Bourgogne & Co.: Der pure Genuss

Sammy ist sauer. Seit Tagen merkt er, dass wir wegfahren werden – und dass er diesmal daheimbleiben muss. Aus gutem Grund: Wir haben Karten für Patrick Bruels Konzert in Dijon, bleiben ein paar Tage in der Stadt und fahren weiter nach Lyon, Grenoble und Chamonix. Städte sind nicht gerade Sammys bevorzugte Destinationen, Konzertsäle sowieso nicht. Trotzdem verabschiedet er uns mit dem traurigen Hundeblick, der das schlechte Gewissen zum ständigen Begleiter macht.

Neben der langen Liste mit potenziellen Urlaubsdestinationen gibt es auch noch die Liste mit den Chansoniers, die wir unbedingt noch live auf der Bühne sehen möchten. Einer davon ist Patrick Bruel – und der tourt 2024 quer durch Frankreich. Also wird der Tourplan darauf gecheckt, wo sich „On en parle“ am besten mit Urlaub verbinden lässt. Die Wahl ist leicht: Dijon, da passt die Zeit, die Stadt, der Wein, das Umfeld. Lyon ist nicht weit weg und der Mont Blanc auch nicht. Denn den sind wir uns schließlich schon seit Jahrzehnten schuldig.

Das Münster unserer lieben Frau ist innen so imposant wie außen.

Rund 1200 Kilometer mit dem Auto, das schreit nach einer Zwischenstation in Deutschland. Ziemlich genau in der Mitte liegt Ulm. Ein kurzer Blick auf Google zeigt: Die Stadt sollte man sowieso einmal gesehen haben, nicht nur weil der alte Einstein und die Knef dort aufgewachsen sind. Das Wetter ist viel besser als befürchtet, nur die Temperatur passt so gar nicht zu Ende April. Es ist ziemlich kalt. Trotzdem bringen wir rasch die Koffer ins Hotel und gehen sofort Richtung Altstadt. Der erste Eindruck: eine mitunter recht mutige Kombination aus mittelalterlichen Prachtbauten, einer gewaltigen Kirche und neumodischen Glasfassaden. Schuld daran ist der 2. Weltkrieg: Im Dezember 1944 wurde Ulm bei massiven Luftangriffen fast vollständig zerstört. Manche Gebäude, etwa das alte Rathaus und das Schwörhaus, wurden originalgetrau wieder aufgebaut, andere durch moderne Bauten wie die „Neue Mitte“ ersetzt.

Ulm – ein Mix aus Mittelalter und Glasfassaden, aber das alte Fischerviertel ist sich treu geblieben.

Praktisch unbeschadet überstanden hat den Bombenhagel das „Münster unserer lieben Frau in Ulm“. Deutschlands größte evangelische Kirche ist auch die höchste: Der 161,53 Meter hohe Turm ist sogar der höchste Kirchturm der Welt. Nach einer Pause im riesigen Cafe Express mit fantastischer Schokotorte und Blick auf den Münster gehen wir noch durchs Fischerviertel an der Donau und suchen dann ein Restaurant mit typisch deutscher Küche. Wir finden nichts und entscheiden uns für eine Pizza Mimosa und eine Quattro Stagione. 

Der Brunnen am Place de la République lässt erahnen, wie schön Dijons Altstadt sein muss.

Wir kommen ganz gut auf der Autobahn in Deutschland weiter und stehen gegen 16 Uhr vor dem Appartement in Dijon. Wir müssen aber warten, der Code für die Eingangstür kommt – pünktlich wie angekündigt – um 16.30 Uhr aufs Handy. Das Appartement ist neu, klein und gemütlich. Nur die Glasschiebetür zu Bad und Klo ist etwas gewöhnungsbedürftig. Wir kaufen schnell ein paar Sachen ein und gehen dann in Richtung Stadt. 

Dijon ist auf den ersten Blick sympathisch. Der beeindruckend große Springbrunnen am riesigen Place de la République erinnert an einen ehemaligen französischen Präsidenten und lässt erahnen, dass es im echten Zentrum der Stadt wohl noch eine Spur prächtiger werden wird. Wir gehen über die J. J. Rousseau und die Verrerie hinein ins Zentrum und schlendern ziellos durch die Altstadt, zum Place de la Liberté und zur Notre-Dame. An der Westfassade, in der Rue de la Chouette, finden wir La chouette, die kleine Eule aus Stein, die all jenen einen Wunsch erfüllen soll, die sie mit der linken Hand streicheln. Wir versuchen es natürlich.

Vor allem in der Rue de la Chouette fühlt man sich wie im Mittelalter.

In der Rue de la Chouette fühlt man sich ein paar Jahrhunderte zurückversetzt – direkt hinein ins Mittelalter. Kein Wunder, dass die Gasse als ideale Location für Cyrano de Bergerac und Gerard Depardieu herhalten musste. Die Filmcrew musste kein einziges Detail an der Straße verändern.

Rund um die Markthallen reiht sich Restaurant an Restaurant. Wir entscheiden uns für das Bistrot des Halles und nehmen natürlich das Boeuf Bourguignone. Das muss in Dijon einfach sein.

Die ersten paar Stunden in Dijon haben Lust auf mehr gemacht, auch wenn das Wetter nicht so recht mitspielt. Es ist kalt und regnerisch, nur selten kommt die Sonne raus. Also schauen wir am nächsten Tag zuerst einmal in die Rue de la Liberté, die große Einkaufsstraße von Dijon. Das Ende der Straße markiert mit dem Porte Guillaume ein zum Triumphbogen gewordenes Stadttor. Dahinter liegt der Jardin Darcy, der 1840 als erster öffentlicher Park von Dijon errichtet wurde. Die eindrucksvolle Brunnenanlage wurde irgendwann über dem alten Trinkwasserspeicher der Stadt gebaut. Am Eingang des Parks wacht ein deutlich jüngerer Zeitgenosse: der Eisbär von Francois Pompon.

Prachtbauen von einst und jetzt: Die Cité International de la Gastronomie et Vin vereint, was den Franzosen immer schon Glücksgefühle beschert hat.

Vom Jardin Darcy wechseln wir in die Cité International de la Gastronomie et Vin, dem Mekka der französischen Ess- und Trinkkultur. In den verschiedenen Läden gibt’s alles, was die Franzosen glücklich macht: Wurst und Baguette, Käse und natürlich Wein.

Dem kommt hier ohnehin eine besondere Bedeutung zu. Bei der Cité beginnt die Route des Grands Crus, eine alte Kapelle ist zur Ausstellungshalle rund um den Wein der Bourgogne umfunktioniert worden. Die Kapelle war früher Teil des alten Hôpital Général, in dem Alte und Kranke gepflegt wurden. Heute dreht sich hier alles nur noch um Genuss.

Die ganze, rund 100 Hektar große Altstadt von Dijon steht unter Denkmalschutz.

Am Abend gehen wir noch einmal hinein in die Stadt. Am Place de la Liberté setzen wir uns gegenüber dem Palais des Ducs in einem der vielen Lokale hin und genießen den Blick über den weitläufigen Platz mit den im Boden versenkbaren Brunnen, die dank Stararchitekt Jean-Michel Wilmotte jeden Abend an die Oberfläche kommen und beleuchtet werden. Vor ein paar Jahren noch hätten wir mit dem Ausblick weit weniger Freude gehabt: Da war der Place de la Liberté noch ein unansehnlicher Busparkplatz. Dazu genießen wir Chablis – und einen Kir Royal. Richtig, auch der muss sein in Dijon. Schließlich hat ihn ja Monsieur Félix Kir, ein ehemaliger Bürgermeister der Stadt, erfunden.

Den nächsten Tag beginnen wir gleich einmal im Musée des Beaux Arts, das einen großen Teil des Palais des Ducs et des États de Bourgogne einnimmt. Der gewaltige Palast ist durch drei Innenhöfe – den Cours de Flore, den Cour de Bar und den Cour d’Honneur – verbunden und bietet nicht nur dem Museum Platz, sondern auch dem Rathaus. Und natürlich dem Corps de Logis, dem ehemaligen Wohnbau von Philippe le Bon.

Kunst ist in Dijon allgegenwärtig – im Musée des Beaux Arts natürlich, aber auch bei den Weinhändlern und bei Moutarde Maille.

Das Musée des Beaux Arts ist nicht umsonst eines der beiden wichtigsten Museen außerhalb von Paris: Rund 15.000 Kunstwerke sind in 50 Sälen auf mehr als 4.200 Quadratmetern ausgestellt. Von Rubens über Maillol bis Monet sind alle vertreten.

Den Tour Bon Philippe müssen wir vorerst verschieben – dafür hätten wir uns anmelden müssen. Wir buchen die Tickets für den Aufstieg für den nächsten Tag und gehen Richtung Palais de Justice und später entlang der Rue de la Liberté, wo wir in der herrlichen Boutique von Moutarde Maille landen. Unglaublich, wie viele Senfsorten dort gemacht werden. Wir kaufen ein paar kleine Gläser mit exquisiten Senfkreationen. Auch das muss sein in Dijon.

Ausverkauft! Patrick Bruel begeistert uns und 9000 andere Fans.

Das Abendprogramm hätte Sammy sicher nicht gefallen: Patrick Bruel live im Zenith de Dijon. Wir fahren mit der Tramway ein paar Stationen und steigen direkt vor der Arena aus. 9.000 Menschen passen in die gigantische – und bis auf den letzten Platz ausverkaufte – Halle. Stimmung und Konzert sind großartig, die letzte halbe Stunde absolviert Bruel mitten im Publikum.

Das Wetter wechselt von strahlendem Sonnenschein immer wieder unvermittelt zu strömendem Regen. Das passt ganz gut, als wir uns die Westfassade der Église Notre-Dame de Dijon zu Gemüte führen. In zwei Reihen sind dort furchterregende Wasserspeier aneinandergereiht, einer gruseliger als der andere – fast so grauenvoll wie das Wetter. Etwas oberhalb der steinernen Ungeheuer und weit weniger gruselig ist der Jacquemart, die Uhr an der Spitze des Südturms der gotischen Kirche.

Dijon von oben: Die 316 Stufen hinauf auf den Tour Philippe le Bon zahlen sich absolut aus.

Danach steht der Aufstieg auf den Tour Philippe le Bon an. 52 Meter ist der Turm hoch, 316 Stufen sind zu bezwingen. Julie, unser Guide, hat mit der Gruppe Mitleid und bleibt immer wieder einmal stehen, um uns zu Atem kommen zu lassen und von der Geschichte des Turms und vom guten Philippe zu erzählen. Auf halber Höhe des Turms führt eine Tür direkt hinein in Philippes Privatgemächer. Hin und wieder ist der gute Mann ganz sicher nach oben gestiegen, um die Aussicht über Dijon zu genießen. Und die ist ja auch wirklich fantastisch. Vor allem, weil das Wetter während des Aufstiegs wieder einmal umgeschlagen hat. Jetzt scheint die Sonne…

Hin und wieder hat sich auch der gute Philippe diesen Ausblick gegönnt.

Wieder unten am Place de la Liberté belohnen wir uns in der nächstbesten Brasserie mit einem Glas Côtes de Nuit. Einen Schluck können wir uns in der Sonne genehmigen, dann schüttet es urplötzlich wieder in Strömen. Nach ein paar meist regnerischen Runden durch die Stadt flüchten wir ins Appartement und lassen Dijon bei Baguette, Käse und Pastete ausklingen.

Es geht weiter in Richtung Lyon. In Beaune bleiben wir allerdings stehen, damit wir wenigstens ein bisschen was von der Region sehen. Die kleine Stadt an der Côte d’Or ist das Zentrum der burgundischen Weinproduktion – und damit laut französischer Logik natürlich der Nabel der Weinwelt. Tatsächlich findet hier in den Hospices jedes Jahr im November die weltweit größte Weinauktion statt. Wir wollen natürlich die Hospices, ein Kranken- und Armenhaus aus dem späten Mittelalter, besuchen.

Auch ohne Hospices offenbart Beaune schöne Plätze und Bauten.

Doch wir haben Pech: die Schlange vor dem Eingang ist ewig lang, außerdem ist Markttag und damit sowieso der Teufel los in Beaune. Also begnügen wir uns mit einem eher dürftigen Blick von außen über die Schlange hinweg in den Innenhof mit den beeindruckenden Fachwerkgalerien.

Was immer uns die Skulptur vor dem Rathaus sagen will, imposant ist sie auf jeden Fall.

Wir gehen noch ein bisschen durch die attraktive Stadt, sehen uns die Kirche Collégiale Notre-Dame und das Hôtel des Ducs du Bourgogne an, den Beffroi und das Rathaus mit der irgendwie kuriosen Skulptur am Vorplatz. Dann fahren wir weiter, machen am Stadtrand aber noch einmal Station bei einem Weinladen. Wir kaufen aber nur ein paar von den doch zu teuren Flaschen.

In Lyon haben wir ein Hotel direkt neben dem Bahnhof Parache gebucht. Alles perfekt, es gibt auch einen Parkplatz im Parkhaus direkt daneben. Das ist aber mit dem Auto nur über einen ziemlichen Umweg erreichbar und schwer zu finden. Wir schaffen es aber und gehen gleich in Richtung Stadt, denn der Wetterbericht verheißt nichts Gutes.

Frankreichs drittgrößter Platz und des Landes bester Koch: Paul Bocuse hat die „Nouvelle Couisine“ muterfunden.

Auch Lyon ist vom ersten Moment an sympathisch. Über die breite Victor Hugo kommen wir zum Place Bellecour, der allein schon wegen seiner Größe beeindruckend ist. 62.000 Quadratmeter machen ihn zum drittgrößten in ganz Frankreich. Nur der Place de la Concorde in Paris und der Esplanade des Quinconces in Bordeaux sind noch größer. Der Place Bellecour ist nicht gepflastert, sondern mit rotem Sand belegt. Leider sind die beiden Denkmäler – das „Pferd“ mit Sonnenkönig Ludwig XV. und die Statue des gleich ums Eck geborenen Antoine de Saint-Exupery – verhüllt. Wir gehen weiter entlang der ziemlich teuren Einkaufsstraße zum Place des Terreaux, der kein bisschen weniger imposant ist als der Bellecour. Mit 69 Wasserfontänen und dunklen Granitfliesen hat Künstler Daniel Buren den Platz Mitte der 90er-Jahre neugestaltet. Durchaus schön, aber völlig von Bäumen und Sträuchern befreit. Denn die mag Monsieur Buren offenbar nicht. Sogar das Aufstellen von Blumentöpfen verbietet er der Stadt…

69 Wasserfontänen und ein Brunnen, der eigentlich nicht für den Place des Terreaux gedacht war.

Dass es neben den Fontänen im Boden doch auch Wasser am Place des Terreaux gibt, liegt nicht an Daniel Buren. Der Fontaine Bartholdi ist das unumstrittene Highlight am Platz – obwohl der Brunnen eigentlich gar nicht hier stehen sollte. Denn das Gespann mit der Meeresgöttin Amphitrite stellt ursprünglich die Garonne dar und sollte deshalb auch in Bordeaux stehen. Dort ist der Stadt allerdings aufgrund der Kosten die Lust am Brunnen vergangen, weshalb er kurzerhand in Lyon aufgestellt – und die Figuren ein wenig umgedeutet wurden. Die Pferde sind jetzt die großen Flüsse Frankreichs und aus der Meeresgöttin ist die Nationalfigur Marianne geworden. 

Oben am Croix Rousse und unten an der Rhône.

Nachdem wir den Platz und auch das barocke Hôtel die Ville bestaunt haben, gehen wir hinauf zum Croix Rousse. Es ist ziemlich steil, oben ist die Aussicht toll – und der Wind absolut unangenehm. Also wieder hinunter zum Place des Terreaux. Wir trotzen dem Wind und trinken Bier und Wein vor einer Brasserie. Von dort sehen wir hinüber zum Palais Saint-Pierre, in dem das Musée des Beaux-Arts untergebracht ist. Mit 70 Sälen ist es das zweitgrößte Museum Frankreichs, das wollen wir auf keinen Fall versäumen. Doch irgendwie herrscht beim Eingang eine eigentümliche Ruhe. Kein Mensch geht rein, keiner kommt raus. Also sehen wir nach – und müssen entsetzt feststellen, dass das Museum vorübergehend geschlossen ist. Das war’s mit dem Regenprogramm für den kommenden Tag. Denn die Wettervorhersage bleibt miserabel.

Wir gehen noch kurz zur Rhône, dann retour Richtung Gare Perrache. Am Place Carnot essen wir in einem winzig kleinen kreolischen Lokal, dem Restaurant des Iles, ein sehr gutes Huhn in Ingwersauce.

Der Wetterbericht stimmt leider, hat eventuell nur ein wenig untertrieben. Es regnet in Strömen. Wir bleiben lange im Bett, dann entscheiden wir uns für einen Besuch des Musée de les Arts moderne. Selbstbewusst nehmen wir die Tram in Richtung Confluence, dem Punkt, an dem sich die Rhône und die Saône vereinen. Es ist Sonntag und es regnet, also haben viele Leute denselben Plan. Wir stehen vor dem imposanten Bau an, müssen den Regenschirm zuerst in Plastik verpacken, dann abgeben. In der Eingangshalle des modernen Gebäudes überkommen uns erste Zweifel. Was hier ausgestellt ist, hat mit moderner Kunst nichts zu tun. Eine Sonderausstellung vielleicht?

Rhône und Saône fließen beim großartigen Confluence zusammen.

Als wir das Ticket endlich haben, merken wir: Das ist auch nicht das Musée de les Arts moderne. Wir sind im Musée des Confluences gelandet, wo die Geschichte der Menschheit eindrucksvoll präsentiert wird. Egal, wir beschließen, uns nicht über unseren Fauxpas zu ärgern und kämpfen uns durch das Museum. Das ist auch optisch absolut sehenswert. Die österreichischen Architekten von Coop Himmelblau haben das Gebäude aus Stahl und Glas geplant und dabei das Budget und die Nerven der Stadt Lyon ziemlich strapaziert. Aus den geplanten 60 Millionen Baukosten sind 300 geworden, eröffnet wurde 2014, knapp zehn Jahre nach dem ursprünglich geplanten Eröffnungstermin. Eine Erfolgsgeschichte ist das Museum aber trotzdem: mehr als drei Millionen Besucher kommen pro Jahr!

Das Wetter bleibt Spielverderber. Wir essen Törtchen bei De Keyzer und verziehen uns ins Hotel. Am Abend gehen wir in Bistro Victor und essen Rinderlende in Käsesauce und Caesars Salad. Dazu bringt uns die Kellnerin nicht den eigentlich bestellten Wein, sondern den teuersten auf der Karte. Dafür ist er aber auch verdammt gut. Wir planen nebenbei auch den nächsten Tag – und stellen fest, dass es mit dem Museum der modernen Kunst auch dann nichts wird. Das ist Montag nämlich geschlossen…

Der Tag beginnt so, wie der gestrige geendet hat: mit Regen. Egal, wir frühstücken bei Paul – derweil wird das Wetter immer besser. Wir fahren mit der Seilbahn hinauf in das Fourvière-Viertel und gehen dort gleich einmal in die Kirche. Die Notre-Dame de Fourvière thront hoch über der Altstadt, war aber nicht immer so riesig wie heute. Irgendwann Mitte des 17. Jahrhunderts hatte überall die Pest gewütet, nur Lyon war verschont geblieben. Was die Bewohner als göttliches Zeichen sahen und zum Dank eine – recht kleine – Kirche errichteten. Erst später wurde die Kirche gewaltig ausgebaut und zu einem Wahrzeichen der Stadt. In der Krypta ist gerade eine Kopie des Leichentuchs von Jesus ausgestellt, also sehen wir uns auch das an, ehe wir wieder raus zur Esplanade gehen. Der Blick über Lyon ist fantastisch. 

Die Notre-Dame de Fourvière war nicht immer so beeindruckend groß und schön!

Gleich in der Nähe steht der „kleine Eiffelturm“, ein kleines Ungetüm aus Stahl, das tatsächlich von Gustave Eiffel geplant wurde. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Passarelle des Quatre-Vents. Der Ausblick ist schön, aber bei weitem nicht so atemberaubend, wie es die Reiseführer versprechen.

Danach tauchen wir in die Welt der alten Römer ein. Die hatten 43 v. Chr. auf dem Fourvière-Hügel die Siedlung Lugdunum errichtet. Damit den Römern nicht fad wird, ließ Kaiser Augustus ein Amphitheater für rund 10.000 Zuschauer und gleich daneben das kleinere Odeon errichten. Beide sind noch in einem bemerkenswert guten Zustand. Etwas mehr über die Römer kann man im Musée Lugdunum erfahren – wenn man nicht gerade, so wie wir, am Montag dort ist. 

Den Weg hinunter in die Altstadt nehmen wir zu Fuß. Es ist verdammt steil, der uralte Funiculaire, der recht spektakulär über und manchmal sogar unter den Dächern von Vieux Lyon dahingleitet, hat schon seinen Sinn.

Auf den Spuren der alten Römer und der alten Päpste – die Verbindung zwischen Fourvière und den drei alten Quartiers schafft der spektakulär über die Dächer der Stadt führende Funiculaire.

Das „alte“ Lyon besteht aus drei Quartiers: Saint-Jean, Saint-Paul und Saint-Georges. Wie die Namen schon vermuten lassen, hat jedes der Viertel seine eigene Kirche. Die Kathedrale Saint-Jean ist die größte. Gut drei Jahrhunderte wurde daran gebaut, später wurde hier sogar ein Papst gewählt. Bis sich der zerstrittene Haufen von Kardinälen freilich auf Johannes XXII. einigen konnte, verging allerdings einige Zeit. Erst, als Robert von Anjou der Geduldsfaden riss und er den Kardinälen eine Entscheidungshilfe aufdrängte, fielen die Würfel. Anjou ließ die Kardinäle kurzerhand in der Kathedrale einmauern, um die Entscheidungsfindung zu beschleunigen.

Zurück im „neuen“ Lyon schlendern wir noch einmal über die Republique und die Herriolt und durch die kleinen Gassen mit Bistros, Lokalen und Geschäften, trinken am Place de Terreaux Bier und Wein. Im Shop von Olympique Lyon finden wir dann noch einen Lyon-Ball für Sammy. Das muss sein.

Am Abend gehen wir ins Chez Micheline am Place Carnot. Rumpsteak und Fisch sind großartig. Ein letztes Glas Wein bei Viktor muss natürlich auch noch sein

Mit „Les Bulles“ geht es von der Altstadt hoch über Grenoble hinauf zur Bastille.

Nächste Station: Grenoble. Das Wetter ist gar nicht so schlecht, es ist relativ warm und sonnig. Das Appartement können wir erst am Nachmittag beziehen, also stellen wir das Auto in einer Garage ab und gehen gleich einmal in die Innenstadt. Wir haben uns auf Grenoble gefreut, aber irgendwie hält sich die Begeisterung in Grenzen. Einige nette und schöne Plätze wie der Place Grenette oder der Place St-Andrè, einige nette Straßen – aber auch nicht mehr. Wir gehen zur Isere und fahren mit der Téléphérique hinauf zur Bastille. Die Fahrt mit „Les Bulles“ ist ein Erlebnis: Die fünf Kugeln hängen hintereinander an einem Stahlseil und bringen die Besucher innerhalb von ein paar Minuten hinauf zur alten Festung. Rund 14 Millionen Menschen sind seit 1934 von „Les Bulles“ transportiert worden. 

264 Meter über der Stadt wacht das Fort de la Bastille über der Stadt. Im 16. Jahrhundert hatte man die Festung noch gebaut, um Angriffe von den Alpen abzuwehren. Sogar der alte Vauban machte sich später noch Gedanken, wie man das Fort weiter ausbauen könnte. Realisiert wurden seine Ideen nicht mehr: das Militär konnte keine akuten Bedrohungen mehr entlang der Alpen ausmachen.

Wenn das Wetter mitspielt, kann man in der Ferne den Mont Blanc erkennen.

Heute ist das Fort vor allem Ausflugsziel und Aussichtsplattform. Der Blick über die Alpen ist genial, sogar der Mont Blanc ist hin und wieder zu sehen, wenn das Wetter mitspielt.

Vor der Einfahrt zur Garage des Appartementkomplexes warten wir auf Hinache. Er zeigt uns die Garage und führt uns hinauf in das Appartement. Der Architekt kann kein allzu großer Menschenfreund gewesen sein. Die Garage finster und furchterregend, die Gänge zu den Wohnungen sind eng und düster und lang, das Appartement sehr klein. Aber immerhin: es gibt Balkon. Und für eine Nacht ist das schon ok. 

Trotzdem flüchten wir rasch wieder retour in die Stadt. Wir landen im La Table Rond, einem traditionsreichen Café am Place St-André. Essen und Wein sind hervorragend. Kein Wunder, man hat auch einen Ruf zu verteidigen – haben doch Brel, Brassens, Ferrat und Co. auch schon hier gespeist.

Bei einem Glas Chablis am kleinen Balkon ziehen wir Bilanz: Grenoble, Universitätsstadt und Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1968, sollte man schon gesehen haben. Aber viel mehr als ein Tag muss auch nicht sein.

Weiter nach Chamonix-Mont Blanc. Heuer soll uns gelingen, was wir vor 35 Jahren nicht geschafft haben: Wir wollen hinauf und den Mont Blanc von oben sehen. Nicht zu Fuß, mit der Seilbahn. Seinerzeit wollten wir auf der Durchreise Richtung Provence nach einer Nacht am Lac Leman über den Mont Blanc fahren. Ein Wintereinbruch war freilich Spielverderber.

So nahe waren wir noch nie am Mont Blanc, aber hinauf kommen wir auch diesmal nicht…

Auch diesmal ist die Wettervorhersage ziemlich katastrophal. Regen, Schnee, Sturm – die Aussichten sind nicht gut. Allerdings: am Weg Richtung Chamonix wird es immer besser, die Sonne scheint, es ist sogar warm, kaum ein Windhauch ist zu spüren, der Blick auf die Berge rundherum fantastisch. Wir disponieren kurzerhand um und beschließen, das unerwartet gute Wetter zu nutzen und gleich auf den Aguille du Midi hinaufzufahren. Am Parkplatz ziehen wir uns Wanderschuhe und dicke Jacken an, dann gehen wir voller Euphorie zur Seilbahnstation. Dort winkt man ab: die Bahn fährt nicht. Viel zu viel Wind oben am Aguille du Midi…

Von Chamonix haben wir nicht viel erwartet, aber die Stadt ist dann viel netter und schöner, als wir uns vorgestellt haben. Unser Hotel liegt mitten im Zentrum – und ist schon ziemlich in die Jahre gekommen. Das Zimmer selbst ist noch ok, aber WC und Bad sind eine einzige Katastrophe. Zum kleinen Balkon kommt man nur durch das Bad und über das Bidet. 

Macht nichts, auch von unten ist der Blick hinauf auf den Berg faszinierend.

Das Essen in der Brasserie Le National in der Rue du Docteur Paccard entschädigt für den Tag. Poulet rôti und Escalope Savoyarde sind wunderbar. Was wir mit dem nächsten Tag machen, wissen wir nicht. Der Wetterbericht lässt aber keinen Zweifel daran, dass wir auch diesmal nicht rauf auf den Mont Blanc kommen.

Es regnet tatsächlich in Strömen. Die Seilbahn fährt zwar hinauf auf den Aiguille du midi, aber im Tourismusbüro rät man uns von einer Fahrt ab. Man würde oben aufgrund des Nebels und Schneefalls keine zwei Meter sehen – und das bei minus acht Grad.

Also gehen wir noch einmal durch Chamonix, schauen uns bei der Seilbahnstation einen hochinteressanten Film über den Mont Blanc in 4D an, essen „Mont Blanc“-Torte und Zitronentörtchen, kaufen noch einen Ball für Sammy, ein paar Zeitungen und Wein und gehen ins Hotel. Erst am Abend wagen wir uns wieder raus. Es regnet noch immer, auch nach der guten Pizza im „Irish Coffee“ gleich gegenüber vom Hotel.

Die Sonne kommt zu spät: Wir müssen zurück zu Sammy, da muss der Aguille du Midi halt noch weiter auf uns warten.

Der Wetterbericht verheißt weiterhin nichts Gutes. Wir beschließen, die rund 1000 Kilometer nach Hause am nächsten Tag durchzufahren. Am Morgen sind wir knapp daran, den Plan wieder über den Haufen zu werfen: Strahlender Sonnenschein, die Berge rundherum wunderbar verschneit. Wir überlegen aber nur kurz, ob wir es versuchen sollen, doch noch auf den Aiguille du Midi zu fahren. Zu unsicher ist die Wetterlage. Müssen wir halt ein anderes Mal hinauf auf den Mont Blanc! 

Viele Stunden später sind wir daheim. Sammy ist uns nicht mehr böse, im Gegenteil. Er freut sich – und setzt den Blick auf, den wir nur allzu gut kennen: Das nächste Mal, Freunde, bleib ich nicht daheim!

BURGUND

Einwohner: 1,5 Millionen.

Hauptstadt: Dijon. Burgund war bis 2015 eine eigenständige Region, seither ist es Teil von Bourgogne-Franche-Comté

Regionen & Sprachen: Côte-d’Or, Niévre, Saône-et-Loire. 

Geschichte: Seit der Altsteinzeit von Menschen besiedelt. Nach den Neandertalern und den Kelten kamen die Römer, die bei Alesia 52 v. Chr. unter Caesar den Aufstand unter Vercingetorix niederschlugen. Etwa 451 nach Christus wurden die Burgunder von den Römern geduldet, die sich im Lauf der Zeit festsetzten und ihr eigenes Reich schufen. Das Herzogtum Burgund wurde zwischen 1031 und 1361 von den Kapetingern regiert, später von Philipp den Kühnen aus dem Haus Valois. Ein Teil von Burgund, Flandern, ging später an die Habsburger. Die Grenzen des heutigen Burgund wurden 1956 festgelegt.

RHÔNE-ALPES

Einwohner: 6 Millionen.

Hauptstadt: Lyon. Seit 2016 Teil der Region Auvergne-Rhône-Alpes

Regionen & Sprachen: Ain, Ardèche, Drôme, Isère, Loire, Rhône, Savoie, Haut-Savaie. 

Geschichte: Früher Teil des frühmittelalterlichen Königreichs Burgund. Die Region Rhône-Alpes entstand 1960. Heute die Region mit der zweitgrößten Bevölkerungszahl nach der Île-de-France.

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