Südengland: Wild, romantisch – und ziemlich mystisch

Landschaften, so schön wie in Rosamunde Pilchers Erzählungen, schroffe Klippen, an denen unzählige Schiffe zerschellt sind, gigantische Kathedralen, rätselhafte Steinformationen und sagenumwobene Herrscher – man braucht Zeit, um Südengland zu beschreiben, und noch viel mehr Zeit, um nur einen kleinen Teil von Südengland zu entdecken. Wir hatten letztlich auch noch weniger Zeit für das Land als geplant. Aber am Ende hat sich auch Sammy mit den Engländern versöhnt.

Wenn man schon einmal mit Hund in Montenegro war, dann dann ist es kaum vorstellbar, dass die Einreiseformalitäten für Hunde irgendwo auf dieser Welt noch strenger und bürokratischer als in dem kleinen Balkanstaat sein könnten. Aber klar, sie können! In England…

Wir müssen ein von unserem Sohn unterschriebenes Formular immer mit dabeihaben, in dem er – laut Europäischem Hundepass ist er Sammys Besitzer – bestätigt, dass der Hund tatsächlich mit uns reisen darf. Ich muss auch ein Formular mitführen, in dem ich bestätige, dass ich Sammy in England nicht zu verkaufen gedenke. Und natürlich braucht Sammy jede Menge Impfungen. Eine Tollwutimpfung zum Beispiel, die er mindestens 21 Tage vor der Einreise bekommen muss. Oder eine Bandwurmbehandlung. Die darf er wiederum frühestens fünf Tage vor der Einreise bekommen. Die Tollwutimpfung macht uns keine Sorgen, Sammy ist seit der Geburt geimpft, die nötigen Auffrischungen hat er regelmäßig bekommen. Die Bandwurmgeschichte müssen wir entsprechend planen, den ganzen Papierkram rund um seine Einreise erledigen. Kaum der Rede wert, dass natürlich auch wir Menschen via Internet unsere Einreise rechtzeitig ankündigen und dafür ein paar Euro überweisen müssen.

Eigentlich wollen wir mit der Fähre von Dover nach Calais fahren, aber das dauert ein paar Stunden – und Sammy müsste die ganze Zeit über allein im Auto bleiben. Denn die Menschen müssen an Deck, ausnahmslos. Also entscheiden wir uns für den Eurotunnel, der ist ohnehin viel spannender. Auch da muss Sammy zwar im Auto bleiben, aber nicht allein – hier dürfen auch die Menschen nicht aus dem Auto. Außerdem dauert die Fahrt mit dem Zug gerade einmal 35 Minuten.

Mit der Anreise lassen wir uns Zeit. Erste Station: Würzburg, nicht mehr als 550 Kilometer. Sammy ahnt schon seit Tagen, dass wieder einmal ein richtiges Abenteuer bevorsteht. Aber ganz sicher ist er sich nicht, dass er wirklich mitkommen darf. Umso größer die Freude, als wir ihn ins Auto lassen. Die Fahrt ist mühsam, den ersten Stau gibt’s schon in Österreich, die nächsten folgen natürlich in Deutschland. Obwohl wir bei Erlangen kilometerlang nur im Schritttempo weiterkommen, sind wir, wie geplant, um 15 Uhr im G-Hotel. Das Hotel ist modern – so modern, dass die Rezeption zwar besetzt ist, für das Einchecken aber der virtuelle Fritz zuständig ist. Ein mühsamer Geselle, aber mithilfe des jungen Mannes an der Rezeption schaffen wir auch den Fritz…

Alte Kirchen, schöne Plätze, viel Grün und ein alter Kraker: Würzburg gefällt uns…

Im Zimmer vollzieht Sammy sein neues Ritual: er springt sofort ins Bett. Nachdem das erledigt ist, können wir über den Berliner Platz und die Ludwigstraße in Richtung Innenstadt starten. Würzburg ist eine sympathische Stadt, die Häuser sind alt, die Plätze schön und die Bayern freundlich. Wir gehen über den Marktplatz in Richtung Main, schauen uns den alten Kraker an und landen schließlich bei der alten Mainbrücke, der ersten Brücke, die in Deutschland allein aus Stein errichtet wurde. Meterhohe Heiligenfiguren wachen über die Brücke, die für die Würzburger auch aus einem anderen Grund eine zentrale Bedeutung haben dürfte. Es ist Mittwoch, gerade einmal 16 Uhr – aber die Brücke ist voll mit Menschen, die sich prächtig unterhalten und ein Glas von jenem Wein genießen, der drüben von den Weinbergen kommt. Brückenschoppen heißt das bei den Würzburgern. Mit dem Wein warten wir noch. Zuerst klappern wir noch die Sehenswürdigkeiten der Stadt ab. Den Dom St. Kilian, die imposante Residenz, für deren Ausstattung man um 1700 herum die bedeutendsten Freskenmaler engagierte, darunter den Italiener Giovanni Tiepolo, der im Treppenhaus das größte zusammenhängende Fresko der Welt schuf. Und natürlich den Residenzgarten mit seiner großartigen Gartenanlage. Bei der Festung Marienberg, die seit rund 1.000 Jahren die Stadt beschützt, lassen wir es mit einem Blick aus der Entfernung gut sein. Schließlich müssen wir noch den Würzburger Wein kosten.

… und das liegt auch an der Tradition des Brückenschoppens.

Während wir den Silvaner trinken, ziehen Wolken auf. Der Blick auf den Wetterbericht verheißt nichts Gutes: Morgen soll es regnen, in Würzburg ebenso wie in Lüttich, unserer nächsten Station. Weil wir die Regenschirme – wir fahren ja nur nach England… – vergessen haben, kaufen wir noch rasch zwei Stück. Meiner ist, kaum dass wir das Einkaufszentrum verlassen haben, auch schon wieder kaputt.

Am Abend essen wir im Backofele in einer kleinen Gasse in der Altstadt. Das Lokal ist riesengroß, aber gerammelt voll. Trotzdem findet die Kellnerin einen kleinen Tisch am Gang. Weil es dort für Sammy recht eng ist, siedelt uns die Kellnerin nach hinten um, als ein Tisch frei wird. Die Kellner sind im Stress, aber trotzdem unglaublich freundlich. Und das Essen, Zwiebelschmorbraten und Spargelnudeln, schmeckt hervorragend.

Das Wetter hält, was die Vorschau versprochen hat. Es regnet von Minute zu Minute stärker. Dazu ist der Verkehr in Richtung Lüttich enorm, wir stehen immer wieder im Stau. Auf Lüttich haben wir uns gefreut, deshalb haben wir ein Hotel gesucht, das wir schon um 14 Uhr beziehen können. Theoretisch, denn in der Praxis spielt es das wetterbedingt dann nicht. Wir kommen kurz vor 16 Uhr im Campanile an, ist aber egal, weil es sowieso schüttet und die Lust auf eine Stadtbesichtigung gering ist. Nach einer Pause wagen wir uns durch enge und steile Gassen mit Kopfsteinpflaster hinunter in die Stadt. Sicher schön, wenn das Wetter besser wäre. Die Lütticher Waffeln wollen wir eigentlich im Gaufrette Sapperlipopette probieren, den Weg dorthin tun wir uns bei dem Regen aber nicht an. In einem kleinen Waffelladen zwischen Place du Marché und Place St-Lambert nehmen wir welche mit Schokolade. Schmeckt gut, ist aber keine gute Idee. Hände, Gesicht, Gewand – alles voller Schokolade.

Im Regen macht Lüttich nur halb so viel Spaß.

Egal, was wir nicht wegbekommen, wäscht der Regen ab. Der Spaziergang durch die Stadt ist nicht wirklich lustig, wir lassen Georges Simenon und seinen Maigret links liegen und verzichten notgedrungen auch auf den Gare de Liège-Guillemins, den angeblich schönsten Bahnhof von Belgien. Am frühen Abend landen wir im La Bouletterie Liegeoise am Place du Marché. Die Bouletten sind wirklich gut, aber – vor allem nach den Waffeln – viel zu viel. Sammy ist der Star im La Bouletterie, er bekommt von allen möglichen Gästen Streicheleinheiten. Am nächsten Tag hat der Regen aufgehört, und weil wir ohnehin Zeit haben, fahren wir zum Frühstück in die Stadt hinunter.

Am nächsten Tag kommt die Sonne raus, aber da müssen wir schon bald wieder weiter.

Ohne Regen ist Lüttich tatsächlich schön, diesmal schaffen wir es ins Gaufrette Sapperlipopette – wir belassen es aber bei Kaffee und Croissants. Dann gehen wir noch einmal durch die Stadt und machen uns auf den Weg nach Calais. In drei Stunden sollten wir dort ankommen, aber mehrere Staus kosten uns wieder eine Stunde. Das Hôtel de la Plage liegt direkt am Strand, das ist der große Pluspunkt. Alles andere ist eher schäbig und könnte eine gründliche Sanierung vertragen. Die Türen sind undicht, die Türschnallen nur irgendwie dran, ins Bad passt auch eine Person alleine nur mit viel Fantasie und offenbar ist es auch zu klein, um ein Duschgel unterzubringen. Aber davon lassen wir uns den Tag nicht vermiesen, wir wollen den halben Tag in Calais genießen, morgen sind wir dann sowieso schon in England.

Calais hat nicht nur schöne Strände und einen recht martialischen Dinosaurier, sondern auch…

Wir gehen den Strand entlang in Richtung Zentrum, sehen den Drachen von Calais aus seiner „Höhle“ fahren und trinken Bier und Kaffee unter dem alten Wachtturm am Place d’Armes. Den 75 Meter hohen Belfroi neben dem alten Rathaus sehen wir schon von weitem. Noch schöner ist das Rathaus selbst, mit den bunten Blumen im Garten davor und Auguste Rodins Les Bourgeois de Calais. Die Skulptur erinnert an jene sechs Bürger von Calais, die 1347 ihr Leben geben wollten, um die Bewohner der Stadt zu retten. Acht Monate lang dauerte die Belagerung durch die Engländer schon, und die Menschen in Calais waren am Verhungern, als König Eduard III. versprach, die Belagerung zu beenden, wenn sich sechs Bürger opfern und ihm mit unbedecktem Kopf, nackten Füßen, einem Strick um den Hals und die Schlüssel der Stadt in der Hand gegenübertreten würden. Zum Glück erbarmte sich die Königin der Bürger und redete ihrem König ins Gewissen…

… eine lange Geschichte, die sich nicht nur in Rodins legendärer Skulptur vor dem Rathaus manifestiert. Am Eingang des Richelieu-Parks dokumentiert die Skulptur von Winston Churchill und Charles de Gaulle das enge Bündnis von Frankreich und England während der Weltkriege.

Den Tag in Calais lassen wir in der Brasserie de la Mer bei Carbonade Flamande, Huhn und Wein zeitig ausklingen. Schließlich müssen wir früh raus, um das Einchecken mit Sammy zu schaffen. 

Irgendjemand hat einmal gesagt, dass ein guter Tag mit einem guten Kaffee beginnt. Seit heute wissen wir: ein schlechter Kaffee am Morgen bringt nichts als Sorgen. Wir bekommen zum Frühstück im Hôtel de la Plage – das kostet immerhin 14 Euro pro Person – grauslichen Filterkaffee vorgesetzt. Kaffee aus der Espressomaschine gibt es, ist aber extra zu bezahlen. 

Wir packen unsere Koffer ins Auto und fahren früh ab, wir müssen mindestens eineinhalb Stunden vor der Abfahrt in die Pets Station, wo Sammys Einreiseformulare und Impfzeugnisse auf Herz und Nieren überprüft werden sollen. Wir haben ein gutes Gefühl, weil wir uns ja auch intensiv vorbereitet haben. Außerdem kommen wir gleich dran. Ich lege der jungen Dame hinter dem Schalter die ganzen Formulare hin, lese auf Anhieb Sammys Chip aus und bin guter Dinge, dass wir gleich das o.k. für die Einreise bekommen. Deshalb glaube ich, dass ich mich verhört habe, als die Dame plötzlich sagt: „Es gibt ein Problem mit dem Hund.“ Die Tollwutimpfung, über die wir uns am wenigsten Gedanken gemacht haben, ist tatsächlich ein paar Tage zu spät verabreicht worden. Es ist kompliziert: Laut Einreisebestimmung muss die Auffrischungsimpfung jeweils spätestens zwei Jahre nach der letzten Impfung passieren. Wenn die Impfung auch nur einen Tag nach dieser Frist verabreicht wird, beginnt auch die 21-Tage-Frist wieder von vorne zu laufen. Obwohl die Wirkung der Impfung mindestens drei Jahre andauert. Egal, es rächt sich, dass wir den Impftermin verschoben haben, weil Sammy nicht ganz gesund war – und wir und die Tierärztin übersehen haben, dass die Frist verstrichen ist und bis zur geplanten Einreise weniger als 21 Tage vergehen werden – nämlich nur 16 Tage.

Einfach nur idiotisch! 

Wir können nach England einreisen, sagt die Dame hinter dem Schalter. Der Hund müsse aber hierbleiben. Er könne derweil ja in einem Hundehotel bleiben. Und in fünf Tagen könnten wir ihn dann ja nach England holen. Ich erkläre ihr, dass wir das Sammy nie und nimmer antun würden, dass wir ihn nicht allein in einem Hundehotel mit fremden Menschen lassen können. Ich erkläre ihr, dass wir Ferienhäuser in England gebucht haben, die wir nicht mehr stornieren können, dass wir Geld verlieren, dass wir alle Formalitäten mit unserer Tierärztin abgesprochen haben, dass alles passen müsse. Sie zuckt nicht einmal mit den Schultern, bleibt Bürokratin vor dem Herrn und unerbittlich. Sammy darf erst in fünf Tagen einreisen, sagt sie noch einmal, es gibt Hundehotels, sie könne lediglich das Ticket für LeShuttle von heute, Samstag, auf kommenden Freitag umschreiben. Denn sonst verliert das Ticket spätestens zwei Stunden nach dem gebuchten Termin seine Gültigkeit. Ich versuche es noch einmal, frage nach einem Tierarzt. Keine Chance, sie mache doch nur ihren Job. Dass ich irgendwann grantig werde, macht die Sache nicht besser. Wir gehen ins Auto, versuchen herunterzukommen und überlegen, was wir machen.

Von einem Sonnenuntergang in Cornwall können wir vorerst nur träumen!

Wir haben eh keine Wahl. Also entscheiden wir, in der Nähe von Calais ein Appartement zu suchen und die erste Woche in England abzuschreiben. Manuela geht noch einmal zu der Dame, die nur ihren Job macht, um das Ticket umschreiben zu lassen. Wir wollen mit dem ersten LeShuttle am Freitag nach Mitternacht fahren, damit wir wenigstens noch einen ganzen Tag im Appartement in Lulworth Cove sein können. Der erste Zug würde um 0.15 Uhr fahren, aber den lässt uns die Dame nicht buchen. Wenn wir nämlich um 0.15 Uhr in Frankreich losfahren, dann sind wir 35 Minuten später – aufgrund der Zeitumstellung allerdings 20 Minuten vor Mitternacht – in England. Dann wäre Sammy über eine Viertelstunde illegal im Land, und das geht auf gar keinen Fall…

Der Tag ist definitiv noch beschissener als der Kaffee. Natürlich, klassischer Fall von „selber schuld“. Allerdings ist uns die Dame hinter dem Schalter der Pets Station offenbar nicht gerade wohlgesinnt. Ansonsten hätte sie uns vermutlich darauf hingewiesen, dass wir bei einer Einreise in fünf Tagen erneut ein gravierendes Problem haben könnten: Dann ist nämlich die Gültigkeit der Bandwurmbehandlung schon wieder abgelaufen. Zum Glück stolpern wir einen Tag vor dem zweiten LeShuttle-Versuch über einen Tierarzt…

An die Bandwürmer denken wir nicht, als wir die Pets Station ziemlich verzweifelt verlassen, in Calais einen Kaffee trinken und überlegen, was wir jetzt machen. Wir suchen ein Appartement irgendwo am Meer, nicht allzu weit von Calais entfernt. Dass wir uns für das Confort in der Rue du Novembre in Berck-sur-mer entscheiden, liegt nicht daran, dass uns der Ort auch nur irgendetwas gesagt hätte – aber mit knapp 600 Euro zählt es zu den günstigeren, vor allem aber haben wir keine Zeit, lange herumzusuchen. Der Akku beider Handys ist so gut wie leer…

Wir vertreiben uns die Zeit, bis wir in Berck „einziehen“ können, mit einer kurzen Wanderung am Cap Blanc-Nez.

Wir fragen, ob wir vor 17 Uhr ins Apartment können. Dürfen wir, aber vorher müssen die Kaution freigegeben und die 15 Euro Zusatzkosten für Sammy überwiesen sein. Irgendwie müssen wir die Zeit aber trotzdem totschlagen, also fahren wir am Weg nach Berck noch an die Côte d’Opale zum Cap Blanc-Nez. Wir waren vor gut 15 Jahren schon einmal da, das Cap ist noch immer traumhaft schön und mit den über 100 Meter kerzengerade ins Meer fallenden Felsen spektakulär. Trotzdem können wir die Wanderung entlang der Klippen nicht wirklich genießen, der Zorn über unseren dummen Fehler überwiegt.

Berck-sur-mer hat schon seinen Reiz mit dem langen Strand, vielen Drachen und den windschiefen Badhäuschen – aber es ist halt doch nur eine Notlösung.

Daran ändert sich auch in Berck nichts, obwohl das Apartment ganz in Ordnung ist und in einer ruhigen Seitenstraße, aber trotzdem nahe am Meer liegt. Wir kaufen für das Wochenende ein, gehen vor zum Meer und trinken Bier im La Plage auf der Esplanade Parmentier, ehe wir uns am Abend Gedanken über ein Alternativprogramm machen. Viel fällt uns nicht ein, rund um Berck gibt es nicht viel, die Gegend bei Calais und Richtung Normandie kennen wir gut. Einzig Amiens erscheint uns als lohnenswertes Ziel. Klar ist nur, dass wir viele Ziele in Südengland von unserer Liste streichen müssen: Winchester, Avebury, Glastonbury, möglicherweise auch Stonehenge. Wir sind deprimiert, Sammy inklusive, der natürlich merkt, dass einiges an diesem Tag schiefgelaufen ist.

Wir stellen uns langsam auf ein paar Tage am Strand ein. Angeblich gibt es in der Baie d’Authie auch ein paar Seehunde. Wenigstens etwas. Ein kleines bisschen bessert sich die Laune beim Frühstück mit Baguette und Croissants aus der Boulangerie La Talmeliere, dann fahren wir an den Strand und setzen uns auf die Felsen. Seehunde sehen wir, aber die sind weit entfernt und kaum zu erkennen. Am Abend gehen wir wieder vor zur Strandpromenade, diesmal ist die Hölle los. Viele Menschen, die offenbar alle am Strand ihre Drachen steigen lassen. Das macht einen eigenartigen Lärm, der Sammy wohl an Drohnen erinnert. Und das macht ihm große Angst. Wir flüchten uns in das La Plage und trinken Wein, dann gehen wir zurück ins Appartement. Nach einem weiteren ereignislosen Tag am Strand fahren wir nach Amiens – und gehen dort gleich einmal in die Kathedrale. Wenn es um ihre Gotteshäuser ging, war der katholischen Kirche noch nie etwas zu teuer. Die Dimensionen der Notre Dame d’Amiens sind gigantisch, die Fenster traumhaft schön, und überall gibt’s ein bisschen Gold – der perfekte Ort, um eine einzigartige Reliquie aufzubewahren. Kreuzfahrer hatten Anfang des 13. Jahrhunderts den Kopf von Johannes dem Täufer mit nach Frankreich gebracht, und weil man den nicht einfach irgendwo lagern wollte, begann man mit dem Bau einer Kathedrale, die alle bekannten Dimensionen sprengen sollte. Ein paar Jahrzehnte später stand in Amiens die größte und höchste Kathedrale Frankreichs. 

Das absolute Highlight von Amiens ist die gigantische Kathedrale.

Irgendwo am Weg zu Hôtel de Ville und Belfroi stolpern wir auch über Erinnerungen an Jules Verne, der sich Ende des 19. Jahrhunderts im „Haus am Turm“ niedergelassen hatte, weil seine Frau es so wollte, und Amiens in allerhöchsten Tönen lobte – weil es nah genug an Paris liegt, aber weit genug entfernt ist vom „unerträglichen Lärm und der Hektik dort“.

Dass manche Menschen in Amiens auch ein „Venedig des Nordens“ erkennen wollen, liegt an den Hortillonnages, den schwimmenden Gärten von Amiens. Wir drehen eine Runde durch den herrlich grünen Park, dann genehmigen wir uns im lebendigen Viertel St-Leu noch Bier und Wein in einem der vielen Lokale am Fluss.

Jules Verne hat es in Amiens auch gefallen, weil es grüner und ruhiger ist als Paris. Und vielleicht auch wegen der Lokale im St-Leu-Viertel. Dort gefällt es auch Sammy.

Zurück in Berck lassen wir den Tag mit Pizza und Wein ausklingen. Aber schon da lässt mir Sammys Bandwurmbehandlung keine Ruhe mehr: Als wir kurz zuvor zufällig bei einer Tierarztpraxis vorbeigehen, dämmert mir, dass die 5-Tage-Frist abgelaufen ist, wenn wir in der Nacht auf Donnerstag nach England einreisen wollen.

Also gehen wir am nächsten Tag gleich in der Früh in die Praxis und machen uns einen Termin für 16 Uhr aus. Die Zeit bis dahin verbringen wir wieder an der Baie d’Authie. Wie jeden Tag versammeln sich am Kai, der ein Stück weit hinaus auf ins Meer führt, ziemlich viele Menschen. Diesmal meiden wir die Ansammlung zum Glück nicht: Denn hier liegen sie, die Seehunde, und faulenzen auf dem nur wenige Meter entfernten Strand. Es ist eine unglaublich große Kolonie von Seehunden und Kegelrobben, die sich vor den Augen der Touristen die Sonne auf den Bauch scheinen lässt. Wir bleiben noch ein bisschen am Strand, dann fahren wir zum Tierarzt, der Sammy noch einmal ein Bandwurmmittel verabreicht. 

Unmengen an Seehunden und Kegelrobben machen den Touristen in Berck-sur-mer verlässlich Freude – und sonnen sich Tag für Tag in aller Ruhe am Strand.

Wir gehen die ganze Zeit davon aus, dass wir schon am Vormittag aus dem Appartement und uns dann die Zeit bis Mitternacht vertreiben müssen. Während ich in der Schlange vor der Boulangerie La Talmeliere warte, fällt mir auf, dass wir noch den ganzen Tag im Appartement bleiben können, weil ich versehentlich bis zum Freitag gebucht habe. Gut so, wir genießen Baguette und Croissants und bleiben lange im Bett. Am frühen Abend fahren wir los, bleiben noch kurz am – nicht ganz so spektakulären – Cap Gris-Nez stehen und essen dann im La Kabylie in Calais. 

Ein bisschen Zeit haben wir noch, bevor wir unseren zweiten Einreiseversuch machen, deshalb bleiben wir am Weg nach Calais noch am Cap Gris-Nez stehen.

Gegen 21 Uhr fahren wir los zum LeShuttle, schlafen noch ein bisschen im Auto, ehe wir uns mit ungutem Gefühl der Pets Station nähern. Die Dame vom letzten Mal ist zum Glück heute nicht da, diesmal läuft alles freundlich und problemlos ab. Sammy darf einreisen! Wir können gleich einchecken und werden sofort zum nächsten Zug weitergeleitet. Niemand hat heute ein Problem damit, dass wir vor Mitternacht in Folkestone ankommen und Sammy eigentlich noch gar nicht da sein dürfte…

Wir sind erleichtert und können schon darüber lachen, dass wir selbst zwar die Pässe vorweisen müssen, aber ansonsten nicht einmal annähernd kontrolliert werden. Wahrscheinlich sind Hunde halt gefährlicher…

Egal, wir sind alle zusammen in England. Ich fahre auf die Autobahn und gewöhne mich langsam an den Linksverkehr. Nach knapp drei Stunden stehen wir vor dem Appartement in West Lulworth. Wir bringen die Koffer rein und fallen um 4 Uhr früh hundemüde ins Bett. Spätestens um 8 möchten wir aufstehen, weil wir an unserem einzigen Tag an der Jurassic Coast möglichst viel sehen wollen.

Das Frühstück hole aus dem einzigen Laden, den es in dem idyllischen, kleinen Dorf mit den typisch gepflegten Gärten gibt. Der Laden ist am anderen Ende des Ortes und sehr gut sortiert. Ich finde auch englischen Wein, frage an der Kassa aber sicherheitshalber, ob er trocken ist. Der freundliche junge Mann hinter der Theke drückt ein bisschen herum, dann erklärt er mir, dass dieser Wein zwar trocken, aber nicht wirklich gut ist und ich lieber einen anderen probieren sollte. Der ist zwar viel teurer, aber, wie wir am Abend feststellen werden, tatsächlich hervorragend. So wie die Marmelade von Mrs. Bridges.

Schade: Das tolle Appartement und das verträumte West Lulworth können wir nur einen Tag lang genießen.

Ein bisschen ärgern wir uns noch. Weil das Appartement traumhaft am Rand von Lulworth liegt, eine saftige Wiese mit vielen Schafen gleich auf der anderen Seite der schmalen Straße. Und dann, weil Lulworth Cove absolut einzigartig ist und sich mehr als nur einen Tag und eineinhalb Nächte verdient hätte. Bei dichtem Nebel gehen wir vor zur Bucht und hinauf auf die Klippen, dann blinzelt immer wieder kurz die Sonne hervor. Die Stimmung ist fantastisch, typisch England eben.

Unter uns breitet sich die spektakuläre, beinahe kreisrunde Bucht aus, die vor Millionen von Jahren durch geologische Prozesse entstanden ist und längst zum Weltkulturerbe erhoben wurde. Entlang der Klippen geht es weiter zu Stair Hole, einem kleinen Gezeitenbecken mit bizarren Felsbögen und Höhlen. Würde man den West Coast Path ein Stück weitergehen, würde man direkt bei Durdle Door landen, dem unumstrittenen Wahrzeichen von Dorset. Wir wollten ein paarmal in dieser Woche dorthin gehen, aber das hat uns die Dame bei der Pets Station gründlich vermiest. Wir gehen auch jetzt nicht weiter, Durdle Door wollen wir erst am späten Nachmittag machen.

Der dichte Nebel gibt den Blick auf Lulworth Cove erst nach und nach frei.

Dafür fahren wir vorerst einmal weiter zum Corfe Castle, das zwar seit Jahrhunderten nur noch eine Ruine ist, aber nichts von seiner beeindruckenden Dominanz verloren hat. Auf einem Hügel vor dem gleichnamigen Dorf errichtet, überragt Corfe Castle unübersehbar die ganze Region. Wilhelm der Eroberer hat die Burg im Mittelalter errichten lassen, Johann Ohneland hat sie später ausgebaut, die Kronjuwelen dort versteckt und Teile des Gebäudes als Gefängnis genutzt, unter anderem für König Edward II. 

Wilhelm der Eroberer hat Corfe Castle errichten lassen.

Heinrich VII. wiederum ließ Corfe Castle nach den Rosenkriegen zur Residenz für seine Mutter umfunktionieren, ehe ein gewisser Sir John Bankes die Burg erstand. Im Bürgerkrieg konnte seine Frau die Belagerung der Parlamentarier noch einmal abwehren, doch ein paar Jahre später war die Burg eingenommen – und von den Parlamentariern mit Sprengstoff und roher Gewalt zur Ruine verwüstet. Nach einer Runde durch das Gelände und die geschichtsträchtigen Mauern, fahren wir weiter auf der Isle of Purbeck, einer Halbinsel im Südosten von Dorset, weiter an die spektakulären Strände bei Studland Bay. Wir lassen das Auto auf einem Parkplatz eine gute Meile vom Meer entfernt stehen, haben aber ein Problem mit dem Bezahlen: Pfund haben wir noch keine, mit Kreditkarte kann man aber nicht bezahlen und Parkwächter ist weit und breit keiner in Sicht. Ein Holländer, der gerade zu seinem Auto zurückkommt, hilft uns aus und schenkt uns sein Ticket, das noch eine gute Stunde gilt.

Der Weg zu Old Harry Rocks führt über eine herrlich grüne Wiese und ist angenehm, obwohl die Sonne mittlerweile ziemlich stark herunterbrennt. Irgendwann tauchen die weißen Kalkfelsen im tiefblauen Meer auf, die allein schon die Reise nach England wert sind. Alle paar Meter tauchen an den steil ins Meer fallenden Klippen neue Felsformationen und sagenhafte Ausblicke auf. Klar, dass sich um Old Harry Rocks allerhand Legenden ranken. Der Teufel, in der Gegend auch liebevoll Old Harry genannt, soll einmal auf den Felsen geschlafen haben. Und ein anderer Harry, Pirat Harry Paye nämlich, soll sich immer wieder einmal mit seinem Schiff hinter den Felsen versteckt und auf reiche Beute gewartet haben. 

Old Harrys Rocks: Geht’s eigentlich noch schöner und spektakulärer?

Wir würden am liebsten noch weiter entlang der Klippen gehen, doch irgendwann lässt einer der Wanderer die obligate Drohne fliegen. Sammy bekommt es mit der Angst zu tun, er zieht wie immer an der Leine – viel zu gefährlich so nahe an den Klippen. Ich bleibe noch ein bisschen, aber Manuela und Sammy wandern langsam zurück zum Auto.

In Swanage gönnen wir uns einen Kaffee, mittlerweile haben wir, nach mehreren Versuchen, auch einen Bankomaten davon überzeugen können, dass er uns ein paar Pfund ausspuckt. Dann müssen wir zurück nach West Lulworth, damit wir rechtzeitig zum Durdle Door kommen. Die Sonne steht tief und lässt den, wie die Engländer meinen, „probably most famous stone arch anywhere in the world“ im goldenen Licht erstrahlen. Der Weg vom Parkplatz hinunter zum UNESCO Weltkulturerbe und Wahrzeichen von Dorset ist relativ weit, aber schön. Schweißtreibend wird erst der Rückweg.

Aber sicher! Wir müssen uns notgedrungen mit einem einzigen Besuch von Durdle Door begnügen. „The most famous stone arch anywhere“ hätte sich definitiv mehr verdient.

Aber die Anstrengung zahlt sich mehr als aus. Schon Man O’War, die halbkreisförmige Bucht kurz vor unserem eigentlichen Ziel, ist traumhaft. Und Durdle Door übertrifft das alles noch einmal: faszinierend von allen Seiten aus, von den Klippen oben ebenso wie unten vom Strand. Sammy interessiert Durdle Door weniger, er genießt den feinen Sand und läuft ins flache Meer. Wir sind noch den ganzen mühsamen Rückweg beeindruckt von dieser natürlichen Kalksteinbrücke, die in Tausenden von Jahren vom Meer geformt wurde. Wir fallen hundemüde ins Bett, kein Wunder. Wir haben an dem einen Tag an der Jurassic Coast im Schnelldurchgang wenigstens ein paar der beeindruckendsten Orte von Dorset und Devon geschafft, wenngleich der Frust bleibt. Denn all diese Orte hätten sich mehr Zeit verdient, andere müssen wir überhaupt streichen. Dass wir Glastonbury, Avebury, Poole und einige andere Ziele nicht mehr schaffen werden, ist klar. Auf Stonehenge wollen wir nicht so ohne weiteres verzichten, deshalb wächst so langsam in unseren Köpfen ein Plan B heran. Aber zuvor müssen wir einmal weiter ans westliche Ende von Cornwall, nach Sennen Cove. Die Fahrt dorthin dauert nur knappe vier Stunden, also wollen wir auf jeden Fall einen Abstecher zur Isle of Portland machen.

Bevor wir uns in aller Früh auf den Weg machen, wollen wir noch einmal durch West Lulworth spazieren und mit Sammy die Schafe auf der Wiese gegenüber besuchen. Das ist für einen Australian Sheperd natürlich Pflicht. Frühstücken wollen wir später in Weymouth, der kleinen Stadt nicht allzu weit von Lulworth entfernt. Dass aus Weymouth ein stattliches Seebad geworden ist, hat man King George III. zu verdanken, der die Stadt ab 1789 immer wieder besuchte und damit jede Menge Touristen nach Weymouth lockte. Wir wollen trotzdem nicht allzu viel Zeit in der Stadt verbringen, also gehen wir nur durch ein paar Gassen in der Innenstadt. Die Begeisterung hält sich in Grenzen, das Angebot an Lokalen mit Frühstück ebenfalls. Wir landen im The William Henry No. 1, wo Hunde nicht einmal im Garten erlaubt sind. Aber erstens merken wir das zu spät, und zweitens wäre es uns sowieso egal. Außerdem sind die anderen Gäste, zwei ältere Damen und ein biertrinkender Londoner, schwer von Sammy begeistert. Dass er schon über 10 ist, können sie gar nicht glauben. Wir nehmen derweil ein klassisches englisches Breakfast mit allem, was Gott verboten hat: Speck und Ei, Wurst und Bohnen. Mit Sicherheit nicht gesund, aber gut. Sogar der Kaffee schmeckt.

Wir sind vom Süden Englands einfach überwältigt. Auch die Isle of Portland und Lyme Regis begeistern uns.

Länger wollen wir in Weymouth nicht bleiben. Viel interessanter ist die Isle of Portland, die über eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Wir fahren die knapp sieben Kilometer bis ans andere Ende des Kalksteinfelsens zum Portland Bill Lighthouse, der mit seinen stattlichen 41 Metern Höhe den Schiffen draußen im Ärmelkanal seit mehr als 120 Jahren den Weg durch die gefährliche See weist. Mindestens so imposant wie Portland Bill sind die Klippen rundherum. Wichtigster Naturschatz der Insel sind aber die Steine, die hier abgebaut werden: Aus Portland-Stein wurde unter anderem die St-Paul’s Cathedral in London errichtet.

Unsere Pläne, noch öfter entlang der westlichen Jurassic Coast stehenzubleiben, müssen wir vergessen, wenn wir rechtzeitig nach Sennen Cove kommen wollen. Nur in Lyme Regis halten wir noch an. Einen Parkplatz finden wir nur weit oberhalb des Zentrums. Je näher wir dem Hafen kommen, desto mehr werden die Menschen. Offenbar nutzen alle das schöne Wetter aus. Lyme Regis ist überlaufen, recht touristisch – aber einen gewissen Charme hat sich der Ort allemal erhalten. Auf der Terrasse eines Cafés oberhalb des Hafens finden wir noch Platz, trinken Kaffee und Bier, ehe wir uns zurück zum Auto quälen.

Die Fahrt dauert länger als geplant, also kaufen wir sicherheitshalber schon in einem Supermarkt bei Penzance ein. Den Hafen von Sennen Cove finden wir schnell, schwieriger ist die Suche nach dem Parkplatz für die Residents. Der liegt sehr versteckt hinter dem öffentlichen, sehr teuren Parkplatz. Wir ergattern gerade noch einen Platz, dann schauen wir hinauf zu den Appartements von The Lookout und sehen: das wird tatsächlich mühsam mit den Koffern. Der einzige Weg hinauf ist steil, die Stufen sind sehr variabel und eine ziemliche Herausforderung. Wir schleppen die Koffer nach und nach hinauf und büßen all unsere Sünden der letzten Jahre ab. Aber: Das Appartement ist großartig, der Ausblick sensationell, im Schlafzimmer gibt es sogar eine Badewanne mit Blick aufs Meer.

Endlich am Ende der Welt. Sammy genießt die kühle Brise auf den Felsen von Land’s End.

Einmal tun wir uns die Stufen an diesem Tag noch an. Wir gehen hinunter in den Ort, drehen eine Runde und essen dann in unserem Appartement mit Blick auf die über dem Atlantik untergehende Sonne.

Gleich unter unserem Appartement führt der South West Coast Path entlang der Klippen hinüber bis zum westlichsten Punkt Englands. Weiter geht’s nicht mehr, Land’s End also. Bis wir nach knapp zweieinhalb Kilometern eben dort ankommen, haben wir eine Wanderung mit ebenso unglaublichen wie überraschenden Ausblicken und traumhafter Natur hinter uns. Nach dem ersten sanften Anstieg erreichen wir den Lookout Point, einen Turm, den die Sennen Coastguard vor ewigen Zeiten errichtet hat, um die ganze Küste überblicken zu können. Passiert ist dort draußen ja immer viel, Schiffe sind zerschellt, weil die Kapitäne nicht aufgepasst oder weil gigantische Stürme die Boote gegen die Felsen gedrückt haben. Hier, direkt unter dem Pedn-mên-du-Lookout, ragt The Irish Lady aus dem Meer – eine Frau, so will es eine Legende wissen, die bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen ist und seither als versteinerter Geist Vorbote des Untergangs für all jene sein soll, die den Felsen sehen.

Also, vielleicht besser gar nicht hinsehen.   

Einfach traumhaft: Der South West Coast Path von Sennen bis ans westliche Ende Englands.

Ob der Kapitän der RMS Mulheim die Irish Lady gesehen hat, bevor sein Schiff im März 2003 nur ein kleines Stück weiter zerschellte, ist nicht überliefert. Vielmehr soll der gute Mann einfach nicht aufgepasst haben. Die rostigen Überreste der RMS Mulheim liegen noch immer in einer kleinen Bucht. Noch ein Stück weiter kann man mit etwas Fantasie die Umrisse des Maen Fort, eines Schlosses aus der Eisenzeit, ausmachen. Spektakulärer sind die steilen Klippen und Buchten und die mit bunten, wilden Blumen übersäten Wiesen. Während der ganzen Wanderung immer im Blick bleibt der Leuchtturm Longships rund zwei Kilometer draußen im Meer. Aber auch der ist Sammy ziemlich egal, er hat eher Interesse an den vielen Hundedamen, die den Wanderweg entlangkommen. 

Seit dem 17. Jahrhundert steht das „First & Last Inn“ angeblich schon am westlichsten Punkt von England und soll seither immer wieder einmal erste Station für Überlebende eines Schiffsunglücks gewesen sein, aber auch beliebter Treffpunkt der Schmuggler. Heute ist „The First & Last Inn“ Anziehungspunkt für Touristen und Fluchtpunkt für jene, die es in dem benachbarten, etwas verunglückten Freizeitzentrum nicht aushalten. Wir halten uns ohnehin an die Küste und klettern noch etwas an den Klippen herum, als plötzlich ein paar Wolken bedrohlich über dem Meer aufziehen. Mehr Sorgen macht uns, und vor allem Sammy, einer der unvermeidlichen Typen, die unbedingt ihre Drohne aufsteigen lassen müssen. Wir drehen um und lassen Drohne und Wolken hinter uns.

Beim „First & Last Inn“ drehen wir um. Enys Dodnan Arch entdecken wir ein paar Tage später.

Ein paar Tage später fahren wir mit dem Auto zum Parkplatz bei Land’s End und gehen dann ein Stück Richtung Süden zu jenen Küstenabschnitten der Celtic Sea, die wir noch nicht gesehen haben. Absolutes Highlight: der Bereich rund um Enys Dodnan Arch.

Während westlich von Sennen Cove die Klippen steil ins wilde Meer fallen, breitet sich Richtung Osten ein kilometerlanger, flacher Sandstrand aus. Die Whitesands Bay ist einer der schönsten Strände von Cornwall, und auch die Wasserqualität ist außergewöhnlich – erst 2024 wurde der Seaside Award verliehen. Auf jeden Fall ist Whitesands Bay wie geschaffen für Sammy. Die Tage, die wir am Strand verbringen, genießt er voll, tobt sich im Wasser aus und holt immer wieder und unermüdlich seinen Flying George aus dem Meer.

Sammy, ein Ball und die Whitsands Bay – das passt perfekt zusammen!

Wir haben Glück, dass Hunde noch fast während unseres gesamten Aufenthalts in Sennen Cove am Strand erlaubt sind. Nur die letzten beiden Tage dürfen Hunde offiziell nur noch auf den Strand ganz am Ende der Whitesands Bay. Das Hundeverbot beginnt am 15. Mai, wir gehen davon aus, dass man zumindest am ersten Tag noch ein Auge zudrückt – aber so sind die Engländer nicht, zumindest nicht alle. Kaum, dass wir den Strand betreten haben, kommt schon eine alte Dame auf uns zu und erklärt uns, dass Hunde hier nichts verloren haben und sie die zuständigen Stellen informieren würde, wenn wir bleiben. Wir gehen trotzdem weiter und bleiben in einem Bereich, in dem Hunde zwar auch nicht erlaubt sind, aber auch kaum Menschen sind, die sich aufregen könnten. Die Hundepolizei kommt auch nicht, also kann Sammy den Strandtag doch noch ausgiebig genießen.

Die alte Dame ist sowieso die Ausnahme. Ansonsten sind die Engländer ausgesprochene Hundefreunde, Sammy darf auch ins Old Boathouse hinein – das einzige Geschäft von Sennen Cove, das dafür aber Tag für Tag offen und vom Sonnenschirm bis zu Lebensmitteln alles hat, was man am Ende der Welt so braucht. 

Sennen Cove liegt auf der Halbinsel Penwith, ganz im Westen von Cornwall. Langgezogene Heidelandschaften, schroffe Klippen, traumhafte Sandstrände, Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen, zauberhafte kleine Dörfer und sagenumwobene Felsen im Meer – Penwith hat von allem ein bisschen was. Vor allem kann man hier aber auch das Naturverständnis der Engländer kennenlernen und verstehen. Und das hat nur am Rande etwas zu tun mit einem perfekt gestutzten englischen Rasen im Vorgarten, vielmehr schon mit den unzähligen kunstvoll gestalteten Gärten. Vor allem aber wohl mit dem Gedanken, Landschaften möglichst unverfälscht wachsen zu lassen. Möglicherweise ist diese Herangehensweise auch der Grund dafür, dass die Straßen in England schmal sind, oft so schmal, dass nur gerade einmal ein Auto passieren kann. Probleme im Verkehr gibt es trotzdem kaum, abgesehen davon, dass alles ein bisschen langsamer abläuft. Begrenzt sind die Straßen fast immer von traumhaften Alleen mit uralten Bäumen: Man hat den Eindruck, dass man hier nicht mit aller Gewalt breite Straßen in die Natur bauen will. Es sind offenbar die Bäume, die die Breite der Straßen bestimmen!

Um Lanyon Quoit, Merry Maiden und St Michael’s Mount ranken sich allerlei Sagen. Den Kühen von Cornwall ist das ziemlich egal.

Die engen Straßen sorgen auch dafür, dass man es bei Ausfahrten mit dem Auto notgedrungen gemütlicher angehen muss. Wir beginnen unsere Penwith-Tour beim Dolmen Lanyon Quoit. Der stammt aus der Jungsteinzeit, hat knapp 5.500 Jahre auf dem Buckel – und noch immer weiß man nicht genau, was es mit der Steinplatte wirklich auf sich hat.

Nicht ganz so alt ist der Steinkreis Merry Maidens. 3.000 bis 4.000 Jahre ist die Anlage alt, aber auch eine der besterhaltenen in England. Was es damit auf sich hat, versucht eine uralte Geschichte sehr fantasievoll zu erklären. 19 Mädchen sollen sich nicht an die Sonntagsruhe gehalten und stattdessen getanzt haben. Die Strafe folgte sofort, heißt es: die 19 lustigen Mädchen wurden versteinert, die beiden Dudelsackspieler auch, die der Legende nach als Megalithen am Rand des Steinkreises stehen.

Mystisch ist auch die Entstehungsgeschichte des St Michael’s Mount vor Marazion. Wie bei seinem Pendant auf der anderen Seite des Kanals, dem Mont Saint Michel, soll auch hier der Erzengel Michael seine Flügel im Spiel gehabt haben. 495 soll er höchstselbst auf dem 70 Meter hohen Granitfelsen im Meer erschienen sein, allerdings sollen erst Jahrhunderte später ausgerechnet die Normannen die Benediktiner zum Bau einer Abtei überredet haben, weil sie so begeistert waren von der Ähnlichkeit des Felsens mit dem Mont Saint Michel drüben in Frankreich. Heinrich VII ließ das Kloster schließlich zu einer Seefestung ausbauen. 

Penzance ist der größte Ort in der Region – aber mit dem idyllischen, kleinen Dorf Mousehole kann die Stadt nicht annähernd konkurrieren.

Das schönste Dorf auf der Halbinsel ist Mousehole, zumindest außerhalb der Hochsaison, wenn die Touristenschwärme ein annehmbares Maß erreicht haben. Dieser Meinung war auch Schriftsteller Dylan Thomas, den es um 1930 in das Dorf – und dort vor allem in das Ship Inn – gezogen hatte. Das idyllische kleine Fischerdorf lebte jahrhundertelang vom Sardinenfang, doch seit die Sardinenschwärme abgezogen sind, ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle des immer noch sehr schwer erreichbaren Dorfes.

Größter Ort der Halbinsel ist Penzance – mit der Einkaufsstraße Market Jew Street, den subtropischen Pflanzen in Morrab Gardens, der langen Marazion Beach und dem Jubilee Pool am Hafen als größte Attraktionen. 

Auf das Minack Theatre bei Porthcurno verzichten wir, auch die ehemaligen Zinnminen bei Botollack oder die Levant Mine sehen wir uns nicht näher an. Dafür entdecken wir das kleine St Just, ein ausgesprochen sympathischer Ort mit dem lebhaften Market Square und einer Kirche aus dem 14. Jahrhundert. St Just war vor zwei Jahrhunderten das Zentrum des Bergbaus in Cornwall, davon ist nicht mehr viel geblieben. Dafür gibt’s am Market Square ein kleines Café mit fantastischem Eis. Mermaid of Zennor wird eigentlich ein Stück entfernt im kleinen Dorf Zennor hergesetellt. Dort erinnert Mermaid’s Chair in der Kirche an jene Meerjungfrau, die den Sohn des Gutsherrn dereinst ins Meer gelockt haben soll.

St Just war einmal das Zentrum des Bergbaus in Cornwall. Heute ist der Ort mit seiner Kirche aus dem 14. Jahrhundert ruhig und sympathisch.

Ein Stück westlich von St Just liegt, erreichbar nur über eine abenteuerliche Zufahrt, eine der faszinierendsten Buchten der cornischen Küste: Der Strand von Porth Nanven ist voll von abgerundeten Felsbrocken aus Land’s End Granite – und die haben die Menschen in der Region immer schon ein bisschen an Dinosauriereier erinnert. Kein Wunder, dass ein wenige Meter vor dem Strand im Meer liegender Felsen mit ein wenig Fantasie gut und gerne als ganzer, versteinerter Dino durchgeht.

Die Steine am Strand von Porth Nanven erinnern die Menschen ein wenig an die Dinosaurier.

Auch die beiden Felsen knapp eineinhalb Kilometer weiter draußen im Meer haben die Fantasie der Menschen angeregt. The Brisons ragen 22 und 27 Meter aus dem Wasser – und sehen tatsächlich ein wenig aus, als würde Winston Churchill gerade entspannt in der Badewanne liegen.

Für St Ives wollen wir uns ein wenig Zeit nehmen. Der Ort, der in den 1920er-Jahren von den Künstlern entdeckt wurde, wird überall als zauberhaft beschrieben. Herrliche Sandstrände, traumhaftes Licht, weiße Cottages und bunte Gärten – auf all das freuen wir uns, als wir am Morgen Richtung St Ives aufbrechen. Aber zuerst fahren wir noch ein Stück weiter nach Norden, zum Godrevy Point.

Das Wetter ist traumhaft, das macht die kurze Wanderung vorbei am riesigen Sandstrand der St Gothians Beach und der Gwithian Beach zu einem echten Erlebnis. Am Godrevy Point dominiert das achteckige und 26 Meter hohe Godrevy Lighthouse die Landschaft. Vor 175 Jahren wurde der Leuchtturm draußen auf der kleinen, felsigen Insel Godrevy erbaut. Viele Seeleute wären freilich noch am Leben, hätte man den Leuchtturm schon ein bisschen früher auf die Insel gestellt.

Der Leuchtturm auf der kleinen, vorgelagerten Insel dominiert die Szenerie am Godrevy Point.

Immer wieder zerschellten die Schiffe am Stones-Riff und sanken. Auch King Charles I war unter den Opfern, zumindest indirekt. 1649 sank ein Schiff, das eine ganze Menge persönlicher Gegenstände des Königs, der sich nach dem Unglück prompt eine neue Garderobe besorgen musste, an Bord hatte. Trotzdem dauerte es noch gut 200 Jahre, bis man sich zum Bau des Godrevy Lighthouse durchringen konnte: nachdem der Dampfer Nile gesunken und die gesamte Besatzung ums Leben gekommen war, wurde endlich mit den Arbeiten begonnen. Godrevy Point übertrifft unsere Erwartungen bei weitem. Wir klettern noch ein wenig auf den Felsen am Strand herum und machen uns dann auf den Weg nach St Ives. Zumindest mit dem Parkplatz haben die Reiseführer recht. Wir müssen am Trewithian Parking weit über der Stadt stehenbleiben, müssen dafür aber nichts zahlen: Die Parkautomaten streiken. Der Weg hinunter ins Zentrum ist steil, aber dann doch nicht so lang, wie befürchtet. Unten angekommen, erwarten uns die Massen – obwohl die Hochsaison noch weit entfernt ist.

St Ives leidet ein bisschen unter den Touristen – und das sogar in der Nebensaison…

Entlang der Strandpromenade wälzen sich Unmengen an Touristen Richtung Smeaton’s Pier, in den engen Gassen stadteinwärts ist es nur geringfügig besser. Ich bekomme regelrecht Platzangst, Sammy wird von Meter zu Meter unruhiger. Wir wollen irgendwo am Hafen Kaffee trinken, aber wir können beim besten Willen keinen Platz ergattern. Mit viel Fantasie kann man hinter den Menschenmassen noch die Reste eines einigermaßen schönen, alten Fischerdorfes erkennen, das vielleicht mitten im Winter immer noch liebenswert sein mag. Wir nehmen zur Kenntnis, dass St Ives irgendwann vor 100 Jahren die Künstler zu Recht angelockt haben wird, wir wollen aber, vor allem wegen Sammy, nichts wie raus aus St Ives. Am Weg zum Auto finden wir in einer kleinen Seitengasse noch einen Platz in einem kleinen Café und stärken uns für den steilen Weg zurück zum Parkplatz.

Die Touristenmassen von St Ives bestärken uns darin, möglichst früh bei Tintagel Castle aufzutauchen. Wir kommen auch, wie geplant, um acht Uhr in Sennen Cove weg. Zwei Stunden später sollten wir, rechtzeitig zur Öffnung um 10 Uhr, ankommen. Aber da habe ich wieder einmal die Rechnung ohne das Navi gemacht. Irgendwo zwischen Penzance und Bodmin gibt‘s eine große Baustelle auf der A30, das Navi schickt mich runter auf einen Kreisverkehr – und nachdem es zuletzt durchaus vernünftige Entscheidungen vorgeschlagen hatte, folge ich dem Navi auch. Doch diesmal hätte ich mich wieder auf mein Gefühl verlassen sollen. Das Navi schickt mich kreuz und quer durch schmale und manchmal auch gesperrte Straßen, wir haben keine Ahnung mehr, wo wir sind. Nachdem wir das Navi abschalten und weiter durch die Landschaft irren, stehen wir plötzlich doch wieder vor der A30 – eine gute Stunde haben wir verloren. Später merken wir, dass wir die A30 gar nicht verlassen hätten müssen: die neue Autobahn ist längst fertig, aber das hat das Navi nicht behirnt…

Sammy hat sich auf Tintagel Castle gleich einmal mit dem eisernen King Artur angefreundet. Merlin’s Cave lässt Sammy lieber aus.

Der Andrang auf Tintagel Castle hält sich aber Gott sei Dank in Grenzen. Von Tintagel aus müssen wir ein Stück zu Fuß bis zu der Burg gehen, um die sich alle möglichen Mythen rund um König Artus ranken. Artus soll hier geboren worden sein, nachdem sich Uther Pendragon dank Merlins Zauberkünste Zutritt zu Ygernes Bett verschafft – und in Gestalt von deren Ehegatten den jungen Mann gezeugt haben soll, der ein paar Jahre später ein Schwert aus dem Stein gezogen und fortan als König Britanniens Geschichte maßgeblich beeinflusst haben könnte. Denn einen Schönheitsfehler hat die Geschichte: ganz sicher ist nicht, ob besagter Artus überhaupt gelebt hat.

Aber wenn doch, dann könnte er eben auf dieser imposanten Ruine geboren worden sein. Majestätisch breiten sich die Reste der Burg noch heute auf zwei Klippen aus, die mit einer Brücke verbunden sind. Ein Wasserfall stürzt die Felsen hinunter in die malerische Bucht, die sich zwischen den Klippen ausbreitet, eine Höhle, die nur bei Ebbe begehbar ist, führt tief hinein in den Felsen. Mystischer könnte ein Ort gar nicht sein. Für Geoffrey of Monmouth war klar: hier wurde Artus geboren – und das hat er in seiner Historia regum Britanniae auch niedergeschrieben. 

King Artur hat seine Kindheit an einem extrem spannenden Ort verbracht – wenn es ihn denn überhaupt gegeben hat.

Freilich, die Geschichte hat noch einen Schönheitsfehler: Tintagel Castle wurde erst irgendwann um 1230 herum errichtet – sieben Jahrhunderte nach der Ära von King Artur. Aber Tintagel war, und das ist sicher, schon vor dem Bau der Burg besiedelt und ein wichtiges Handelszentrum. Bei Ausgrabungen in den 1930er-Jahren wurden zudem Töpferwaren gefunden, die aus dem 5. oder 6. Jahrhundert stammen. Also gehen wir davon aus, dass Sir Geoffrey gewusst hat, wovon er schreibt und Artus viel mehr als eine Legende war. Gut vorstellbar, dass er von jenem Felsen aus, wo seit ein paar Jahren die Skulptur Gallos steht, tatsächlich hinunter auf den Atlantik geblickt und Ausschau nach feindlichen Schiffen gehalten haben könnte. Wir gehen entlang der steilen Klippen rund um Tintagel Castle hinunter zum Strand und hinein in Merlin’s finstere Höhle. Während wir uns mit König Artus beschäftigen, zieht Sammy die Blicke der Besucher auf sich. Ein kleines Mädchen im Kinderwagen ist ganz begeistert, die Eltern fragen, ob sie Sammy streicheln darf. Natürlich – die Kleine ist glücklich, die Eltern bedanken sich überschwänglich.

Bei Flut ist nichts davon zu merken, warum Trebarwith Beach im Ruf steht, den schönsten Sandstrand von Cornwall zu besitzen…

Gleich in der Nähe von Tintagel Castle liegt Trebarwith Beach, einer der schönsten Sandstrände von Cornwall, wie es heißt. Bloß, von einem Sandstrand ist weit und breit keine Spur zu sehen, als wir unten in dem engen Hafen ankommen. Imposant ist der Strand aber trotzdem: das Meer peitscht gegen die Felsen, die Aussicht ist traumhaft. Wir fahren weiter, und rätseln, was es mit dem Sandstrand auf sich hat. Erst später komme ich drauf: Wir waren bei Flut an der Trebarwith Beach – und dann wird der rund 800 Meter lange Sandstrand zur Gänze bis in den Hafen hinein überflutet…

Bedruthian Steps beeindruckt mit üppiger Flora und „riesigen“ Stufen.

Weiter südwestlich, zwischen Padstow und Newquai, hat seinerzeit ein Riese seine Spuren hinterlassen. Bedruthan ist aus dem Meer gestiegen und hat auf dem Weg nach oben kurzerhand die Felsen als Stufen benutzt. Hinterlassen hat der Riese dabei die 120 Bedruthan Steps, die den Küstenabschnitt heute so außergewöhnlich spektakulär machen. Der Weg zu den Stufen ist gesäumt von bunten Wiesen mit wilden Blumen. Obwohl die Bereiche abgesperrt sind, gehe ich ein Stück vor zu den Klippen und – aufgrund der traumhaften Ausblicke, immer weiter. Sammy und Manuela bleiben zum Glück am Weg, denn als ich die abgesperrten Bereiche wieder verlasse, lese ich ein Hinweisschild, das eindringlich vor dem Betreten warnt, weil die Gefahr abzustürzen besonders groß ist…

Von den Bedruthan Steps machen wir noch einen Abstecher nach Truro, die offizielle Hauptstadt Cornwalls. Die Stadt ist sympathisch, es gibt viele Geschäfte – und eine gigantische Kathedrale.

Truro ist die recht beschauliche Hauptstadt von Cornwall. Nur die Kathedrale ist gigantisch.

Zurück in Sennen Cove legen wir einmal mehr eine Zwischenstation im Old Success Inn ein. Die Terrasse des Pubs liegt praktisch direkt am Meer – perfekt, um sich bei Bier und Wein und Fish & Chips von einem anstrengenden Ausflug zu erholen und sich mit Gin Tonic noch einmal Kraft für die steilen Stufen hinauf zum Appartement zu holen.

Hilflos im Nebel herumirrende Menschen, die irgendwo im Moor versinken oder von bösen Hunden angefallen werden – legendäre Geschichtenerzähler wie Sir Arthur Conan Doyle, der seinen „Hund der Baskervilles“ in Dartmoor Angst und Schrecken verbreiten ließ, Alfred Hitchcock oder Edgar Wallace haben sich von der Moorlandschaft inspirieren lassen, Agatha Christie ist gleich zum Schreiben in ein Hotel in Haytor gezogen. Lässt man die Horrorgeschichten beiseite, ist Dartmoor ein Paradies für Wanderer und Naturliebhaber, eine über weite Strecken düstere und karge Heidelandschaft, die hin und wieder von ein paar Granitfelsen unterbrochen wird, aber auch mit tiefen Schluchten, dichten Wäldern, mystischen Steinkreisen und wilden Flüssen.

Dartmoor National Park ist offensichtlich eines der einsamsten Naturschutzgebiete Europas.

Der 1949 gegründete Dartmoor National Park ist eines der größten und einsamsten Naturschutzgebiete Europas, nur ein paar enge Straßen verbinden die idyllischen kleinen Dörfer. Wir versorgen uns beim Besucherzentrum in Princetown mit ein paar Wanderkarten, dann fahren wir weiter zum Haytor, einem der spektakulären Tors – Granitspitzen, die vor 300 Millionen Jahren durch Magnamassen an die Oberfläche gedrückt wurden. Es ist relativ heiß, und Sammy ist ein bisschen müde, daher wollen wir nur eine eher kurze Wanderung durch Dartmoor machen. Wir lassen das Auto unterhalb vom Sattle Tor stehen und wandern hinauf zum Felsen und dann weiter zum Haytor. Ich klettere auf einen der kleineren Felsen, lasse mir den Wind um die Ohren sausen und beobachte die Kletterer, die mit Seil und Haken den Haytor erklimmen. Dann gehen wir zurück zum Auto, wir wollen noch eine kurze Wanderung durch einen der Wälder von Dartmoor machen. Allerdings sind alle Waldstücke, an denen wir vorbeikommen, in Privatbesitz und der Zutritt ist verboten. Zurück zu den Wäldern, die wir bei Princetown gesehen haben, wollen wir auf den engen Straßen aber nicht mehr zurückfahren. 

Widecombe-in-the-Moor ist wegen seiner „Kathedrale des Moors“ und der idyllischen Umgebung allemal einen Abstecher wert.

Schließlich wollen wir ja auch noch nach Plymouth. In Widecombe-in-the-Moor gönnen wir uns noch einen Café mit Blick auf den 40 Meter hohen Turm der St Pancras Church, die des hohen Turmes wegen auch „Kathedrale des Moors“ genannt wird.

In Plymouth springt uns noch auf der Hauptstraße eine Kirchenruine ins Auge, die irgendwie mit einer spektakulären und modernen Metallwand verbunden zu sein scheint. Ein cooler Anblick, der eine Verbindung vortäuscht, die es eigentlich nicht gibt: Was wir hinter der mitten am Drake Circus stehenden Charles Church gesehen haben, ist die Fassade des Primark-Ladens, der mit Respektabstand dahintersteht. Wir lassen das Auto in der Garage beim historischen Barbican-Viertel stehen und gehen ins Zentrum. Plymouth ist irgendwie ein Sammelsurium von ehrwürdigen, alten Gebäuden und sehr modernen Bauten. Bei hmv erstehe ich ein paar CDs, dann gehen wir den Hügel hinauf zum Meer. Von hier aus haben legendäre Seefahrer wie Sir Francis Drake oder Sir Walter Raleigh die Welt erobert. Drake war von Plymouth aus als erster Engländer rund um die Welt gesegelt, die Mayflower nahm 1620 von hier aus Kurs auf Amerika. Dass Sir Francis Drake im Park The Hoe ein eigenes Denkmal erhalten hat, liegt vielleicht auch an einer seiner großen Heldentaten. 1588 dirigierte Drake eine Armada, die einer spanischen Flotte eine vernichtende Niederlage beibrachte. Wobei Sir Francis zuvor schon Prioritäten gesetzt haben soll: Obwohl die Spanier bereits gefährlich nahegekommen waren, soll er noch in aller Ruhe seine Bowlpartie zu Ende gespielt haben. „Es bleibt Zeit genug, zu Ende zu spielen und dann die Spanier zu besiegen!“

Legendäre Seefahrer haben von Plymouth aus die Welt entdeckt und so manches Schiff ausgeraubt.

Wie auch immer, wir widmen uns noch einer anderen Spezialität, die von Plymouth aus ihren Siegeszug um die Welt angetreten hat: dem Plymouth Gin, der seit Ende des 18. Jahrhunderts in einem ehemaligen Dominikanerkloster im historischen Viertel The Barbican gebraut wird. Ich kaufe eine Flasche – und ärgere mich schon kurz darauf, dass ich nur eine genommen habe…

Eden Project ist ein Pflichttermin. In der Nähe von St Austell wurde ab 1998 eine stillgelegte Kaolingrube zu einem regelrechten Naturparadies mit gewaltigen Gewächshäusern und herrlichen Freiflächen umgestaltet, um den Besuchern den unglaublichen Pflanzenreichtum der Erde vor Augen zu führen. Insgesamt acht miteinander verbundene geodätische Kuppeln bilden zwei riesige Gewächshäuser: das Rainforest Biome mit tropisch-feuchtem Klima birgt den größten überdachten Regenwald der Welt, im Mediterranean Biome wird die Vegetation Südafrikas, Kaliforniens, Westaustraliens und des Mittelmeerraums simuliert. 

In den Gewächshäusern von Eden Project gedeihen alle Pflanzen dieser Erde.

Wir werden von unglaublich freundlichen Menschen zum richtigen Parkplatz geleitet, ehe wir ein gutes Stück zu den Biomes zu Fuß gehen. Schon am Weg zeigen Schautafeln, dass die Welt ein veritables Klimaproblem hat. Während ich mit Sammy quer durch die Außenanlagen spaziere, weil er nicht in die Biomes darf, taucht Manuela in die verschiedenen Klimazonen ein. Danach tauschen wir die Rollen. Beim Fotografieren im Regenwald habe ich einen natürlichen Weichzeichner am Objektiv, immer wieder beschlägt die Linse. Später kaufen wir im Shop des Eden Project noch ein paar Pflanzen – und einen Ball für Sammy.

Wir brauchen für Eden Project mehr Zeit als geplant, deshalb lassen wir die Trips nach Polperro und St Mawes bleiben. Dafür erholen wir uns in Sennen Cove wieder im Old Success Inn mit Wein und Bier und Blick aufs Meer. Im Old Boathouse versorgen wir uns noch mit Pasties, die wir später im Appartement essen.

Eine fantastische Heidelandschaft, seltene Pflanzen und eine einzigartige Küste mit spektakulären Felsen und rauem Meer: schöner kann eine Insel nicht enden. The Lizard Point markiert das südlichste Ende Englands, und weil es sich um ein Gebiet von „außerordentlicher natürlicher Schönheit“ handelt, ist es auch streng geschützt. Auch die Tiere stehen unter besonderem Schutz: Immer wieder verirren sich Delfine, Robben und manchmal sogar Wale an die Küste von Lizard. Wir sehen, aber auch nur von Weitem, eine Robbe, als wir den Küstenpfad ein gutes Stück entlanggehen. Es ist windig, aber das ändert nichts an der Begeisterung für diese tatsächlich unglaublich schöne Landschaft. Verboten gut schmeckt auch die Schokotorte, die wir uns im „Britain’s most Southerly Cafe“ mit direktem Blick auf Lizard Point, gönnen.

Lizard Point markiert den südlichsten Punkt von England.

Außergewöhnlich ist auch der Strand von Kynance Cove ein Stück weiter. Der Parkplatz ist am frühen Nachmittag bereits gut gefüllt – kein Wunder, der Strand zählt zu den Dingen, die man in Südengland nicht verpassen darf. Schön und wild, abgeschieden, feiner Sand, dazwischen zerklüftete Felsen – und das Meer in allen Nuancen von tiefblau bis türkis schimmernd. Irgendwo fließt ein kleiner Bach ins Meer. Als wir Kynance Cove erreichen, bahnt sich gerade der Wechsel von Ebbe zu Flut an. Wir bleiben nicht bis zur Flut, können aber erahnen, dass es dann spektakuläre Wellen geben und es mit der Gemütlichkeit am Strand vorbeisein wird.

Schön und wild: Kynance Cove darf man einfach nicht verpassen!

Am Abend essen wir im „Commercial“ in St Just, einem kleinen und sehr englischen Restaurant. Manuela bleibt bei Fish & Chips, ich probiere die Teryaki-Spieße. Beides schmeckt hervorragend. In Sennen Cove landen wir wieder im Old Success Inn. Daran könnten wir uns gewöhnen: Gin Tonic in der Hand, Sonnenuntergang vor den Augen…

Schön langsam nähern sich die beiden Wochen in Sennen Cove dem Ende. Wir haben noch einmal umdisponiert und fahren einen Tag früher los, um noch ein bisschen was von Winchester zu sehen und Stonehenge zu erleben. Zuvor stehen aber noch ein Strandtag und eine Wanderung auf Cape Cornwall am Programm, das ein paar Kilometer Luftlinie exakt gegenüber von unserem Appartement liegt. Am Parkplatz werden wir von einer freundlichen Engländerin empfangen, die uns fragt, ob wir mit dem Parkautomaten zurechtkommen und erklärt, wo wir hingehen müssen. Wir gehen zuerst hinauf auf den Hügel, an dessen Spitze ein Schornstein daran erinnert, dass die Region seinerzeit das Zentrum des Bergbaus war.

Cape Cornwall – hier wollen wir unbedingt wieder einmal herkommen!

Die Aussicht von hier oben ist großartig, hinüber zu Sennen Cove, hinunter zur felsigen Priest Cove mit dem künstlichen Becken und hinaus aufs Meer und die beiden Felsen The Brisons. Bis ins 18. Jahrhundert waren die Engländer davon überzeugt, dass Cape Cornwall der westlichste Punkt ihrer Insel ist, aber dann haben die Landvermesser nachgemessen – und festgestellt, dass Land’s End doch noch ein Stückchen weiter westlich liegt. Egal, am Fuß des Hügels stehen drei einsame Häuser direkt am Meer, die man mieten kann. Wir beschließen, dass wir eines davon, das westlichste Ferienhaus Englands, bewohnen werden, wenn wir wieder nach Cornwall kommen. Wir gehen noch ein gutes Stück den Coast Path in Richtung Sennen Cove entlang, dann drehen wir um und trinken im Wonder Café am Parkplatz Kaffee, verabschieden uns von der freundlichen Engländerin und beenden den Tag, wie fast immer, auf der Terrasse des Old Success Inn. Sammy blüht auch auf: er trifft die nette Hundedame wieder, die er gleich am ersten Tag am Strand kennengelernt hat. Die Hündin erinnert sich an ihn, natürlich – und die beiden haben ziemlichen Spaß beim Spielen. 

Der Plan wäre gewesen, am Freitag am frühen Nachmittag in Winchester anzukommen, die Kathedrale zu besichtigen und dann in der Great Hall den legendären runden Tisch von König Artur zu bewundern. Wir buchen ein Hotel etwas außerhalb von Winchester, verlassen Sennen Cove in aller Herrgottsfrüh – und bereuen unsere Entscheidung ein paar Stunden später auch schon wieder. Je näher wir Winchester kommen, desto mühsamer wird der Verkehr. Kaum haben wir eine Baustelle und einen Stau hinter uns, kommt schon die nächste Baustelle und der nächste Stau. Wir verlieren Zeit, und das macht uns langsam Sorgen. Denn sowohl die Kathedrale als auch die Great Hall sperren bereits um 17 Uhr zu! Als wir endlich von der Autobahn runterfahren, sind wir optimistisch. Es wird knapp, könnte sich aber ausgehen. Aber dann schlägt das Navi auf den letzten Metern gnadenlos zu. Falsche Richtung, falsche Straße, gar keine Straße. Wir probieren es mit Google Maps, das sieht ganz gut aus, aber dann ist der Empfang weg. Irgendwann nach 16 Uhr finden wir das Hotel, das Teil eines Erlebnisparks ist – und trotzdem ist die Zufahrt beschissen bis gar nicht beschildert. Wir bringen die Koffer rasch ins Zimmer und fahren in die Stadt.

Für die fantastische Winchester Cathedral bleiben uns leider nur wenige Minuten.

Fünf Minuten vor 17 Uhr stehen wir am Parkplatz, laufen zur Kathedrale und dürfen gerade noch rein. Eintritt zahlen wir keinen mehr, Sammy darf, unglaublich eigentlich, offiziell mit rein in die gewaltige Kirche. Viel Zeit bleibt uns nicht, um eine der größten gotischen Kathedralen Europas besichtigen zu können. Wir schauen uns Winchester Cathedral also im Schnelldurchlauf an, sehen beeindruckende Wandgemälde im größten Kirchenschiff Englands. Auf Schätze wie die Winchester Bible müssen wir verzichten, auch die Gräber der Bischöfe, der vielen angelsächsischen Könige und jenes von Jane Austen lassen wir notgedrungen aus.

Die Great Hall sehen wir nur von außen, also müssen wir Arturs runden Tisch wohl ein andermal entdecken.

Dass wir Arturs runden Tisch nicht mehr sehen werden, war klar. Wir gehen trotzdem durch die kleine, aber beeindruckende Altstadt bis zur Great Hall, dem ehemaligen Rittersaal von Winchester Castle, das von William the Conqueror erbaut und von Oliver Cromwell und seinen Truppen zerstört wurde. Irgendwo da drinnen ist also der runde Tisch, den der Sage nach der alte Merlin gefertigt haben soll. Dass dem nicht so sein kann, ist den allermeisten Engländern ziemlich egal: Der runde Tisch in der Great Hall stammt aus dem 13. Jahrhundert, also einige Jahrhunderte nach Merlin und Artur. Macht nichts…

Wir gehen zurück ins Zentrum der ehemalgien Hauptstadt des angelsächsischen Königreichs Wessex und essen Pizza im Garten des Ask Italia. Schade, dass wir von Winchester nicht mehr gesehen haben, denn die Stadt ist sympathisch und irgendwie eine der schönsten, die wir in Südengland gesehen haben.

Das Marwell Hotel ist eigentlich ein sehr schönes Hotel, eingebettet in einen idyllischen Wald und eine großzügige Zooanlage mit allerhand wilden Tieren, die Zimmer sind durchaus komfortabel. Perfekt für eine Nacht, wenn man es leichter finden – und das Frühstück passen würde. Das nehmen wir diesmal dazu, weil wir in aller Früh nach Stonehenge fahren wollen und danach nach Hastings, unserer letzten Station in Südengland. Wir stehen deshalb um 6 Uhr auf, weil wir um 7 frühstücken wollen. Aber keine Chance, das gibt’s erst ab 7.30 Uhr. Ok, wir gehen zurück ins Zimmer, packen unsere Sachen zusammen, räumen das Auto ein und warten drauf, dass das Buffet eröffnet wird. Das Angebot ist eher überschaubar, es gibt eigentlich nur deftiges, englisches Frühstück. Das Baguette dazu ist gut, aber die Croissants sind sehr klein und sehr bald aus. Nachschub kommt nicht mehr, der Kaffee ist geschmacklich so ausgerichtet, dass wir auf die zweite Tasse gerne verzichten. Für 17 Euro pro Person ziemlich dürftig…

Irgendwie spürt man die Magie, die von Stonehenge ausgeht.

Trotzdem sind wir um 9 Uhr in Stonehenge, müssen dort aber warten, weil die Kassen erst um 9.30 Uhr öffnen. Wir haben unser Ticket zwar schon online gekauft, können aber natürlich trotzdem nicht rein. Dafür ist der Kaffee in Stonehenge gut. Vom Besucherzentrum geht es zu Fuß knappe zwei Kilometer über Wiesen und Wälder entlang alter Hügelgräber hin zum legendären Steinkreis. Mein Plan war, dort zu den ersten Besuchern zu gehören und relativ ungestört fotografieren zu können. Daraus wird nichts, denn während wir marschieren, überholen uns die Touristen in den Shuttlebussen nach der Reihe. Die können wir aber nicht benutzen, weil Sammy nicht in den Bus darf…

Seit rund 5.000 Jahren steht der Steinkreis, und bis heute weiß man nicht wirklich viel über Stonehenge.

Wir stellen uns schon auf einen Kampf um die besten Blickwinkel ein, aber die Menschen verteilen sich recht gut in der Anlage. Dass Sammy nicht in das Innere des rundherum umzäunten Steinkreises darf, haben wir gewusst. Ich gehe zuerst hinein, mache ein paar Fotos und lasse die durchaus mystische Stimmung auf mich wirken. Viel weiß man ja immer noch nicht über Stonehenge und den rätselhaften Steinkreis. Nur, dass das Monument etwa ab 3.000 vor Christus errichtet wurde und dies einige Zeit gedauert haben muss. Ebenfalls klar: Die Zahl der Arbeiter muss gewaltig gewesen sein, denn sie mussten mit Werkzeugen aus Stein und Knochen das Auslangen finden. Allerdings war den Erbauern Arithmetik und Astronomie auf jeden Fall geläufig, denn die Steine sind exakt auf den Tag der Sommersonnenwende ausgerichtet. Weil man das Gebilde aus Stein immer ganz gerne mit den Druiden in Verbindung gebracht hatte: die hatten mit der Errichtung mit Sicherheit nichts zu tun. Als die Druiden um 250 vor Christus auf der Bildfläche erschienen, wurde Stonehenge schon seit einem guten Jahrtausend nicht mehr genutzt. Klar ist auch, dass Stonehenge Zeremonienstätte und Heiligtum war – bloß für wen, das weiß man bis heute nicht. Wir sind froh, dass wir wenigstens Stonehenge gesehen haben, gehen den weiten Weg zurück und brechen nach Hastings auf.

„The Landing“: Der Bug eines normannischen Langschiffs ragt aus dem Kiesstrand von Hastings. Die Skulptur erinnert natürlich an die Landung der Normannen und die Schlacht von Hastings.

Das Appartement in Hastings ist klein, ansonsten aber hervorragend. Das Bad ist hochmodern, vom Fenster aus sieht man direkt auf den Hafen und das Meer, die Altstadt liegt gleich ums Eck. Nur gehen die Vermieter offenbar nicht davon aus, dass man sich allzu lange im Appartement aufhält und schon gar nicht, dass man hier noch etwas essen oder trinken möchte. Wir kaufen zwei furchtbare Weingläser in einem Billigladen und englischen Wein im M&S, dann gehen wir durch die Stadt. Die Altstadt mit den Fachwerkhäusern aus der Tudor-Zeit ist schön, auch das Hafenviertel rund um The Stade, wo die Fischer ihre Boote an Land gebracht und ihre Netze in den tiefschwarzen Speicherschuppen trockneten. Der schwarze Teeranstrich der „Net Shops“ schützt die Latten noch immer recht verlässlich vor Wind und Wetter.

Schwarz geteerte Fischerhäuser und wunderbare Pubs in alten Fachwerkhäusern der Altstadt: Wir kommen in Hastings definitiv gut zurecht.

In der George Street entscheiden wir uns für das Pub Anchor Inn und riesengroße, fantastische Pies. Am Abend machen wir einen groben Schlachtplan für die nächsten beiden Tage. Wir merken, dass wir auch hier nicht alles unterbringen werden, was wir uns vorgenommen haben. Deshalb streichen wir gleich einmal den Besuch im kleinen Dorf Battle, wo William the Conqueror – der Normanne, der mit seiner Armee von Frankreich aus über den Kanal gesegelt war – in der „Battle of Hastings“ siegte und die Normannenherrschaft in England besiegelte. Sein Widersacher, der angelsächsiche König Harold, verlor nicht nur die Schlacht selbst, sondern zuerst durch einen Pfeil das Auge und in der Folge sein Leben. Wichtiger als das Schlachtfeld sind für uns aber die Klippen bei Dover, der kleine Ort Rye und die Seven Sisters.

Imposant und mitunter furchteinflössend: Die steil ins Meer abfallenden White Cliffs of Dover.

Wir fangen mit Dover an. Gleich oberhalb von Dover Castle beginnt der Küstenpfad entlang der berühmten White Cliffs of Dover, die bis zu 106 Meter tief kerzengerade hinunter ins Meer fallen. Die Kreidefelsen sind atemberaubend schön und irgendwie angsteinflößend – und von hier aus jedenfalls mindestens so beeindruckend wie vom Meer, wo sie als Wahrzeichen Englands schon von Weitem die Gäste begrüßen, die mit den Schiffen von Calais herüberkommen. Wir gehen bis vor zum South Foreland Lighthouse, dann drehen wir um, beobachten den regen Schiffsverkehr vor dem Hafen von Dover und werden langsam müde. 

Rye zählt zu den schönsten Dörfern Englands.

Wir lassen die Stadt Dover bleiben und fahren gleich weiter nach Rye, dem kleinen Dorf, das laut Reiseführer ganz bezaubernd sein soll. Ist es auch, obwohl ganze Horden von deutschen und österreichischen Schülern auf Englandwoche gerade das Dorf unsicher machen. Bei den Einheimischen ist Sammy der Star. Nicht nur Kinder wollen ihn streicheln, auch Erwachsene. Bevor wir in ein kleines Café gehen, fragen wir sicherheitshalber, ob Sammy reindarf. „Na, unbedingt“, sagt die Kellnerin. Dass uns Rye als eine der schönsten kleinen Dörfer in Erinnerung bleibt, liegt tatsächlich auch an der schmalen Mermaid Street, die sich, mit Kopfstein gepflastert, seit dem 14. Jahrhundert praktisch nicht verändert hat und den Ruf genießt, die schönste Gasse in ganz Südengland zu sein. Am Abend essen wir direkt unterhalb unseres Appartements im Masters Fish die angeblich besten Fish & Chips der Stadt. Sie schmecken wirklich gut, aber die besten Fish & Chips hat hier in Hastings auch jedes andere Restaurant, das etwas auf sich hält. Ein unbedingtes Muss am Ende des Tages: Gin Tonic im schönsten Pub in der George Street, im Te Olde Pump House.

Brighton oder Eastbourne? Beide Städte wollen wir uns am letzten Tag in England nicht antun, also müssen wir uns entscheiden. Warum auch immer – wir fahren nach Eastbourne. Der erste Eindruck ist: alles Baustelle. Die lange Strandpromenade wird gerade runderneuert, sowohl auf der Grand Parade als auch der Marine Parade dominieren die Baufahrzeuge. In der Nähe der Fußgängerzone finden wir einen Parkplatz – hier ist es ruhig, aber auch nicht besonders attraktiv. Nach einiger Zeit erreichen wir die Fußgängerzone, von der wir uns einiges erwarten. Wir wollen auch noch ein paar Sachen einkaufen, und in einer Stadt wie Bournemouth sollte das Angebot schon entsprechend größer sein als in den kleinen Orten und Städten, in denen wir bisher waren. Aber wir freunden uns mit Bournemouth nicht so richtig an, die Stadt wirkt ein wenig verwahrlost, die Shops sind großteils nicht wirklich einladend.

Nur an der Strandpromenade lässt sich der noble Flair des Seebads Bournemouth erahnen.

Wir wollen wenigstens noch den Pier ansehen, der in den Reiseführern als echte Attraktion gelistet ist. Überhaupt gehen die Reiseberichte mit Eastbourne sehr schmeichelhaft um: Die Grand Old Lady der englischen Seebäder soll die Stadt sein, eine Hochburg großbürgerlichen Lebensstils. Tatsächlich vermittelt die noble Architektur entlang der Promenade ein wenig von dem, was dem Herzog von Devonshire vorgeschwebt haben dürfte, als er die Stadt 1861 neben einem alten Fischerdorf erbauen ließ – mit dem Hintergedanken, eine niveauvolle Stadt „by gentlemen for gentlemen“ zu erschaffen. Vom Pier aus erscheint die Architektur entlang der Strandpromenade auch wirklich dem Wunsch des Herzogs zu entsprechen, den Pier selbst würde er aber heute wohl auch nicht so richtig goutieren. Ich gehe den ein paar Hundert Meter in das Meer ragenden Pier alleine entlang, weil Sammy – aus welchen Gründen auch immer – nicht auf den Pier darf. Egal, versäumt hat er nichts. 2014 war der Pier einem Brand zum Opfer gefallen, beim Wiederaufbau dürfte ein chinesischer Einflüsterer seine Hände im Spiel gehabt haben. Brighton wäre definitiv die bessere Entscheidung gewesen…

Dafür sind Beachy Head und die Seven Sisters nicht mehr weit entfernt. Wir versuchen zuerst Beachy Head zu erklimmen, aber die Parkplätze sind allesamt voll und entlang der schmalen Straße trauen wir uns nicht zu parken. Wir fahren weiter zu den Seven Sisters und nehmen uns Beachy Head für den Rückweg vor. Ich möchte die Seven Sisters vom Zugang aus Seaford erkunden, aber irgendwie finden wir den nicht. Wir irren durch den Ort, landen dann aber doch noch eher zufällig beim Cuckmere Inn, wo der Wanderweg startet. Der Parkplatz ist aber nicht so einfach zu benutzen. Man muss sich mühsam registrieren, um eine Anzeige zur vermeiden. Dann machen wir uns auf den Weg durch den South down National Park vor zum Meer – das ist ziemlich weit, aber die herrliche Graslandschaft entlang des Cuckmere River entschädigt für die Mühen. Vor allem aber der Anblick der Seven Sisters. Die eigentlich acht Kreidefelsen reihen sich Richtung Eastbourne imposant aneinander. Sammy springt gleich ins flache Meer, er hat auch tatsächlich ein Bad nötig, weil er zuvor in den Cuckmere River gesprungen war – und dabei offenbar auch durch ein Stück Moor waten musste.

Die Seven Sisters – für uns das vorerst letzte Highlight in Südengland. Der Weg entlang des Cuckmere River lässt sich, wie wir sehen, schon einmal ganz und gar von jeglicher Wanderkleidung befreit absolvieren.

Wir sind alle müde und beschließen daher, ehe wir uns auf den Weg zurück zum Parkplatz machen, auf Beachy Head zu verzichten und dafür noch einmal nach Rye zu fahren. Es ist heiß – vielleicht ist das der Grund für eine eher kuriose Begegnung am Rückweg. Auf halbem Weg kommt uns ein Wanderer entgegen, mit Wanderschuhen, Rucksack und einem Kniestrumpf bekleidet – ansonsten ist der gute Mann splitternackt. Er grüßt uns freundlich, als wäre sein Outfit die normalste Sache der Welt.

Wir essen Pasties daheim im Appartement und trinken Wein am Fenster. Die Nachbarn, die am Tag davor im Appartement unter uns eingezogen sind, begrüßen uns gut gelaunt und freundlich von der Straße aus, als sie heimkommen. Keine halbe Stunde später entzündet sich am Balkon unter uns ein veritabler Ehestreit…

Noch einmal den Ärmelkanal unterirdisch durchqueren. Wir stehen um 5 Uhr früh auf, um nur ja rechtzeitig die Pets Station in Folkestone zu erreichen. Die Tickets für den LeShuttle haben wir uns schon im Internet gesichert. Mit Sammy gibt’s diesmal kein Problem, er darf anstandslos passieren – deshalb erwischen wir auch noch einen Zug, der eine Stunde vor der gebuchten Abfahrt losfährt. 

Der lächelnde Engel an der Kathedrale begrüßt uns immer wieder freundlich in Reims.

Um 14 Uhr sind wir in Reims. Seit gut 25 Jahren bleiben wir, wann immer sich die Möglichkeit ergibt, in der Stadt stehen. Auch diesmal nehmen wir einen kleinen Umweg in Kauf, um einfach durch Reims zu flanieren, ein Glas Champagner im Le Gauloise zu trinken und die spezielle Atmosphäre in der Cathédrale Notre-Dame zu spüren. 

Kaum eine andere Stadt ist so fest mit der französischen Geschichte verbunden wie Reims. Ende des 5. Jahrhunderts taufte Bischof Remigius in der damaligen Kathedrale den Frankenkönig Chlodwig I. – ein entscheidender Impuls für den Aufbau des Frankenreichs und die Bedeutung von Reims. Gesalbt wurde Chlodwig mit einem Öl, das einer Legende zufolge geradewegs vom Himmel fiel. Und ein paar Jahrhunderte später von Papst Innozenz II. als echt und damit heilig bestätigt wurde. Das Öl wird seither in der Heiligen Ampulle in der Abteil von Saint-Rémi aufbewahrt. Die erste offizielle Krönung gabs in Reims dann 816 in der Cathédrale Notre Dame: Ludwig der Fromme ließ sich damals die Krone aufsetzen. Acht Jahrhunderte und 27 Könige später war Karl X. der Letzte, dem diese Ehre in Reims zuteil wurde.

In der Cathédrale Notre-Dame wurde über Jahrhunderte französische Geschichte geschrieben.

Dass am neu gestalteten Place de Parvis vor der Notre-Dame ein besonders beeindruckendes Denkmal von Jeanne d’Arc steht, hat seinen Grund ebenfalls in einer Krönung: Frankreichs Nationalheilige hatte während des Hundertjährigen Kriegs entscheidend dazu beigetragen, dass die Engländer zurückgedrängt werden konnten. Jeanne hatte Charles VII., „ihren Dauphin“, ermutigt, sich 1429 in Reims noch einmal krönen zu lassen – ein Akt mit enormem Symbolcharakter.

Immer wieder faszinierend ist das Innere der Kathedrale mit den riesigen Bleiglasfenstern, die unter anderem von Marc Chagal gestaltet wurden, und den 56 Skulpturen französischer Könige. An der Fassade dominieren die Engelsstatuen, die ihre Betrachter auch schon einmal schelmisch anlächeln.

Ein Fixpunkt ist der Place Drouet d’Erlon, der diesmal keine 50 Meter von unserem Hotel entfernt liegt. Die Statuen am Fontaine Subè begeistern mich immer wieder, doch irgendetwas kommt mir diesmal anders vor. Wir waren einige Jahre nicht in Reims, deshalb dauert es auch, bis ich draufkomme, was mich irritiert. Meine Lieblingsstatue – die Figuren stellen Marne, Aisne, Vesle und Suippe, die vier wichtigsten Flüsse der Region dar – hat in der Zwischenzeit einen Kopf und einen Arm bekommen. Kopflos und ohne Arm war die Dame eindrucksvoller…

Auch Jeanne d’Arc hatte eine besondere Beziehung zu Reims. Meine Lieblingsstatue an der Fontaine Subè war ohne Kopf und ohne Arm irgendwie schöner…

Nicht nur Frankreichs Könige haben Reims geprägt, auch die Römer. Daran erinnert vor allem die Porte de Mars, mit 33 Metern Länge und 13 Metern Höhe der größte Triumphbogen der römischen Welt. Der Legende nach soll die Stadt überhaupt von einem Römer gegründet worden sein: Von Remus nämlich, dem Bruder von Romulus, der seinerseits ja für Rom verantwortlich zeichnen soll.

Wir essen im 3 Brasseurs. Ich probiere Welsh Maroilles, Manuela Poulet mit Chorizo und Maroilles. Im Hotel Cécil haben wir zwar ein sehr, sehr kleines Zimmer bekommen – aber dafür haben wir überraschenderweise auch einen Balkon. Grund genug, uns noch eine Flasche Wein zu besorgen…

Eine Zwischenstation legen wir noch ein. Von Reims fahren wir knapp 600 Kilometer weiter nach Bamberg. Die Stadt soll zu den schönsten in Deutschland zählen, dieser Meinung ist offenbar auch die UNESCO, die ganz Bamberg zum Weltkulturerbe erhoben hat. Es gibt eine Bergstadt und eine Inselstadt, die ehemalige Fischersiedlung Klein-Venedig und die Gärtnerstadt, wo seit dem Mittelalter mitten im Zentrum Gemüse angebaut wird. Von der beeindruckenden Burg oberhalb der Stadt aus haben die Babenberger seinerzeit die Region dominiert. Dass das alte Rathaus mitten in der Regnitz steht, hat einen skurrilen Hintergrund: Als die Bürger von Bamberg ein eigenes Rathaus haben wollten, soll sich der Bischof quergestellt und ihnen keinen Platz dafür zugestanden haben. Also haben die Bamberger kurzerhand eine künstliche Insel am Fluss errichtet und das Rathaus eben dorthin gebaut. Dass der Bischof wohl immer schon viel zu sagen hatte in Bamberg, wird durch den beeindruckenden Domplatz und den Kaiserdom mehr als deutlich.

Ganz Bamberg ist Weltkulturerbe.

Nachdem wir erst spät in Bamberg ankommen und immer müder werden, begnügen wir uns damit, die vielen Sehenswürdigkeiten oberflächlich zu streifen. Im Restaurant Ringlein in der Dominikanerstraße beschließen wir, noch einmal herzhaft ungesund zu essen: Fränkischer Sauerbraten und Spargel. Irgendwo in der Inselstadt trinken wir noch Grauburgunder, dann fallen wir ins Bett. 

Die letzten 500 Kilometer nach Hause schaffen wir problemlos. Sammy ist froh, wieder in seinem Haus zu sein. Und Alfie, unser Kater, der uns normalerweise mit stundenlanger Ignoranz straft, wenn wir heimkommen, begrüßt uns diesmal sogar fast überschwänglich. Vielleicht haben wir ihm ja doch gefehlt.

KENT

Einwohner: 1,8 Millionen

Hauptstadt: Maidstone

Geschichte: Besiedelt war Kent schon in der Altsteinzeit, später nannte Julius Caesar die Region Cantium. Im 5. Jhd. n. Chr. errichteten die Jüten das Königreich Kent. 597 wurde Augustinus der erste Erzbischof von Canterbury, nachdem er ein Jahr zuvor Aethelberht zum Christentum bekehrt hatte. Bis heute ist Canterbury das christliche Zentrum Englands und der anglikanischen Kirche. 1066 besiegte Wilhelm der Eroberer das „unbesiegbare“ Kent. In den folgenden Jahrhunderten war Kent Zentrum mehrerer Aufstände, beliebt bei Schmugglern und immer wieder im Zentrum verschiedener Kriege. Der Großteil der Luftschlacht um England fand über Kent statt.

SUSSEX

Einwohner: 1,7 Millionen

Hauptstadt: Lewes (Verwaltungssitz East Sussex), Chichester (Verwaltungssitz West Sussex)

Geschichte: Sussex ist als „Südliches Gebiet der Sachsen“ seit 477 nachweisbar, bis zum Ende des 8. Jahrhunderts war Sussex ein eigenes Königreich, danach kam es unter die Oberherrschaft des Königreichs Wessex. Sussex hatte schon vor der Invasion der Normannen intensive Kontakte zum normannischen Festland in Frankreich.

HAMPSHIRE

Einwohner: 1,85 Millionen

Hauptstadt: Winchester

Geschichte: Winchester war früher die Hauptstadt des Königreichs Wessex. Southampton und Portsmouth sind seit 1997 zwar eigene Verwaltungseinheiten, gehören aber prinzipiell noch zu Hampshire. Siedlungen gab es in Hampshire bereits in der Bronzezeit, etwa 40 n. Chr. übernahmen die Römer auch hier das Sagen, bauten Straßen und Städte. Im 5. und Anfang des 6. Jahrhunderts wurde Hampshire von den Angelsachsen erobert, im 7. Jahrhundert von den Jüten. In diesem Jahrhundert bildete Hampshire den Kern des einflussreichen Königreichs Wessex. Im späteren Mittelalter fielen die Wikinger ein, ab 1066 ging Hampshire an die Normannen. In Southampton und Portsmouth entstanden später die wichtigsten Häfen Englands.

DORSET

Einwohner: 1,85 Millionen

Hauptstadt: Winchester

Geschichte: Winchester war früher die Hauptstadt des Königreichs Wessex. Southampton und Portsmouth sind seit 1997 zwar eigene Verwaltungseinheiten, gehören aber prinzipiell noch zu Hampshire. Siedlungen gab es in Hampshire bereits in der Bronzezeit, etwa 40 n. Chr. übernahmen die Römer auch hier das Sagen, bauten Straßen und Städte. Im 5. und Anfang des 6. Jahrhunderts wurde Hampshire von den Angelsachsen erobert, im 7. Jahrhundert von den Jüten. In diesem Jahrhundert bildete Hampshire den Kern des einflussreichen Königreichs Wessex. Im späteren Mittelalter fielen die Wikinger ein, ab 1066 ging Hampshire an die Normannen. In Southampton und Portsmouth entstanden später die wichtigsten Häfen Englands.

DEVON

Einwohner: 1,2 Millionen

Hauptstadt: Exeter

Geschichte: Dartmoor war bereits 6.000 v. Chr. von Jägern und Sammlern bewohnt. In der Megalithkultur entstanden die ältesten heute noch vorhandenen Denkmäler Englands – Menhire, Steinkreise, Grabstätten. Der Name Devon leitet sich von den Dumnonii ab, einem keltischen Volk, das die Region zur Zeit der Römer bewohnte. Die germanischen Völker wagten sich vorerst nicht nach Devon, erst im 7. Jahrhundert kamen ein paar Sachsen nach Devon. Wessex eroberte Devon 715 für kurze Zeit, später gab es Kämpfe zwischen den Devonianern und den „Walisern von Cornwall“. Im 9. Jahrhundert bedrohten vor allem die Wikinger die Region. Im Mittelalter war Devon Schauplatz wilder Kämpfe zwischen Normannen und Angelsachsen, Wilhelm der Eroberer nahm schließlich auch Devon ein. An einem Strand in Devon wurde Ende 1943 für den D-Day geübt. Die Bewohner von Slapton Sands wurden umgesiedelt, die Übung zum Desaster. Aufgrund von Kommunikationsproblemen wurden US-Soldaten von britischen Schiffen beschossen…

CORNWALL

Einwohner: 570.000

Hauptstadt: Truro

Geschichte: Cornwall ist seit der Altsteinzeit besiedelt. Im 6. Jahrhundert kamen keltische Briten ins Land, sie brachten Kenntnisse über Eisenherstellung und -bearbeitung mit. Nach der Eroberung durch die Römer und ihrem Abzug bekriegten sich die Kelten untereinander, Frieden schaffte erst – laut Legende – König Artus. 1072 übernahmen die Normannen auch in Cornwall die Herrschaft, die Cornen bewahrten sich aber Sprache und Identität. König Edward III machte Cornwall zu einer Grafschaft mit Sonderstatus. Während des Mittelalters war Cornwall als einziger Teil Englands nicht von den Angelsachsen besiedelt.

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