den Duomo und gemütliche Lokale. Und immer wieder öffnet sich der Blick übers Meer und auf die Punta di San Francesco mit dem Kloster, das gut die Hälfte der weit ins Meer hinausreichenden Spitze des Centro storico beherrscht. Nicht weniger imposant, vor allem am Abend: der Blick auf die Felseninsel Santa Eufemia mit einem der lichtstärksten Leuchttürme Italiens.
Zentrum des neuen Vieste sind die Viale XXIV Maggio und der anschließende Corso Fazzini. Hier spielt sich das Leben ab, Lokale, Geschäfte, Cafés und Restaurants reihen sich aneinander.
Von Cristalda & Pizzomunno

Der arme Pizzomunno ist zu Stein erstarrt!
Das Highlight von Vieste ist aber der Pizzomunno, ein fast 30 Meter mitten am Strand in den Himmel wachsender Felsen. Der steht nicht umsonst hier, sagt die Legende. Pizzomunno, ein fescher Fischer, traf sich jeden Abend hier am Meer mit seiner Cristalda. Doch auch die Sirenen hatten ein Auge auf den Fischer geworfen, der sich freilich von seiner Angebeteten nicht trennen wollte. Da ertränkten die Sirenen Cristalda kurzerhand im Meer. Und Pizzomunno? Der erstarrte und verwandelte sich in jenen blütenweißen Monolithen, der zum Symbol der kleinen Stadt am Gargano wurde.




Ewig lang: der Spiaggia del Castello.
Der Pizzomunno markiert heute den Start des wunderbaren, kilometerlangen Spiaggia del Castello, den wir Tag für Tag ein paarmal entlangwandern, während Sammy immer wieder ins flache Wasser drängt.
Auch auf der anderen Seite lässt sich der Strand wunderbar erwandern. Der Spiaggia di San Lorenzo beginnt beim Hafen, und zumindest bis zum Trabucco Molinella und den anschließenden Buchten sollte man schon spazieren. Trabucco? Das sind seltsame Gebilde aus Holz und Seilen, die den Fischern beim Auswerfen und Einholen der Netze helfen. Mit ein bisschen Glück erlebt man ein paar Fischer bei der Arbeit – ansonsten ist nur schwer erkennbar, wie das mit einem Trabucco funktionieren könnte. Entlang der Küste nach Peschici findet man noch mehr dieser Konstruktionen, manche längst integriert in ein Lokal mit Fischspezialitäten.


Die Fischer vom Gargano schwören auf diese Ungetüme.
Per Auto oder Boot
Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten, um die Küste zwischen Mattinata und Vieste zu entdecken: mit dem Auto oder dem Boot. Wir probieren beides. Dank der kurvenreichen Straßen ist man mit dem Auto nur unwesentlich schneller unterwegs, außerdem verleiten alle paar Hundert Meter Aussichtspunkte zum Anhalten. Und es zahlt sich jedes Mal aus: spektakuläre Blicke aufs Meer und auf bizarre Felsformationen.




Einfach traumhaft: die Baia di Vignanotica.
Abenteuerlich wird’s, wenn man die Hauptstraße verlässt und auf ziemlich unübersichtlichen Wegen auf Entdeckungsreise geht. Wir haben uns für die Baia di Vignanotica entschieden – das ist der Strand, den man, da sind sich Einheimische und Reiseführer ziemlich einig, einfach gesehen haben muss. Also folgen wir der erstbesten Beschilderung, die wir finden (mit den Hinweisen zu den Sehenswürdigkeiten haben es die Südländer ja bekanntlich nicht so). Eine Straße, die noch viel enger, noch viel kurvenreicher, noch viel holpriger ist als die Hauptstraße – und die nicht im Entferntesten darauf hindeutet, dass sie der Weg hin zum schönsten und touristischsten Strand des Gargano sein könnte. Wir fahren mutig weiter und landen neben einem kleinen, aber abgesperrten Parkplatz, der zu dem verlassenen Campingplatz gehören könnte. Die Straße ist aus, umdrehen nur schwer möglich.



Spektakulär: die Küste zwischen Mattinata und Vieste.
Weil es weit und breit eh keinen Menschen zu sehen gibt, stellen wir das Auto am Straßenrand (also praktisch in der Mitte der Fahrbahn) ab und hoffen, dass niemand auf dieselbe Idee gekommen ist wie wir. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg durch einen kleinen Urwald, sind aber bald tatsächlich am Strand von Vignanotica. Jetzt, im Oktober, präsentiert der sich von seiner schönsten Seite. Steil aufragende Felsen im Rücken, traumhaft blau und grün schimmerndes Meer, dazwischen ein schmaler Streifen Kiesstrand. Am rechten Rand der Bucht markiert ein Ungetüm von einem Felsen das Ende der Bucht: als würde ein alter, müder Drache sich für ein kleines Schläfchen hingelegt haben, ein Auge – ein Loch im Felsen – trotzdem wachsam geöffnet.
Allein im kleinen Boot





Francesco fährt uns im Schlauchboot die Küste entlang.
Noch imposanter muss es sein, all die Grotten und Höhlen und Felsen von draußen vom Meer zu betrachten. Ist es auch. Wir suchen am Hafen von Vieste nach Anbietern von Bootsfahrten. Grundsätzlich hätte man die Wahl: eine Agentur neben der anderen. Aber jetzt im Oktober sind die meisten zu. Wir landen schließlich bei „Desirée Tours“. Vor dem Büro ankert ein großes Ausflugsboot, wie es überall auf den Plakaten gezeigt wird. Wir hoffen, dass sich nicht allzu viele Menschen anmelden. Die nächste Tour findet erst zwei Tage nach unserer Anmeldung statt, weil sich der Wind als Spielverderber herausstellt. Am Freitagnachmittag ist es so weit.








Felsenbögen, Höhlen, Strände – das kann man nur per Boot entdecken.
Wir sollen uns bei Francesco melden. Eine knappe halbe Stunde vor der Abfahrt ist niemand da. Keine Touristen, kein Francesco, kein Mitarbeiter von Desirée. Bevor wir nervös werden, kommen ein Mitarbeiter und Francesco. Langsam wird uns klar, dass es mit dem großen Boot nichts wird. Francesco bittet uns in ein kleines Schlauchboot, in das wir beide passen. Sammy muss sich mit dem Platz zwischen uns am Boden begnügen.




Drei Stunden lang zeigt uns Francesco die entlegensten Ecken der Küste.
Das kleine Boot ist ein Glücksfall: Francesco fährt mit uns gut drei Stunden entlang der faszinierenden Küste, tuckert durch Felsenbögen und die engsten Höhlen. Klingende Namen haben sie alle: Calda o Rossa, del Due Occhi, Sanguinara, Pomodori, Viole, Sirene, delle Due Stanze, Colombi, Campana Grande, Cattedrale – und eine ist beeindruckender als die andere. Natürlich fahren wir auch an der Baia di Vgnanotica vorbei. Letzter Höhepunkt ist die berühmte Baia delle Zagare, die wir uns mit dem Auto erspart haben. Gut so, denn vom Meer aus sind die beiden imposanten Felstore, die sich aus dem Wasser erheben, grandios. Und an der Bucht selbst und am Strand kann man vom Wasser aus ja vorbeischauen. Denn wirklich schön ist der Strand nicht, den ein Hotelresort mitsamt Aufzügen runter ans Meer zumindest ebenso grandios verschandelt.
So grün…
Den Gargano an der Küste umrunden ist ein absolutes Muss. Aber es wäre ewig schade, nicht auch einen Blick ins Landesinnere zu wagen. Wir nehmen uns den Foresta Umbra vor, danach Vico del Gargano, die kleine Stadt in den Bergen, Peschici und die beiden Küstenseen Lesina und Varano. An einem Tag, wohlgemerkt.




Foresta Umbra – die grüne Lunge des Gargano.
An einem Tag geht sich das aber nicht aus. Es dauert schon eine ganze Weile, bis wir beim Zentrum des Foresta Umbra angelangt sind. Dort holen wir uns eine Karte und machen uns auf die Suche nach den unzähligen „Sentieri della Foresta Umbra“, die auf der Karte eingezeichnet sind. Der Menge nachlaufen wollen wir nicht, wir haben ja nur den relativ kurzen Weg eingeplant, der an der Straße bei Falascone beginnen soll und zum Laghetto d’Umbra, einem idyllischen kleinen See am Rande des Waldes führen soll. Aber wie es die Italiener halt so mit den Hinweisschildern haben: es gibt sie nicht, oder nur sehr selten. Wir laufen entlang der Straße, drehen um, versuchen es noch einmal – und finden ganz und gar zufällig doch noch den Zugang. Trotz einiger Wanderer genießt man hier die Ruhe und Stille, einen dichten, grünen Wald mit mystischen Bäumen und dichtem Moos. Die Tiere, denen man hier immer wieder begegnen soll, halten sich im Hintergrund. Die kleine Wanderung macht, inklusive Suche nach dem Weg, mehr Zeit aus, als wir geplant hatten.



Dichter Wald und mystische Bäume.
In Vico del Gargano ist offenbar schon alles zu, wir fahren weiter und nehmen uns den Caffè für Peschici vor – in einem kleinen Lokal am Meer. Den Abstecher zu den beiden Seen mit der fantastischen Vogelpopulation haben wir schon zuvor gecancelt, dafür wollen wir eben Peschici genießen. Alles schwärmt von dieser Stadt, und der erste Blick von der Küstenstraße auf den majestätisch auf einem gut 90 Meter hohen Felsen gelegenen Ort ist auch schlicht und ergreifend atemberaubend.



Beeindruckend schön, aber im Spätherbst wie ausgestorben: Peschici.
Auf die Altstadt verzichten wir, wir wollen Sonne, Meer und Caffè am Hafen genießen. Falsche Entscheidung. Der Hafen ist sowieso wenig anziehend, aber zudem auch noch völlig ausgestorben – klar, Corona, Nachsaison und überhaupt. Auch wenn sich auch vom tristen Hafen aus erkennen lässt, dass die Altstadt großartig sein muss: es war schon gut, dass wir uns für Vieste entschieden haben.
Lockdown im Lokal
Apropos Corona. In den ersten Tagen am Gargano bleibt uns das Virus, einmal abgesehen von der lästigen Maske, vom Leib. Dann mehren sich die Hinweise, dass es wieder ernst wird. Die Lokale sollen zumindest am Abend schließen. In dem kleinen Schuhgeschäft am Corso Lorenzo Fazzini erzählt uns der Besitzer zwischen den Lobeshymnen auf seine tollen und sensationell günstigen Schuhe (beides stimmt!), dass die Angst vor Corona in der Region immer größer wird. Die Schulen sind schon zu, und ja – die Restaurants müssen in zwei Tagen um 18 Uhr schließen.







Wenn alles zu ist, dann vergnügt man sich eben am Strand.
Also disponieren wir um und ziehen das eigentlich für den letzten Abend geplante Essen in der wunderbaren Osteria Al Duomo vor. Wir bleiben draußen an einem kleinen Tisch in der engen Via Allessandro III. Das Essen ist großartig, die Maßnahmen wegen Corona ebenfalls. Die Speisekarte gibt’s via Handy-App, die Kellnerin hält Abstand, Maske tragen sowieso alle, die Rechnung wird drinnen beglichen, nicht ohne zuvor dezent drauf hingewiesen zu werden, dass man die Hände desinfizieren muss – beim Reingehen, ehe man den Code eintippen darf, bevor man wieder rausgeht. Ein Gastronom aus der Region hatte in den Tagen zuvor beteuert, dass Restaurants die sichersten Plätze in Italien seien. Auch wenn er recht hat, zugesperrt wird tags darauf trotzdem. Zum Glück haben wir unsere Terrasse: Trotz eher kühler werdenden Temperaturen schmeckt die Pizza da oben mit Blick aufs Meer fantastisch.




Keine Menschenseele zu sehen, dafür kommen die Vögel in Scharen.
Lange Spaziergänge am Strand, Sonne tanken auf der Terrasse – so angenehm entspannend das auch ist, ein bisschen Abwechslung braucht man schon. Also fahren wir in die Provinzhauptstadt, nach Foggia. Ein bisschen shoppen und durch die Stadt schlendern. Die Einkaufsstraße ist interessant, die Altstadt klein, die Sehenswürdigkeiten – Piazzetta Cattedrale, Villa Communale, Teatro Umberto Giordano – sind rasch abgearbeitet. Es gibt interessantere Städte im Süden Italiens, klar – aber, dass die Stadt einem Reiseführer über Apulien gar keine Erwähnung wert ist, das hat sich Foggia ganz sicher nicht verdient.
Manfreds Erbe
Nachdem sich am Gargano selbst kleine Distanzen in vergleichsweise langen Reisezeiten niederschlagen, beschließen wir, uns noch einmal den Süden des Gargano vorzunehmen und es dann bei den Strandspaziergängen bleiben zu lassen. Als wir endlich in Manfredonia ankommen, macht das Wetter auf Spielverderber: es schüttet. Also bleiben wir am Parkplatz neben dem imposanten Castello Svevo Angioino einmal ein wenig im Auto sitzen und machen uns Gedanken darüber, wie die Stadt zu ihrem nicht gerade typisch italienischen Namen gekommen ist.


Friedrichs Lieblingssohn Manfred hat sich eine eigene Stadt geschenkt.
Also: Stauferkaiser Friedrich II. hatte seinerzeit seine Kaiserin betrogen und dabei einen Sohn gezeugt. Manfred – unehelich, aber doch Friedrichs Lieblingssohn, und als solcher mit einigen Freiheiten ausgestattet. Als im Jahr 1223 ein heftiges Erdbeben die Stadt Siponto, immerhin Bischofssitz und wichtiger Hafen, dem Erdboden gleich machte, verfügte Manfred den Wiederaufbau. Solch Tatendrang sollte sich dann auch entsprechend niederschlagen – indem die Stadt auch gleich seinen Namen tragen sollte. Als der Regen nachlässt, entdecken wir eine sympathische, quirlige Kleinstadt mit vielen kleinen Geschäften und netten Lokalen. Aber lange macht‘s dann doch keinen Spaß: es beginnt wieder heftig zu regnen. Nach herrlicher Torte und großartigem Caffè flüchten wir aus Manfredonia ohne die Santa Maria d Siponto gesehen zu haben – eine quadratische Kirche, die direkt neben einer spektakulären, hologrammartigen Metallkonstruktion steht, die vom jungen Künstler Edoardo Tresoldo auf den Grundmauern einer frühchristlichen Basilika errichtet wurde.




Sicher ist sicher: Eine Burg konnte zu Manfreds Zeiten nicht schaden.
Dass auch Manfredonia unter Wert geschlagen und von Touristen gemieden wird, ist ebenfalls ein bisschen unfair, liegt aber angeblich immer noch an einer der schlimmsten Katastrophen im Italien der 1970er-Jahre. Eine Explosion in einer Düngemittelfabrik sorgte 1976 für schwere Erkrankungen bei Menschen und Tieren. Erst 2008 wurde der Boden vom Gift befreit …
Wo die Sünden nicht mehr zählen
Weil das Wetter nicht wirklich besser wird, fahren wir auch an Mattinata vorbei, einem ehemaligen Fischerort, der sich zu einem Touristenzentrum mit herrlichen Stränden entwickelt hat. Wir haben Wichtigeres zu tun. Denn schließlich kann man den Gargano nicht verlassen, ohne den Monte Sant’Angelo besucht zu haben. Friedrich II. und seine Bianca sollen sich hier oben im imposanten Castello vergnügt haben, Manfred und seine Schwester Constanza sind hier zur Welt gekommen – und zudem soll der pittoreske Ort noch einen weiteren, wirklich heiligen Besucher angelockt haben.





Am Monte Sant’Angelo braucht man nur ein paar Stufen überwinden – schon sind die Sünden weg!
490 nach Christus erschien der Erzengel Michael im Traum dem Bischof von Sipontum und ließ ihm wissen, dass die Grotte da oben am Berg nicht mehr länger für einen Mithraskult missbraucht werden, sondern seiner Verehrung dienen solle. Das ließ sich der Bischof nicht zweimal sagen und ließ das Santuario di San Michele Arcangelo errichten. Unzählige Stufen führen hinunter in den Berg zu einer Kapelle, in der regelmäßig Gottesdienste stattfinden. Klar, dass wir auch hinuntergehen, schließlich verspricht der Besuch der Grotte etwas, was im normalen kirchlichen Leben nicht so einfach geht. Sagt zumindest die Legende: Wer das Santuario besucht, dem werden sämtliche Sünden erlassen. Einfach so. Einen Versuch ist das doch allemal wert …

Ein paar Tage nur noch Strand und Meer.
Das war‘s dann aber. In den letzten Tagen am Gargano gibt’s nur noch Strand und Meer und Pizza und Primitivo auf der Terrasse. Apulien ist schön.
Tote Hunde
Aber Apulien war nicht immer so. Eine erste, kurze Bekanntschaft mit dem südlichsten Teil von Italien gab‘s vor einer gefühlten Ewigkeit – irgendwann Anfang der 80er-Jahre auf der Durchreise nach Griechenland. Ein harmloser Crash an einer Kreuzung mit einem alten Apulier und seiner noch älteren Vespa. Die alten, schwarz gekleideten Frauen, die vor ihren Häusern sitzen, werden plötzlich umringt von jeder Menge finsterer, Meter für Meter bedrohlich näher kommender Gestalten – bis sich der Alte schimpfend die Vespa schnappt, endlich davonrast und sich von einer Sekunde auf die andere alles in Wohlgefallen auflöst, begleitet von einem kollektiven Lächeln. Keine halbe Stunde später, den Hafen von Bari und die Fähre endlich gefunden, können auch wir bei einem Caffè schon wieder lachen. Aber nicht lange, denn in der Zwischenzeit haben ein paar kleine Italiener auch noch unser Auto aufgebrochen…


Schlechte Erfahrungen mit Apulien? Alles längst vergessen!
Gut 20 Jahre später: Familienurlaub in Apulien, in einem Trulli in Ceglie Messapica. Eh ganz ok, aber in Erinnerung bleiben doch eine schreckliche Vermieterin, tote Hunde und andere verwesende und verweste Tiere. Der Hund, der bei der Ortseinfahrt von einem Auto totgefahren wird, liegt drei Wochen später noch immer an derselben Stelle, mittlerweile halt keinen Millimeter mehr dick. Nach ein paar Tagen im Trulli können wir den eigenartigen Geruch, der durch das Grundstück weht, identifizieren: Er kommt von einem offenbar seit Wochen tot im Garten liegenden Hund. Als wir unseren Müll gar nicht weit vom Zentrum von Ceglie in einem Container entsorgen wollen, lacht uns ein stinkender, halbverwester Schweinekopf entgegen. Und dann war da noch der Strand, den die Einheimischen mit alten Fernsehern, kaputten Autos, defekten Kühlschränken und sonstigem Gerümpel dekorierten. So ganz hatte man damals wohl noch nicht begriffen, dass Strand und Meer und Landschaft eine Goldgrube sein können.



Ein letzter Blick auf Vieste.
Aber das ist alles lange her und spätestens jetzt vergessen. Der nächste Urlaub? Vermutlich Apulien – irgendwo ganz unten im Süden.
GARGANO
Einwohner: 200.000.
Hauptstadt: Die Halbinsel Gargano gehört zur Provinz Foggia. Wichtigste Orte sind Manfredonia, San Giovanni Retondo und Vieste.
Regionen & Sprachen: Die gesamte Halbinsel ist Nationalpark, höchste Erhebung ist der Monte Calvo mit 1056 m Seehöhe.
Geschichte: Der „Sporn des Stiefels“ ragt etwa 65 Kilometer hinaus in die Adria. Touristisch entdeckt wurde der Gargano 1959, als der Direktor der Ölfirma Eni bei Pugnochiuso das Paradies gefunden haben will. Eine lange Tradition hat hingegen Monte Sant’Angelo, das seit dem Mittelalter Pilger anzieht.

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