Seit Jahren spekulieren wir mit einer Reise nach Belgien. Aber irgendwie haben wir uns im letzten Moment dann doch immer für eine andere Destination entschieden. Schade eigentlich, denn Belgien hat, jetzt, wo wir es doch noch geschafft haben, bei weitem nicht nur gehalten, was wir uns von dem Land versprochen haben…
Wie so oft sind es vage Erinnerungen an alte Zeiten, die eine Reise noch einmal auf meine To-do-Liste gehievt haben. Es ist gut 40 Jahre her, dass wir als Studenten Belgien am Weg in die Bretagne durchquert haben: ein paar Tage unten im Süden, dann Gent und Brügge. Vor allem Brügge hat sich eingeprägt, die romantischen, malerischen Kanäle, die alten Fachwerkhäuser, die engen Gassen, die kleinen Lokale. Irgendwann muss ich wieder hin, das war klar…


Brügge – dank vieler Touristen nicht mehr ganz so romantisch wie früher, aber allemal noch traumhaft schön.
Vor ziemlich genau drei Jahren war es dann fast so weit, aber ehrlich gesagt war Belgien damals nur Lückenbüßer. Wir wollten im Frühjahr 2020 in die Dolomiten, alles war gebucht, alles auf Schiene. Und dann kam Corona. Eine Woche vor der geplanten Abreise zeigten die Bilder der vielen Toten in den benachbarten Regionen, dass es vielleicht doch keine so gute Idee sein könnte, ausgerechnet jetzt nach Norditalien zu fahren. Daheimbleiben war keine Alternative, daher suchten wir nach einer Region, wo Corona noch nicht das große Thema war. Belgien! Wenig Coronafälle – und ein Land, in das wir sowieso schon lange wollten. Brügge, Ostende, Antwerpen – ganz schnell Hotels gebucht, Vorfreude groß.
Für ein paar Tage wenigstens. Denn dann war Belgien urplötzlich sowas wie eine Virus-Hochburg geworden. „Ihr könnt kommen und bei uns übernachten – aber wir dürfen euch nichts kochen und ihr werdet in ganz Brügge kein Lokal finden, in dem ihr essen könnt!“ Ein Mitarbeiter des Hotels, das wir in Brügge gebucht hatten, machte uns die Entscheidung mit seinem Anruf dann am Tag vor der geplanten Abreise leicht. Daheimbleiben war also doch eine Alternative…
Jetzt, drei Jahre später, haben wir es tatsächlich geschafft. Und gut war es, dass wir warten mussten! Denn diesmal haben wir auch Brüssel auf den Reiseplan gesetzt. Gott – und Corona – sei Dank…
Brüssel: Victor, Léopold und Jacques
Von einer großen Stadt in die andere – das wollen wir Sammy lieber nicht zumuten. Außerdem wollen wir auf die ganzen Museen nicht verzichten, und damit hätte unser Hund definitiv keine Freude. Also verabschiedet er uns mit dem tieftraurigen Blick, der uns noch Tage danach ein schlechtes Gewissen macht.




Ein Prachtbau neben dem anderen am Grote Markt. Rundherum gibt es Attraktionen wie den Manneken Pis, herrliche Fassaden und unglaublich gute Schokoladen in den Galerien St-Hubert..
Nach gut zwölf Stunden im Auto stehen wir mitten in Brüssel, die Rue du Midi in Hörweite, das Bedford Hotel keine 50 Meter entfernt – und doch noch so weit weg. Das Navi schickt uns durch die Fußgängerzone, was wir uns dann doch nicht trauen, die Mitarbeiter des Hotels können uns telefonisch auch nicht weiterhelfen, die freundlichen Polizisten wenigstens ein bisschen. Jedenfalls trauen wir uns dann doch durch die Fußgängerzone – das ist in Brüssel zu bestimmten Zeiten tatsächlich erlaubt.
Eine halbe Stunde später sind wir im Zentrum, am Grote Markt. In jeder Beziehung ist der Platz gigantisch, das Maison du Roi, das Hôtel de Ville, Victor Hugos ehemalige Wohnhaus, das Le Pigeon, Le Maison des Ducs de Brabant, die Gildehäuser und das viele Gold an den barocken Fassaden zeugen von den glorreichen Zeiten der Stadt.




Grote Markt und Börse.
Abseits vom Grote Markt ist Brüssel nicht weniger beeindruckend. Vorbei an der Börse, durch die historische Rue des Bouchers und die uralte, vom alten König Léopold I. eröffnete Einkaufspassage Galeries St-Hubert mit den unwiderstehlichen Schoko-Läden. Vor dem Manneken Pis, dem kleinen, dicken, unscheinbaren und pinkelnden Männchen, drängen sich die Touristen. Sein weibliches Gegenstück, die Jaenneke Pis, interessiert weniger. Kein Zufall wohl, dass sie ziemlich verschämt am Ende einer engen Sackgasse untergebracht ist. Am Abend essen wir im „The Beer’s Garden“ am Place Sainte Catherine gleich einmal das belgische Nationalgericht: Carbonade Flamandes.
Am nächsten Tag: Kultur. In den Musées royaux des Beaux-Arts sind sie alle vertreten. Rubens, Brueghel und die alten Meister, René Margritte hat 2009 sogar ein eigenes Museum bekommen.









Alte Meister im Musée des Beaux-Arts. René Margritte hat seine eigenes Museum in Brüssel.
Auch Jacques Brel hat ein eigenes Museum, mit Filmen, alten Fotos und Zeitungsartikeln. An der Kasse sitzt immer noch seine Tochter France, die die Fondation Jacques Brel aufgebaut hat. Die Statue am Platz vor dem Museum betont Brels ohnehin markante Gesichtszüge ein wenig zu stark.





Frankreichs bedeutendster Chansonnier ist ein Belgier. Im À la Mort Subite hat Jacques Brel viel Zeit verbracht.
Bald merken wir, dass es ein Fehler war, nur zwei Nächte in Brüssel eingeplant zu haben. Also gibt’s wenig Zeit zum Ausrasten. Über Grand und Petit Sablon gehen wir raus aus dem Zentrum Richtung Europäisches Parlament. Der Komplex ist weitaus beeindruckender als wir erwartet haben, den Parc du Cinquantenaire genießen wir weniger. Es hat zu regnen begonnen.








Hier wird beschlossen, in welche Richtung es in Europa gehen sollte.
Zurück in die Innenstadt. Die Cathédrale Sts Michel et Gudule ist ein weiterer Beweis dafür, dass sich die Kirche bei Größe und Ausstattung noch nie hat lumpen lassen. Wir nehmen noch rasch die faszinierende Ausstellung des Fotografen Peter Lindbergh mit, ehe es Zeit für einen Pflichtbesuch und eine kleine Pause wird: Ein Bier im „À la Mort Subite“, der Stammkneipe von Jacques Brel.






Auch das ist Brüssel: Prachtvolle Kirchen und großzügige Parkanlagen.
In den Straßen rund um die Innenstadt reiht sich ein exotisches Restaurant an das andere. Wir entscheiden uns für das Kokod. Das Lokal ist gerammelt voll, aber man empfängt uns mit einem Lächeln und dem Versprechen, schon noch zwei Plätze zu finden. Äthiopische Gerichte isst man mit den Fingern, das mag gewöhnungsbedürftig sein, aber es schmeckt fantastisch.



Eineinhalb Tage Brüssel sind viel zu wenig. Für einen Abschlussbesuch am Grote Markt reicht die Zeit aber allemal.
Revienne les temps de Bruges et Gand…
Eineinhalb Tage Brüssel waren definitiv zu wenig. Für Brügge gönnen wir uns mehr Zeit. Drei Nächte haben wir hier gebucht, im herrlichen „Beautiful Apartement“ am Noorweegse Kai gleich außerhalb der Innenstadt, mit tollem Blick auf den Kanal.



Herrliche Fachwerkhäuser und stimmungsvolle Kanäle: Schön ist Brügge noch immer.
Wir halten uns nicht lange auf und gehen in Richtung Zentrum, immer den Kanal entlang, vorbei an herrlichen Fachwerkhäusern, den Belfort als Ziel von überall im Blick. Es sind doch ein paar Kilometer, bis wir am Van Eyk-Platz ankommen, die Statue des Malers und die kleinen Häuser, oft nicht einmal zwei Meter breit, bewundern können. Es ist Samstag – und der Grote Markt eine einzige Enttäuschung. Der Platz ist vollgeräumt mit Fahrgestellen und Menschen. Wir wandern ziellos durch die Innenstadt, aber die Magie, die Brügge vor ein paar Jahrzehnten ausgestrahlt hat, die will sich einfach nicht so recht einstellen.





Auf der Burg stehen imposante Gebäude wie Stadhuis und Heilig Bloedbasiliek.
Die Stadt ist wunderschön, ja – aber irgendwie halt nicht mehr die alte.
Wir lassen den ersten Abend mit einem Glas Wein im Till Uilenspiegel direkt am Kanal und später im „Amuni“, einer Pizzeria am Burg, ausklingen.
Am nächsten Tag besteigen wir den Belfort. Auch das ist nicht mehr so einfach. Wir müssen wegen der Zugangsbeschränkungen bis nach 13 Uhr warten, ehe wir uns die 366 teilweise echt heftigen Stufen hinauf auf den Turm quälen dürfen. Die nächste Enttäuschung: Sinnvoll fotografieren ist nicht möglich, weil der eigentlich traumhafte Blick hinunter auf den Marktplatz rundherum von einem Gitter getrübt wird. Wieder unten angekommen, genießen wir in einem der Lokale ein Bier – und den ungetrübten Blick hinauf auf den Belfort.




Wir entdecken Brügge vom Boden aus und – nach 366 Stufen – auch von oben. Der Ausblick vom Belfort ist großartig. Wenn nur das Gitter nicht wäre…
Das Groeningemuseum mit den Werken flämischer und niederländischer Maler haben wir da schon hinter uns, eine Runde um die Innenstadt entlang der Kanäle ebenfalls. Der legendäre Blick auf den Rozenhoedkaai ist trotz der vielen Touristen spektakulär, genauso wie die Burg, die eigentlich ja nur ein riesiger gepflasterter Platz ist, der aber von wunderbaren Gebäuden wie dem Stadhuis und der Heilig Bloedbasiliek umrahmt wird. Zurück ins Appartement gehen wir diesmal nicht entlang des Kanals, sondern über die Langestraat zum Kruisport, einem noch erhaltenen alten Stadttor, und entlang des Kruisvest zur St Janshuysmühle, in der – im Gegensatz zu den anderen Mühlen entlang des Weges – noch immer Korn gemahlen wird.





Flämische Kunst im Groeningemuseum und stimmungsvolle Ecken im Zentrum.
Am Montag ist der Marktplatz endlich befreit von den Fahrgeschäften. Wir genießen bei einem Kaffee den Blick auf den Platz mit der markanten Statue der beiden wehrhaften Zunftmitglieder Pieter de Conink und Jan Breydel, die 1302 den Aufstand gegen die Franzosen angeführt hatten. Über die Steenstraat gehen wir zur Onze liebe Vrouwenkerk und zum Begijnhof. Hier wird der Wandel, den Brügge mitgemacht hat, am deutlichsten. Vor 40 Jahren war der Eingang kaum zu finden, heute drängen sich die Touristen von weitem sichtbar. Ruhiger, aber nicht wirklich schön, ist es am Minnewater.







So ruhig ist es in Brügge auch im Frühjahr nur sehr selten. Sogar der Begijnhof ist zum Touristenmagneten geworden.
Am Rückweg fallen wir im Bottleshop ein – ein kurioser Laden mit gefühlt Tausenden belgischen Bieren und ebenso vielen Gläsern. Denn jedes Bier hat hier sein eigenes, spezielles Glas. Übrigens, nicht nur die Biere schmecken fantastisch in Belgien, auch die friet. Belgische Pommes sollen ja die besten der Welt sein. Grund genug für ein Frietmuseum! Die Betreiber haben zuvor schon ein anderes leckeres Museum aufgemacht – das Schokolademuseum Choco-Story.
… le soir souvent entre les tours de Bruges et Gand
Wer Brügge besucht, darf Gent nicht vergessen. Beide Städte haben sich im 9. Jahrhundert eine Burg zugelegt, um sich besser vor den Wikingern schützen zu können, beide haben es zu Reichtum gebracht. Brügge als Handelszentrum, Gent mit der Tuchproduktion.




Die Brüder van Eyk und jede Menge Gotteshäuser empfangen die Besucher in Gent.
Bevor wir nach Gent aufbrechen, entdecke ich im Internet zum Glück noch, dass wir unser Auto „anmelden“ müssen, damit wir problemlos in die Umweltzone reinfahren dürfen. Wir parken beim Duivelstein – einer massigen Burg, die seinerzeit nicht wegen der Wikinger errichtet wurde, sondern eher aus Selbstschutz. Denn Vogt Geraard hatte sich beim Volk nicht gerade beliebt gemacht und sich den Beinamen „de Duivel“ hart erarbeitet.
Ein paar Meter weiter die imposante Skulptur „Die Brüder van Eyk“, direkt vor der St-Baafskathedraal. Drinnen haben die Brüder den Genter Altar hinterlassen, auch Peter Paul Rubens hat sich hier mit einem Gemälde verewigt.






Gent hat in den letzten Jahrzehnten viel an Charme dazu gewonnen.
Am Weg zu Het Gravenstein, einer der größten Wasserburgen Europas, reiht sich ein beeindruckendes Gebäude an das andere. Der Belfort, mit 91 Metern sogar noch ein paar Meter höher als der in Brügge, die St-Niklaskerk, das Stadhuis, die Gildehäuser am Graslei. Nach dem Vrijdagmarkt machen wir uns auf den Weg ins Museumsviertel. Ein Naturkundemuseum für Kinder, ein Textilmuseum, eines für die moderne Kunst, eines für die schönen Künste – das Angebot ist groß. Wir belassen es beim SMAK, dem Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, und dem MSK, dem Museum voor Schone Kunsten – beide absolut sehenswert.









„Schone Kunsten“ in den Genter Museen.
Danach schleppen wir uns noch einmal den weiten Weg zurück zu Graslei, Korenmarkt und St-Michielsbrug. Ein letzter Blick von der Brücke verfestigt das Gefühl: Was Brügge ein bisschen an Charme eingebüßt hat, hat Gent um ein Vielfaches dazugewonnen.
Oostende und die Noordzee


Kanal-Idylle zwischen Brügge und Damme.
Wir fahren weiter an die Noordzee, nach Oostende. Nachdem wir Zeit genug haben, geht es zuerst einmal entlang des Kanals und schnurgerader Alleen nach Damme, wo wir uns bei „Tante Marie“, einem kleinen Café mit fantastischen Torten, stärken. Danach schlendern wir durch die kleine Innenstadt, vorbei am Stadhuis und dem Huis Sin-Jan zur Onze-Lieve-Vrouwekerk, die großteils nur noch Ruine ist. Im Sint-Jan haben dereinst Karl der Kühne und Margareta von York geheiratet, der bekannteste „Bewohner“ ist freilich immer noch der gute Tijl Uilenspiegel, der ein eigenes Museum und eine Statue an der Straße, gleich in der Nähe der Schellemolen, bekommen hat.








Der berühmteste Mann aus Damme: Tijl Uilenspiegel.
Weiter geht’s an die Grenze zu Holland, nach Knokke-Heist. Dort lernen wir das andere Gesicht Belgiens kennen, das hässliche.
Belgien hat eine unglaubliche Dichte traumhafter, bestens erhaltener mittelalterlicher Städte, grandiose Plätze und historische Gebäude, langgezogene, wunderbare Strände – was zum Teufel mag die Stadtverantwortlichen entlang der Nordseeküste geritten haben, dass sie solche Bauwerke zugelassen haben. Einfallslose, grauenvolle Betonburgen, eine neben der anderen. Wer am Strand spazieren geht und einmal nicht hinaus aufs Meer blickt, der ist selber schuld…
Dabei kann man immer wieder einmal hinter oder gar zwischen diesen obskuren Bauten erkennen, dass es früher ganz anders gewesen sein muss. Aber es sind nicht die paar herrschaftlichen Villen mit den gepflegten Gärten, die in Erinnerung bleiben…
Dabei ist Knokke nicht einmal der hässlichste Ort. Blankenberge oder Nieuwpoort-aan-Zee übertreffen Knokke locker. Aber unser Ziel ist ohnehin Oostende. Auch da haben die Stadtplaner hin und wieder wohl geschlafen, aber im Großen und Ganzen ist Oostende eine recht charmante Stadt. Unser Appartement liegt direkt am Meer, am Zeedijk. Die Häuser entlang der Strandpromenade sind auch nicht schön, aber nicht ganz so schlimm. Und die Aussicht aus dem 5. Stock direkt über die unendliche Weite der Noordzee ist einfach genial!







Wunderschöne Noordzee bei Oostende. Über die Bausünden in der Stadt kann man ja auch einmal hinwegsehen…
Am nächsten Morgen fahren wir hinein nach Oostende. Das Auto lassen wir in einer Parkgarage gegenüber vom Leopoldspark stehen. Oben an der Leopold II-Laan reckt die Dikke Mathille den Besuchern ihr gewaltiges nacktes Hinterteil entgegen. Die Dikke Mathille ist eine Skulptur, die eigentlich De Zee heißt und fast schon ein kleines Wahrzeichen von Oostende ist.
Ein bisschen was ist noch über von der einstigen „Königin der Seebäder“, das merkt man nicht nur in der Fußgängerzone, sondern vor allem entlang der Strandpromenade, wo sich Casino, Venezianische Galerien, Königliche Residenz, Königliche Galerien, Thermenpalast und Pferderennbahn aneinanderreihen.







Von Mathilles dickem Hintern bis zu faulen Seelöwen und modernen Skulpturen hat die „Königin der Seebäder“ extrem viel zu bieten.
Am imposanten Hafen liegen der alte Dreimaster Mercator und das Fischerboot Amandine, das zu einem Museum geworden ist, die großen Kirchen – die St-Petrus-en-Pauluskerk und die Kapucijnenkerk stehen gleich ums Eck. Dass alte Bausünden nicht vor neuen architektonischen Grausamkeiten schützen, zeigt sich ebenfalls am Hafen. Da werden gerade auf Teufel komm raus neue Betonklötze aufgestellt. Wenigstens bleiben hin und wieder die alten, wunderschönen Fassaden als Staffage stehen…




Noch ein letzter Blick auf die Noordzee.
Highlight am Hafen ist der Weststaketsel, ein Pfahlbau, der rund 600 Meter hinein ins Meer ragt. Wir gehen allerdings am Steg direkt gegenüber hinaus aufs Meer, vorbei an drei faul im Sand liegenden Seelöwen, im Hintergrund Fort Napoleon und der Leuchtturm.
Veurne, die Dünen und die Vögel






Ein älterer Herr überzeugt uns davon, dass Veurne ein paar Stunden Aufmerksamkeit verdient hat.
Von Oostende aus lässt sich die Region perfekt erkunden. Veurne zum Beispiel – eine geschichtsträchtige kleine Stadt, die von den Bausünden verschont geblieben ist. Der Grote Markt mit den Giebelhäusern und dem Stadhuis, die Sint-Walpurgakerk und, etwas abseits, der Sint-Niklaaskerk lassen erahnen, warum Veurne schon einmal „Klein-Brügge“ genannt wird. Mitten am Hauptplatz spricht uns ein älterer Herr an, fragt, woher wir kommen, und erklärt uns dann in perfektem Deutsch, was es mit Veurne so auf sich hat. Er erzählt uns vom Belfried und seiner Geschichte, von den Kirchen, den Häusern am Platz und vom Krieg, von Napoleon und den Zaren, von Rodin und von Rilke, der ein Gedicht über den Belfried geschrieben hat. Er hätte uns wohl noch stundenlang von seinem Veurne erzählen können – und wir hätte stundenlang fasziniert zugehört. Aber irgendwann musste er dann doch aufhören und heim zu seiner Frau, die mit dem Essen wartet.






Nackte Damen im Pfarrgarten? Solange sie aus Stein sind, ist das in Veurne kein Problem.
Jedenfalls haben wir umdisponiert und die 250 Stufen hinauf auf den Belfried genommen und die fantastische Aussicht genossen. Der Mann hat nicht übertrieben.
Knapp vor der Grenze nach Frankreich liegt De Panne, einer der schöneren Orte an der Küste. Noch schöner ist das angrenzende Naturreservat De Westhoek, eine stille, unter Naturschutz stehende Dünenlandschaft. Ein Stück Richtung Oostende liegt Oostduinkerke.




Viel Sand im Naturreservat De Westhoek. In Oostduinkerke dominieren die Badehütten – von den berittenen Krabbenfischern ist hingegen nicht mehr viel zu sehen.
Der Badeort steht seit einem Jahrzehnt auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerbe. Nein, natürlich nicht wegen der Architektur, sondern wegen der Krabbenfischer, die hier auf dem Pferd unterwegs sind. Ein paar davon soll es noch geben, mit etwas Glück kann man sie angeblich noch am Strand bei der Arbeit erleben. Wir haben kein Glück und müssen uns mit den Statuen zufriedengeben. Am anderen Ende der belgischen Küste liegt der Naturpark De Zwijn mit einer speziellen Pflanzenwelt und unzähligen Nist- und Zugvögeln. Gänse, Enten, Seeschwalben, Eulen und Silberreiher kann man hier beobachten.





Die meisten Vögel haben offenbar Ausgang, als wir den Naturpark De Zwin besuchen.
Mit Sicherheit faszinierend, wenn das Wetter passt. Aber auch hier haben wir kein Glück. Es regnet, die Vögel verziehen sich und die Wanderwege sind matschig und zum Teil überflutet.
Antwerpen: Diamanten, Gold und elendslange Typen
Letzte Station: Antwerpen. Wir schauen noch einmal rein nach Oostende, ehe wir Richtung Antwerpen weiterfahren. Geht gar nicht so einfach: Ein Tunnel vor Antwerpen ist gesperrt, das Navi überfordert. Wir machen einen satten Umweg von rund 70 Kilometern und kommen eine Stunde später als erhofft an. Unser Appartement, das „Suit City Center“ in der Rijke Beukelaarstraat, liegt mitten in der Stadt, das Auto lassen wir in der Parkgarage unter dem Groenplaats, viel Zeit für die Stadt bleibt dann nicht mehr.







Fast alles Gold, was glänzt: Auf Antwerpens alten Häusern haben sich unzählige Goldstatuen niedergelassen.
Aber der erste Eindruck von der Innenstadt ist großartig. Wir essen im „Libanezza“, einem libanesischen Restaurant in der Hoogstraat, und gehen noch einmal auf den Grote Markt mit dem imposant beleuchteten Brabo-Brunnen.
Brabo? Silvio Brabo hat der junge Mann geheißen, angeblich ein Neffe von Julius Caesar und mindestens so mutig wie sein Onkel. Jedenfalls hat er Antwerpen von dem bösen Riesen Druan Antigon befreit, ihm die Hand abgeschnitten und diese in die Schelde geworfen. Wird schon so stimmen…





Die goldenen Figuren liefern meist einen Hinweis darauf, was im Haus untergebracht ist. Am Grote Markt dominiert der mutige Brabo, der die Stadt vom Riesen Druon Antigon befreit hat.
Das Wetter zwingt uns am nächsten Tag zu einer Programmänderung. Statt Innenstadt gehen wir die zwei Kilometer bis zum Koninklijk Museum voor Schone Kunsten. Der Eintritt ist mit 20 Euro nicht gerade billig, aber jeden Cent wert. Das klassizistische Gebäude an sich, aber noch viel mehr natürlich die Werke von Delvaux, Rubens, van Eyk, Margritte, van Gogh – und natürlich von Hausherr James Ensor. Gut zweieinhalb Stunden brauchen wir, um auf den vier Stockwerken so viel wie möglich zu sehen.














Mühsame zwei Kilometer Fußmarsch sind es vom Zentrum bis zum Koninklijk-Museum. Aber jeder einzelne Schritt ist die Mühe wert.
Danach gehen wir den Weg zurück in die Innenstadt, zum Groenplaats, und dann weiter zum Hafen.
Dort hat Napoleon vor ein paar Hundert Jahren dafür gesorgt, dass das mittlerweile vor die Hunde gegangene Antwerpen wieder an alte Zeiten anknüpfen konnte. Napoleon ließ den Hafen ausbauen, um ihn als „Pistole auf das Herz Englands“ zu richten. Wirtschaftlich erholte sich Antwerpen jedenfalls ab Mitte des 19. Jahrhunderts nachhaltig, dreimal fanden in der Folge Weltausstellungen statt, 1920 sogar die Olympiade. Heute ist das moderne Museum aan de Stroom das imposanteste Gebäude am Bonapartedok.
Zurück geht’s entlang der Schelde vorbei an der St-Pauluskerk, Vleeshuis und Het Steen, der alten Burg, die vor Feinden schützen sollte und dann und wann auch als Gefängnis diente. Eine Zeitlang wohnte der „Feind“ der Stadt freilich selber in der Burg: Riese Druon Antigon soll von hier aus sein Unwesen getrieben haben, bis Caesars Neffe dem Spuk ein Ende bereitete. Noch eine sagenhafte Geschichte rankt sich rund um die Burg. Der Lange Wapper, der nur durch seinen Willen wachsen konnte und Trinkern übel mitgespielt haben soll, wacht als Statue aus Bronze vor dem Eingang von Het Steen.


Das imposante Museum aan de Stroom am Bonapartedock.
Am Abend gönnen wir uns eine Pizza bei „Da Giovanni“ in der Jan Bloomstraat und drehen danach noch eine Runde durch die Innenstadt: Mit ihrem 123 Meter hohen Kirchturm dominiert die Onze-Lieve-Vrouwekathedraal die Altstadt, der Grote Markt mit dem imposanten Stadhuis und den glänzenden Figuren aus purem Gold auf all den Gildehäusern steht seinem Pendent in Brüssel um nichts nach.





Von der alten Burg aus soll der Riese Druon Antigon die Stadtbewohner tyrannisiert haben. Der Lange Wapper wiederum hatte es auf die Trinker der Stadt abgesehen…
Einmal gehen wir noch zum Antwerpener Museumsviertel, diesmal zum FotoMuseum am Waalse Kai, der gerade massiv umgebaut wird. Zurück im Zentrum müssen wir den Besuch im Rubenshaus, einem schon von außen beeindruckenden Palast, streichen: wegen Renovierung geschlossen.
Also zu einem anderen Highlight der Stadt, zur Centraal Station gleich neben dem Zoo. Zugfahren muss wohl einmal Luxus gewesen sein: ein monumentaler, neoklassizistischer Prachtbau mit üppigen Treppen und Säulen, Verzierungen aus Marmor und Gold. Irgendwie passt der Bahnhof perfekt in die Umgebung, denn hier riecht es förmlich nach Geld. Rund um die Centraal Station breitet sich das Diamantenviertel von Antwerpen aus. Die Auslagen in der Pelikaanstraat glitzern, Sonderangebote verlocken zu einem Blick auf die kleinen Steinchen – und wer eine Sekunde zu lange auf die guten Stücke schaut, wird von den agilen Diamantenhändlern aufgefordert, ins Geschäft zu kommen, weil es dort ja noch mehr tolle Angebote zu entdecken gäbe.


Am Bonapartedock und in der prachtvollen Halle der Centraal Station.
Wir können aber widerstehen – und gehen stattdessen die Einkaufsstraße Meir retour in die Altstadt.
Zeit, sich von Belgien zu verabschieden. Noch ein Bier am Grote Markt, ein „Triple d’Anvers“, wie es sich in Antwerpen gehört. Und später noch eine richtig belgische Spezialität zum Abendessen – ein Witloof in der Brasserie De Post am Groenplaats.
Am nächsten Tag geht’s, nach einer Zwischenstation in Nürnberg, zurück nach Hause. Sammy empfängt uns mit freudig vorwurfsvollem Gebell. Hört sich an, als würd‘ er sagen: „Das nächste Mal, Freunde, bin ich aber wieder dabei!“


Noch ein Zwischenstopp in Nürnberg, dann ab nach Hause zu Sammy!
Belgien
Einwohner: Belgien hat 11,1 Millionen Einwohner – 6,4 davon in Flandern, 3,6 in Wallonien und über 1,1 Millionen in Brüssel.
Hauptstadt: Brüssel
Regionen & Sprachen: In Flandern wird niederländisch gesprochen, in Wallonien französisch, im Eupener Land deutsch, Brüssel ist zweisprachig.
Geschichte: Nach den Römern übernahmen ab dem 5. Jahrhundert die Franken, die Merowinger und die Karolinger die Herrschaft über die Region. Im 12. und 13. Jahrhundert blüht Flandern aufgrund des Tuchhandels auf, Brügge und Gent werden führende Handelsmetropolen. Ende des 13. Jahrhunderts besetzt Philipp der Schöne Flandern, ein paar Jahre später befreien Aufständische bei der „Brügger Mette“ die Stadt von den Besatzern. Ende des 14. Jahrhunderts erben die Burgunder Flandern, knapp hundert Jahre später übernehmen die Habsburger, später die Spanier. In der Folge: Aufstände, Teilung, Krieg. Sonnenkönig Ludwig XIV. erobert Westflandern und zerstört Brüssel, danach herrschen einmal die Österreicher, einmal die Franzosen über Flandern. 1815 wird Napoleon bei Waterloo geschlagen, der Wiener Kongress vereint das heutige Belgien, Luxemburg und die Niederlande zum „Königreich der Vereinigten Niederlande“ mit Wilhelm I. von Oranien als Regenten.
Freude haben die Belgier damit keine, sie rebellieren. 1831 entsteht der unabhängige Staat Belgien mit Leopold I. als Regenten. König Leopold II. sorgt 1878 für den Schandfleck der Geschichte – er eignet sich den Kongo als Privatbesitz an und beutet das Land aus. Erst 1908 geht die Kolonie an den Staat.
1914 und 1940 wird Belgien von den Deutschen besetzt. Nach dem Krieg flammt der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen auf. Nach Leopold III., Baudouin und Albert wird Philippe 2013 zum König gekrönt.

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