Strasbourg, Colmar, das ganze Elsass. Seit Jahren sagen wir: Irgendwann fahren wir dorthin – um es ebenso oft bleiben zu lassen. Den entscheidenden Anreiz liefert uns Julien Clerc im Sommer 2025 mit der Ankündigung, wieder einmal auf Tournee durch Frankreich zu gehen – und dabei auch in Strasbourg aufzutreten. Damit ist klar: Diesmal wird’s was mit dem Elsass.
So sehr uns das Elsass auch reizt, einen richtig langen Urlaub wollten wir dort eigentlich nicht verbringen. Andererseits sind Strasbourg und Colmar aber auch viel zu interessant für ein paar Stunden und eine Nacht Zwischenstation am Weg in den Westen. Also beschränken sich unsere Erfahrungen mit der Region an der Grenze zu Deutschland bisher auf eine Stadt, die nicht unbedingt im Ruf steht, zu den allerschönsten in Frankreich zu gehören: Mulhouse hatte sich als erster Halt am Weg nach Spanien geradezu angeboten – und uns in der kurzen Zeit, die wir dort verbringen konnten, beeindruckt. Und gezeigt, dass der Geschmack der Touristenmassen eben nie als Gradmesser herhalten darf. Wenn uns Muhouse schon so gefällt? Dann ist das wohl ein Grund mehr, dem Elsass irgendwann einmal zumindest ein paar Tage zu gönnen.
Als wir Julien Clercs Konzertkalender nach einer lohnenden Region in Frankreich durchforsten, entscheiden wir uns schnell für Strasbourg. Wir kaufen die Tickets schon ein knappes Jahr vor dem Konzert – und gleich darauf die ersten Reiseführer. Wir werden Julien Clerc zum vierten Mal live erleben: Das erste Mal in Lille im Norden von Frankreich, dann zweimal in Paris – im Olympia und im Palais de Congrés, wo der Spaß ein bisschen von Corona und Maskenpflicht gedämpft wurde. Aber das ist 2026 zum Glück kein Thema mehr.
Packen die eh alles ein?
Und dass Sammy aufgrund eines Konzerts daheimbleiben muss, erst recht nicht mehr. Wie immer spürt Sammy schon ein paar Tage vor der Abreise, dass es bald wieder los geht. Mit wachsender Anspannung und Argusaugen beobachtet er uns: Packen die eh meine Reisetasche ein?
Wir wollen die knapp mehr als 700 Kilometer bis Strasbourg durchfahren. Also stehen wir schon um halb fünf auf, frühstücken und fahren wie geplant um 6.30 Uhr los. Das Navi sagt uns, dass wir um 13 Uhr in Strasbourg sind, also planen wir auch ein paar gemütliche Kaffeepausen ein, weil wir ohnehin erst um 15 Uhr ins Appartement können. Wir haben ausnahmsweise keinen Stau, sind relativ rasch in Deutschland – und trotzdem zieht sich die Fahrt irgendwie unangenehm dahin. Vor Passau schickt mich das Navi, warum auch immer, von der Autobahn. Ich leiste Widerstand und bleibe oben. Das Navi bestraft mich mit einer urplötzlichen Änderung der Route, schickt mich einmal auf die Autobahn Richtung München, dann wieder auf die andere in Richtung Nürnberg. Fakt ist: Wir verlieren Zeit und legen gefühlt – und ohne Pause – viel mehr Kilometer zurück als geplant.
In Strasbourg sind wir dann ziemlich genau um 15 Uhr. Das Hotel in der Rue des Magasins finden wir rasch, Manuela checkt ein und organisiert den Parkplatz. Wir müssen eine Runde um das City Résidence Strasbourg Centre drehen und durch ein blaues Tor fahren, damit wir in die Tiefgarage können. Wir finden das blaue Tor mit dem Logo des Hotels, der Chip öffnet das erste Tor tadellos – allerdings nicht die Einfahrt in die Tiefgarage. Wir probieren, schauen, warten, dann holen wir eine Rezeptionistin, die uns aufklärt. Wir haben das falsche Tor erwischt – es gibt nämlich ein gelbes Logo und ein rotes Logo des Apparthotels.




Der erste Eindruck von Strasbourg ist schwer in Ordnung.
Keine 50 Meter die Straße weiter finden wir das richtige blaue Tor mit dem richtigen Logo in Rot, diesmal sperrt der Chip daher auch die Tiefgarage auf. Wir können mit dem Aufzug direkt in die Etage mit unserem Zimmer fahren, packen die Koffer schnell aus, während Sammy das Bett einem ausgiebigen Test unterzieht, und gehen gleich einmal ins Zentrum von Strasbourg.
Gutenberg war hier
Das Hotel liegt keine hundert Meter vom Place des Halles entfernt. Wir gehen entlang eines riesigen Einkaufszentrums zum Quai Kléber und auf der Pont de Paris über die Fossé du Faux hinüber auf die Grande-Île. Gleich danach der erste imposante Platz, der Homme-de-Fer. Unter der spektakulären runden Konstruktion aus Eisen und Glas führen die Gleise der Straßenbahnlinien der Stadt zusammen.
Dass sich die Menschenmassen am Homme-de-Fer auf relativ engem Raum bewegen, merkt man ein paar Schritte später: Der Place Kléber ist riesengroß, rundherum Geschäfte und Lokale. Wir lassen uns in einem der Cafés nieder und betrachten in aller Ruhe die beiden Attraktionen am Platz – die Aubette und die Statue von General Kléber. Die langgezogene neoklassizistische Fassade der ehemaligen Hauptwache beherbergt längst ein Einkaufszentrum. General Jean-Baptiste Kléber wiederum bewacht seine eigenen Gebeine: Der alte Feldherr hatte sich mit Napoleon auf einen Feldzug nach Ägypten aufgemacht, wo er prompt von einem Attentäter getötet wurde. Strasbourg holte die Gebeine zurück in die Heimat und begrub diese in einer Gruft mitten unter dem Place Kléber. Direkt darüber des Generals Statue. Nichts mehr zu sehen ist von der Guillotine, die hier während der Revolution einigen Bürgern den Kopf kostete.


Zehn Jahre in Strasbourg haben gereicht, damit ein Platz mitsamt Denkmal nach Johannes Gutenberg benannt wurde.
Ein Stück die Rue des Grandes Arcades weiter steht das nächste Denkmal. Johannes Gutenberg, eigentlich ja ein echter Mainzer, hatte Mitte des 15. Jahrhunderts zehn Jahre in Strasbourg gelebt, mit seinen metallenen Lettern herumexperimentiert und irgendwann den modernen Buchdruck erfunden. Ein paar Jahrhunderte später gaben die Stadtväter bei David d’Angers ein Denkmal in Auftrag, das seither, wie könnte es anders sein, am Place Gutenberg steht.
142 Meter hoch
Könnte Gutenbergs Statue sehen, würde sie sich wohl über die Menschenmassen wundern, die sich ein paar Meter weiter in die Rue Merciere drängen, um am Ende der schmalen Gasse ehrfurchtsvoll die umso imposantere Cathédrale Notre-Dame de Strasbourg zu bewundern.





„Ein gigantisches und zartes Wunderwerk“: Die Kathedrale hat nicht nur Goethe jede Menge Respekt abgerungen.
Der Anblick hat den Menschen immer schon Respekt abgerungen. „Ein gigantisches und zartes Wunderwerk“, soll Victor Hugo gesagt haben. Johann Wolfgang von Goethe beschrieb das Liebfrauenmünster gar als einen „erhaben aufragenden, sich weit ausbreitenden Baum Gottes“. Die Ehrfurcht kommt nicht von ungefähr: Mit stolzen 142 Metern Höhe war das Straßburger Münster mehr als zwei Jahrhunderte lang, nämlich bis 1874, das höchste Gebäude der Welt. Heute ist es immer noch die sechsthöchste Kirche der Welt und das höchste noch erhaltene Bauwerk, das vollständig im Mittelalter errichtet wurde. Klar, dass die Kirche nicht von heute auf morgen aufgebaut wurde: Drei Generationen der Baumeisterdynastie von Gerlach werkten allein zwischen 1277 und 1439 daran – aber mit dem Bau begonnen wurde schon im Jahr 1015…
Nicht minder beeindruckend ist die Fassade mit den unzähligen Skulpturen, Engeln und fantastischen Fenstern. Nach dem obligaten Sicherheitscheck darf ich – im Gegensatz zu Sammy – hinein in die Cathédrale Notre-Dame. Man muss mit Religion nichts am Hut haben, um zuzugeben: Gotteshäuser bauen, das haben die Katholiken immer schon gekonnt. Aber dafür haben sie auch weder Kosten noch Mühen oder gar Menschenleben geschont.





Drei Generationen von Gerlach werkten an der Cathédrale Notre-Dame, deren Bau insgesamt sogar über vier Jahrhunderte dauerte.
Für den Anfang haben wir genug von Strasbourg gesehen. Wir sind müde und wollen nur noch irgendwo essen und Wein trinken. Wir lassen uns treiben, gehen über die Ill hinüber zum Place du Corbeau, wo die Lokale aber noch nicht wirklich in Betrieb sind. Also gehen wir die Rue d’Austerlitz weiter – und landen im Flam’s. Ein kleines Lokal mit Flammkuchen in allen erdenklichen Variationen. Der Kellner sagt, dass wir unsere Flammkuchen besser teilen und er uns einen nach dem anderen bringen werde, damit sie auch schön warm bleiben. Eine gute Idee. Die Flammkuchen sind großartig, der Riesling auch.
Zurück im Hotel fallen wir alle drei hundemüde ins Bett. Sammy muss sich erst an die neue Umgebung gewöhnen – ein paarmal holt er sich in der Nacht sicherheitshalber seine Streicheleinheiten ab.
La Petite France
Wir beschließen, den ganzen Tag über in Strasbourg zu bleiben. Nach einem ausgiebigen Frühstück im Appartement mit Baguette und Croissants von Paul machen wir uns auf den Weg in Richtung Petite France.




La Petite France: Vom stinkenden Gerberviertel zur beliebtesten Ecke der Stadt.
Das alte Gerberviertel muss man einfach mögen. Romantische Kanäle, windschiefe Fachwerkhäuser, verwinkelte Gassen, urige Lokale – La Petite France hat seine stinkende und verruchte Vergangenheit hinter sich gelassen und trotz Touristenmassen nicht allzu viel von seinem neuen Charme eingebüßt. Wir sind zeitig unterwegs, also sind noch relativ wenig Touristen unterwegs, als wir am Quai des Moulins ankommen und die Stimmung ziemlich ungestört genießen können.
Wir gehen den Quai de la Petite France entlang, queren die Kanäle über die Ponts Couverts, die beiden früher einmal gedeckten Holzbrücken, und stehen wieder einmal vor einem Bau des alten Vauban, der in Frankreich offenbar in jedem Winkel seine Bauten hinterlassen hat. In Strasbourg ist es die Barrage Vauban, eine eindrucksvolle Verteidigungsanlage und eine Wehr, die den Wasserstand der Ill reguliert.





Keine Stadt in Frankreich ohne Bollwerk von Vauban – das gilt natürlich auch in Strasbourg.
So eindrucksvoll wie Vaubans Werk auf der einen Seite ist gleich gegenüber am Ende der Ponts Couverts eine uralte, gewaltige Platane, die schon einige Jahrhunderte am Buckel hat. 1667 soll der Baum direkt am Quai de la Bruche gepflanzt worden sein. Heute spendet er den Gästen des Restaurants Au Petit Bois Vert mehr als genug Schatten. Ein unglaublich idyllischer Platz! Keine Frage: Hier werden wir am Abend essen!





Die Platane am Quai de la Bruche schützt die Gäste des Au Petit Bois Vers.
Eine Choucroute zuviel
Aber bis dahin ist noch Zeit. Wir gehen die Grand Rue zurück in Richtung Altstadt und schauen in den Auslagen, was wir mit nach Hause nehmen könnten. Ich bleibe bei Le Oncle Tom hängen – ein herrlicher Laden mit massenhaft Platten, CDs und DVDs. Die Auswahl an alten Franzosen ist sagenhaft, die Preise sind extrem günstig. Ich decke mich mit Reggiani, Cabrel, Becaud & Co. ein.








Und immer wieder landen wir bei der Kathedrale mit ihren faszinierenden Engeln und den kuriosen Tierskulpturen.
Wir erholen uns bei Café und Torte im Café Dreher am Place Gutenberg, lassen uns durch die engen Gassen rund um die Kathedrale treiben und nehmen uns dann die südliche Fassade der Kirche mit der fantastischen astronomischen Uhr über dem Portal und den teilweise kuriosen Skulpturen vor. Auch am Platz zwischen Kathedrale und Palais Rohan sticht eine eigenartig anmutende Skulptur ins Auge: eine Figur mit dem Körper eines Menschen und dem Kopf eines Tieres, die mit einem Werkzeug in der Hand in einer Art Steinbruch sitzt – das Kunstwerk ist als Verbeugung vor den alten Baumeistern gedacht.
Mindestens ebenso viele Blicke zieht Sammy auf sich. Den ganzen Tag über findet er überall in der Stadt seine Bewunderer – kleine Kinder, junge Männer, alte Frauen. Alle wollen ihn streicheln, so lässt sich ein Hundeleben in Frankreich schon einmal aushalten.
Wir sind müde, müssen aber zuvor noch ein wenig einkaufen. Sammy bleibt im Appartement, weil er in das Einkaufszentrum am Place des Halles nicht hineindarf. Nach ein paar Stunden Schlaf gehen wir zurück ins La Petite France und bekommen zum Glück einen Platz im Au Petite Bois Vert – direkt am Quai unter der Platane.



142 Meter hoch und zu jeder Tageszeit beeindruckend: die Cathédrale Notre-Dame.
Ich kann nicht widerstehen und nehme die Choucroute, die man im Elsass, wie es heißt, unbedingt probieren muss. Manuela entscheidet sich für die Fleischkiechele. Das sind keine kleinen Fleischlaberln, wie wir sie kennen, sondern ein gewaltiger Fleischlaib mit Weinsauce und Beilagen. Auch die Choucroute übertrifft alle Befürchtungen: eine riesige Portion mit Unmengen Fleisch, Würsteln und Sauerkraut. Schlicht und ergreifend ungesund, aber gut. Ich ahne, dass ich die Choucroute schon bald bereuen werde…
Am Weg zurück ins Appartement machen wir noch kurz Halt am Place Kléber und genießen ein Glas Riesling.
Kaiser Wilhelms Spuren
Der nächste Morgen, Ich bereue die Choucroute und frage mich einmal mehr, warum ich alles aufessen muss. Die Nacht ist entsprechend unruhig – aber das war ja keine Überraschung. Baguette und Croissants von Paul schmecken trotzdem. Wir machen uns auf den Weg in den neueren Teil von Strasbourg – also jenen Teil, der von den Einheimischen manchmal auch Quartier Allemand genannt wird, weil hier einige neoklassizistische Gebäude in jener Zeit errichtet wurden, in der das Elsass zu Deutschland gehörte.
Zuvor passieren wir aber noch den langgezogenen Place Broglie, der seinerzeit als Paradeplatz und Pferdemarkt gedient hat. Am Ende des Platzes, unmittelbar vor der Pont du Théâtre, steht seit Anfang des 19. Jahrhunderts die Opéra National du Rhin mit den sechs Musen aus Stein auf der imposanten Säulenvorhalle.




Gleich hinter der Opera National du Rhin hat Kaiser Wilhelm ein paar Prachtbauten errichten lassen. „Mutter Elsass“ erinnert an die besondere Geschichte der Region.
Wir gehen über die Brücke und stehen mitten im Zentrum eines Welterbes der UNESCO – auf dem Place de la République in der Neustadt von Strasbourg. Rund um die herrliche Parkanlage reiht sich ein großartiges Bauwerk aus der Zeit von Wilhelm II. an das andere: die Bibliothèque Nationale et Universitaire, das Théâtre National de Strasbourg und der Palais de Rhin – als Wohnsitz des Kaisers erbaut, aber selten als solcher genutzt. Mitten im Park erinnert eine Skulptur an die besondere Geschichte des Elsass: Mutter Elsass, die ihre beiden im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne im Arm hält – der eine gestorben für Frankreich, der andere für Deutschland…
Richtig frei bewegen können wir uns am Place de la République aber nicht: Irgendein offenbar sehr wichtiger Politiker gibt gerade einem Filmteam ein Interview, abgeschirmt von schwer bewaffneten Polizisten. Also gehen wir den Quai entlang der Ill zurück in Richtung Krutenau und weiter Richtung Zentrum. Am Place de la Cathédrale trinken wir Café mit Blick auf die Kirche und das Maison Kammerzell, das angeblich schönste Fachwerkhaus der Stadt.
Torte bekommen wir im Il Pinocchio keine, aber wir haben ohnehin geplant, in die Rue des Orfèfres weiterzugehen, die sich den Ruf der süßesten Straße Strasbourgs erarbeitet hat. Hier haben sich die Pâtisserie Maison Naegel, die Chocolaterie Weiss und die Pâtisserie Christian Meyer angesiedelt, für kulinarische Abwechslung sorgen ein Teehaus und das Maison Lorho, vollgestopft mit den besten Käsesorten
Manuela kauft Schokoladen bei Weiss und zwei Törtchen bei Naegel, die wir später im Appartement essen. Zuvor muss ich aber noch in den fnac am Place Kléber und Manuela in die Grand Rue, um die Ohrringe zu kaufen, die sie gestern in der Bar à Bijou gleich neben Oncle Tom gesehen hat. Tom hat leider zu. Wir ruhen uns nach den herrlichen Torten daheim aus, damit wir fit für das Konzert am Abend sind.
Zu Fuß zu Julien


Julien Clerc – immer wieder genial.
Sammy ist traurig, weil er im Appartement bleiben muss. Aber er ist müde – und er weiß, dass wir bald wieder zurückkommen. Wir überlegen, ob wir mit der Straßenbahn zum Place du Bordeaux fahren sollen, entscheiden uns aber zu Fuß zu gehen. Keine halbe Stunde später stehen wir vor dem Salle Erasme, dem Konzertsaal beim Palais de la Musique et des Congrès. Wir trinken in der Halle noch ein Glas Wein, dann setzen wir uns auf unsere Plätze in Reihe 13 – die vielleicht besten Plätze, die wir bei einem Konzert jemals hatten. Julien Clerc ist wie immer großartig und begeistert die fast 2000 Zuschauer über zwei Stunden lang.
Wir gehen wieder zu Fuß zurück ins Appartement, Sammy ist happy.
Oben bei Odile
Eigentlich haben wir von Strasbourg aus zwei Touren ins Hinterland geplant, die wir heute auf einmal erledigen wollen. Allerdings ist klar, dass wir nicht alles schaffen werden. Wir entscheiden uns für Plan B – und streichen Wissembourg gleich einmal von der Liste. Mit gutem Gewissen, denn im Herbst hätten wir am Heimweg von unserer Tour nach Portugal einen letzten Stopp in Rastatt in Deutschland geplant. Das ist nur einen Katzensprung von Wissembourg entfernt und halb so interessant. Also werden wir Wissembourg eben im Herbst nachholen.




In Obernai sind wir als Österreicher die Ausnahme.
Wir beginnen in Obernai, ein Stück südlich von Strasbourg. Die kleine Stadt begeistert uns sofort. Enge Gassen, windschiefe Fachwerkhäuser, mittendrin der große Place du Marché und auf jedem Dach ein Stochennest. Wir schauen zuerst in das Tourismusbüro, weil wir uns mit Stadtplan und Infos über die Region eindecken wollen. Eine ausgesprochen freundliche Dame erzählt mir ein bisschen was über die Stadt, über den Mont Sainte-Odile und die Gegend rund um Obernai. Alles auf Deutsch. „Österreicher kommen selten zu uns“, sagt sie. „Auf jeden Fall fahren wir öfter nach Österreich als umgekehrt.“





Interessante Innenhöfe und reich verzierte Brunnen.
Gleich neben Hôtel de Ville und Beffroi erinnert ein blumengeschmückter Brunnen an die wichtigste Tochter der Stadt, an die heilige Odilia, die Schutzheilige des Elsass – ein blindes Mädchen, das nach ihrer Taufe plötzlich wieder sehen konnte. Wir gehen über den herrlichen Platz, durch ein paar enge Gassen und schauen hin und wieder in die Innenhöfe. Der vermutlich schönste ist der Cour Fastinger mit Häusern aus dem 15. Jahrhundert und Weinreben an den Fassaden.



Bevor wir fahren gehen wir noch in die Église St-Pierre-et-Paul.
Bevor wir zurück zum Auto gehen, das wir in der Nähe der Église St-Pierre-et-St-Paul geparkt haben, bewundern wir noch den Puits aux Six-Seaux mit seinen sechs Eimern und vielen verspielten Verzierungen.
Wir fahren weiter zum Mont Ste-Odile, dem heiligen Berg des Elsass. Die ersten Kilometer von Obernai hinaus sind flach wie das ganze Elsass. Das ganze Elsass? Nein, denn das Elsass kann auch mit Hügeln und Bergen aufwarten. Urplötzlich erheben sich vor uns die Vogesen, wir fahren in engen Kurven und durch einen dichten Wald hinauf zum sagenhaften Kloster am 764 Meter hohen Berg. Ein paar Höhenmeter unterhalb finden wir einen Parkplatz, beim Eingang merken wir, dass Hunde hier oben bei der heiligen Odile nicht erwünscht sind. Sammy muss draußen bleiben, Manuela bleibt bei ihm. Ich drehe derweil eine schnelle Runde durch das Kloster und zur Sonnenterrasse mit tatsächlich fantastischem Blick über die Ebene. Mitten am Platz steht eine Skulptur, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick als Sonnenuhr zu erkennen gibt, und die die Zeit von 24 Regionen der Erde anzeigt…




Die heilige Odile hat im Kloster auf 764 Meter Seehöhe ihr Zuhause gefunden.
Zurück beim Auto merken wir, dass wir nicht nur auf Wissembourg verzichten müssen. Auch Saverne und Haguenau gehen sich nicht mehr aus, wenn wir noch einmal hinein nach Strasbourg wollen.
Also drehen wir um und suchen auf der Fahrt zurück lieber noch ein Weingut, in dem wir zuschlagen können. In Obernai entdecken wir die Cave Blanck. Wir kaufen ein paar Flaschen Wein und Crémant. Auch Madame Blanck erzählt uns, dass Österreicher im Elsass eher die Ausnahme sind – dass heute aber offenbar Österreicher-Tag ist. Denn vor uns, sagt sie, war bereits eine Gruppe von Jägern aus Österreich bei ihr. Menschen, die nach Frankreich fahren, um auf Tiere zu schießen? Wir sind froh, dass wir sie nicht getroffen haben.
Crémant ist besser
Wir fahren zurück nach Strasbourg und gehen ein letztes Mal hinein ins Zentrum. Es ist früher Samstagabend – und in der Stadt ist der Teufel los. Gefühlt sind alle 300.000 Einwohner und einige Tausend Touristen zusätzlich unterwegs. Sammy bekommt es, wie immer bei einem derartigen Menschenauflauf, ein bisschen mit der Angst zu tun. Auch wir werden zunehmend hektischer und lassen den Plan, in einem der Lokale bei der Pont Corbeau zu essen, nicht nur Sammy zuliebe fallen.


Der letzte Abend in Strasbourg.
Es ist einfach zu viel los. Wir gehen entlang des Quais bis zur Église St-Nicolas, finden aber kein Lokal, das uns wirklich anspricht. In der Rue des Tonneliers ist die Auswahl dafür umso größer – und es ist, obwohl mitten im Zentrum, einigermaßen ruhig. Wir entscheiden uns für ein Lokal mit dem originellen Namen „Schatzi“. Hier gibt es zum Glück nur Flammkuchen – und die sind hier noch besser als jene im Flam’s. Nach einiger Zeit setzt sich eine Familie mit zwei kleinen Kindern neben uns. Die Kinder und die Frau sind nett, bewundern Sammy, der Mann ist offenbar wenig erfreut, dass er den Tisch mit anderen Menschen und einem Hund teilen muss. Am Weg zurück ins Appartement gönnen wir uns ein paar Häuser weiter im Jeannette & Les Cycleux noch ein Glas Cremant. Mit dem Cremant ist es wie mit der Choucroute: man muss es einfach probieren. Der Cremant ist aber definitiv besser – und verträglicher…
Nächster Halt Europa




720 Europa-Parlamentarier tagen – hin und wieder – in Strasbourg.
Wir übersiedeln nach Colmar. Nachdem wir erst um 17 Uhr ins nächste Appartement, das Les Jacynthes in der Rue de Sélestat, können, nutzen wir die Zeit für ein paar Zwischenstationen. Und mit Strasbourg sind wir ja auch noch nicht ganz fertig. Nachdem ich in einer kleinen Bäckerei doch noch Baguette und Croissants für das Frühstück finde (Paul hat zu, der Carrefour Express noch nicht offen), biegen wir zuerst einmal am anderen Ende von Strasbourg nach Europa ab. Das Europaviertel lockt längst jede Menge Touristen an, so zeitig in der Früh sind wir aber noch ziemlich allein. Nur wenige Menschen verirren sich um diese Zeit zur Agora und zum gläsernen Turm des Europaparlaments. Außerdem ist Sonntag, da tagt keiner der 720 Parlamentarier – also gibt es auch keine Chance, das Parlament von innen zu erkunden. Wir wollen weiter, daher verzichten wir darauf, über die gläserne Ill-Brücke hinüber zum Palais de l’Europe zu gehen.
Die erste Station am Weg nach Colmar ist Sélestat. Wir finden einen Parkplatz neben einem Bistro – und gleich in der Nähe der Tour de l‘Horloge. Ich suche einen Automaten, um die Parkgebühr zu bezahlen, aber die Gäste im Bistro erklären mir, dass Parken am Sonntag gratis ist. Also gehen wir über die Rue de Zouaves hinüber zur Tour de l’Horloge, einem der insgesamt vier Tore durch die teilweise noch recht intakte Befestigungsanlage der Stadt.
Die Schöne und die alte Ritterburg
Irgendwann einmal hatte man Sélestat als die „Stadt der Sümpfe“ abgekanzelt. Heute gilt sie, völlig zurecht übrigens, als „die Schöne im Großen Ried“. Wir haben gerade erst die Turmuhr von Jean-Baptiste Schwilgué, der auch die Astronomische Uhr am Strasbourger Munster erschaffen hat, bewundert, da staunen wir schon über die prachtvollen Fachwerkhäuser in der Rue de Chevaliers und die Wappen und Malereien auf den Fassaden. Gerade einmal 20.000 Einwohner hat Sélestat, aber man kann an jeder Ecke nachvollziehen, dass die Stadt einmal so etwas wie die geistige Hochburg des Elsass war. Gewaltige Spuren hat auch die Geistlichkeit hinterlassen: Am nicht gerade großen Place du Marché Vert ragt die Église Ste-Foy mit ihren Doppeltürmen dominant gen Himmel, keine 200 Meter weiter steht die nicht weniger eindrucksvolle Église St-Georges mit ihren außergewöhnlichen Buntglasfenstern. Am Place de la Victoire wollen wir uns mit Café und Torte stärken – aber mittlerweile ist Mittag, und alle Lokale sperren uns vor der Nase zu.






Sélestat: Aus der Stadt der Sümpfe ist die Schöne im großen Ried geworden.
Also weiter Richtung Colmar. Die Elsässer dürften in früheren Zeiten ziemlichen Respekt vor potenziellen Eroberern gehabt haben. Gefühlt steht auf jedem Hügel der Vogesen und alle zwei Kilometer eine massive Burg. Eine davon haben wir auf unsere To-do-Liste gesetzt: Haut Koenigsbourg. Eine fantastische Festung aus dem Mittelalter? Nicht ganz. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Burg ziemlich zerstört, danach siechten die Reste der Mauern gut 250 Jahre vor sich hin. Erst Kaiser Wilhem II. erbarmte sich der Festung und ließ sie nach Plänen aus dem 15. Jahrhundert wieder aufbauen.
Heute thront sie majestätisch und als Paradebeispiel einer alten Ritterburg über der Region. Allein schon die Fahrt hinauf durch einen wunderbar dichten Wald ist ein Erlebnis. Wir bleiben knapp unterhalb der Burg stehen und gehen zum Eingang. Mist! Sammy darf auch da nicht hinein…





Nicht wirklich original Mittelalter, aber trotzdem faszinierend: die Burg Haut-Koenigsbourg.
Wir überlegen kurz, dann gehe ich allein in die Burg. Sammy und Manuela warten im Wald vor den Toren. Ich möchte schnell ein paar Ecken von Haut-Koenigsbourg erkunden, aber so einfach ist das nicht. Die Richtung durch die Anlage ist vorgegeben, quasi ohne Chance auf Umkehr. Also gehe ich durch die gesamte Anlage, entdecke Ritterrüstungen und Waffen, Rittersäle und alte Schlafgemächer, Kanonen, Wendeltreppen und Innenhöfe. Das dauert entsprechend lang, ist aber wirklich interessant. Außerdem ist der Ausblick über die Vogesen von da oben einfach genial.





Nächste Station: Ribeauvillé.
Manuela und Sammy harren im Schatten aus. Wir fahren nach meiner Ritterrunde weiter nach Ribeauvillé, dem ehemaligen Sitz der mächtigen Grafen Rappoltstein. Wir bekommen einen ersten Eindruck von den verträumten kleinen Orten im Elsass. Enge Gassen, bunte Fachwerkhäuser, jede Menge Brunnen – und mindestens ein mächtiger Turm. Es ist aber auch viel los in Rebeauvillé – viele Menschen, und viele Hunde. Das freut Sammy, auch wenn immer wieder einmal ein Rüde auf bösen Hund macht. In der Grand Rue finden wir endlich das Vilmain,eine Patisserie, in der wir unsere dringend benötigte Ration an Kaffee und Süßigkeit und Sammy seine Streicheleinheiten bekommen. Mit frischem Elan gehen wir weiter durch die Tour des Bouchers in die Oberstadt, das oberhalb der Stadt liegende Château St-Ulrich immer im Blick.
Die Osterhasen von Colmar
Ribeauvillé ist schön, aber länger können wir nicht bleiben. Wir müssen weiter nach Colmar in unser neues Appartement. Die Adresse finden wir schnell, die Einfahrt zum Parkplatz erst im zweiten Versuch. Das Appartement ist hervorragend, perfekt eingerichtet mit einer traumhaften Küche und einem kleinen Balkon – sicher eines der besten Appartements, die wir bisher hatten.




In Colmar sind Ende April noch ein paar Osterhasen los – aus gutem Grund allerdings.
Trotzdem bleiben wir nicht lange, wir wollen rasch hinein in die Stadt. In der Rue des Clefs ist es noch ziemlich ruhig, doch in der Grand Rue und am Place de l’Ancienne Douane spielt es sich ab. Überall Menschen, überall Ostereier, Osterhasen und sogar Riesenhasen! Schon in Strasbourg haben wir uns über den einen oder anderen Deko-Osterhasen gewundert, aber als vergessene Überbleibsel der Feiertage abgetan. Aber Ostern war schon vor Wochen. Und der gewaltige Aufmarsch an Osterhasen hier in Colmar lässt sich nicht mit Vergesslichkeit oder gar Schlampigkeit erklären. Irgendwann kommen wir drauf: Hier wird gerade die Fête de la Printemps gefeiert, und da gehören die Osterhasen traditionellerweise dazu!





Geschichtsträchtige Fachwerkhäuser und eine Kathedrale, die eigentlich gar keine mehr ist.
Wir wollen aber nicht groß feiern, sondern abseits der Menschenmassen essen. Kein Problem, ein paar Ecken weiter landen wir im Les Tanneurs. Manuela bleibt beim Flammkuchen, ich entscheide mich für ein Gratin Munster – mit Munsterkäse gratinierte Spätzle. Auch die werde ich bereuen, aber nicht so viel wie das Choucroute. Außerdem tun die knapp 1,2 Kilometer Fußmarsch bis zum Appartement mit Sicherheit gut. Wir probieren am Balkon noch einen Riesling von Dagobert, dann fallen wir alle drei hundemüde ins Bett.
Petite Venise an der Lauch
Keine hundert Meter vom Appartement entfernt ist eine große Boulangerie. Ich hole Croissants und Baguette fürs Frühstück. Gut, aber nicht so gut wie die von Paul.
Wir gehen von der anderen Seite in Richtung Altstadt: Vom Place d’Unterlinden über die Rue des Têtes zum Place des Dominicains, weiter über die Rue des Marchands zum Place de la Cathédrale. Zu sehen gibt es einiges, etwa das Maison des Têtes, dessen Fassade mehr als 100 oft ziemlich skurrile Köpfe zieren. Oder das Maison Voltaire, das der Dichter zwischen 1753 und 1754 bewohnte, um hier eines seiner Bücher zu vollenden.




Petite Venise beeindruckt uns – aber nicht so sehr wie La Petite France.
Der absolute Höhepunkt in der Rue des Marchands ist das Maison Pfister, das im 16. Jahrhundert für einen Hutmacher gebaut wurde. Spitze Türme, ein Erker im Eck, verspielte Schnitzereien, eine überdachte Veranda und eine mit sakralen Motiven bemalte Fassade im ersten Obergeschoß machen das Maison Pfister zum bekanntesten Haus der Stadt.
Wir gehen weiter ins Quartier des Tanneurs und nach Petite Venise. Jahrhundertealte, bunte Fachwerkhäuser, die sich entlang der Lauch aneinanderreihen, der schöne Blick von der Brücke über den kleinen Fluss – Petite Venise ist schön, gar keine Frage. Aber wir haben uns insgeheim mehr erwartet. La Petite France in Strasbourg hat uns auf jeden Fall noch besser gefallen.





Nach Petite Venise gehen wir noch kurz in die Kirche.
Wir gehen zurück in die Grand Rue, trinken Café und kaufen bei Auchan und Paul fürs Abendessen im Appartement ein. Wir bleiben am Nachmittag ein paar Stunden im Bett, dann gehen wir noch einmal in die Stadt. Im Murphys trinken wir Bier und Cremant, dann gehen wir wieder nach Haus zu einem klassisch französischen Abendessen: Baguette, Schinken, Käse, Pastete und Rotwein.
Madame Ferbers Gespür für Marmeladen
Manuela ändert ihre morgendliche Route mit Sammy ein wenig ab, damit sie bei Paul fürs Frühstück einkaufen kann. Die Verkäuferin ist, wie schon am Vortag, von Sammy begeistert. Sammy darf sogar hinein in die Boulangerie. Mit Frühstück von Paul sind wir dann bereit für unsere größere Tour: am Programm steht eine Runde durch die Vogesen. Wir beginnen aber in einem kleinen Ort ein paar Kilometer außerhalb von Colmar, in Niedermorschwihr. Dort gibt es zwar nicht viel zu sehen, dafür gilt Niedermorschwihr aber als Nabel der Marmeladenwelt. Christine Ferber produziert hier ihre Marmeladenkreationen, die auf der ganzen Welt gefragt sind. Sogar am Hof des japanischen Kaisers kommt nur Madame Ferbers Marmelade aufs Brot.


Madame Ferbers unscheinbarer Laden in Niedermorschwihr.
Wir gehen also davon aus, dass Madame Ferbers Produktionsstätte nicht zu übersehen ist, weil wir von daheim gewohnt sind, dass fast jeder Bäcker, der am Tag mehr als fünf Semmeln unfallfrei produzieren kann, die Menschheit mit einer eigenen Erlebniswelt beglückt. Wir fahren zweimal durch das Dorf, aber Madame Ferbers Marmeladenwelt ist nicht zu sehen. Dann entdecken wir das Maison Ferber doch noch – ein unscheinbares, kleines Geschäft in der Rue des Trois Êpis, in dem man von der lokalen Zeitung über Croissants und Baguette bis zum Tongeschirr alles kaufen kann. Und natürlich auch die unglaublichen Marmeladekreationen von Madame Ferber. Wir kaufen ein paar Gläser und fahren weiter. Einige Tage später werden wir noch einmal im Maison Ferber vorbeischauen und uns mit weiteren Marmeladen, Honig und einem schönen, dunkelblauen Pot aus Ton eindecken. Eine nette, ältere Dame erklärt uns, wie wir das Geschirr vor dem ersten Einsatz behandeln müssen. Wir machen das sogar zweimal, trotzdem zerbricht der Topf, als wir ihn daheim das erste Mal verwenden…
Die Hündinnen von Kaysersberg




Kaysersberg gefällt Sammy ausnehmend gut – allerdings vor allem der Hundedamen wegen.
Zurück zur Tour in die Vogesen. Nächster Halt: Kaysersberg. Wir lassen das Auto ein Stück außerhalb stehen und gehen die Brücke über den kleinen Fluss Weiss hinein in die Stadt. Irgendwie ist Kaysersberg anders, die kleine Stadt noch ein bisschen authentischer und natürlicher geblieben als manch anderer Ort im Elsass. Wir bleiben länger in Kaysersberg, als wir es eigentlich geplant hatten, spazieren durch die Rue du Général de Gaulle, lassen uns durch die kleinen Gassen und entlang der Weiss treiben. Auf den Aufstieg zum Château de Kaysersberg verzichten wir aber zugunsten von Café und Torte. Sammy verspürt überhaupt keine Lust, Kaysersberg wieder zu verlassen. Eine kleine Hündin aus Deutschland hat es ihm angetan, sie erwidert prompt seine Avancen.





Aber Kaysersberg ist tatsächlich einer der schönsten Flecken im Elsass.
Kein Wunder, sie ist läufig, wie uns die Besitzer verraten. Sammy ist traurig, als die Hündin weitermuss. Aber schon hinter der nächsten Ecke die nächste tolle Dame. Während Manuela in der Chocolaterie einkauft, hat Sammy nur noch Augen für eine wunderschöne Aussie-Dame.
Lac Blanc, Lac Noir & die Vogesen
So leid es uns für Sammy tut, wir müssen weiter. Von Kaysersberg aus fahren wir über Orbey durch einen dichten Wald hinein in den Parc Naturel Regional des Ballons des Vosges bis zum Lac Blanc. Sammy springt ins Wasser, dann gehen wir ein Stück den See entlang auf einem Weg, auf dem wir eigentlich – warum auch immer – gar nicht gehen dürften. Aber der offizielle Wanderweg führt ziemlich steil durch eher unwegsames Gelände hinauf auf einen Felsen, das wollen wir Sammy nicht antun. Und uns auch nicht.
Wir fahren ein paar Kilometer weiter zum Lac Noir, einem kleineren, recht schönen Stausee. Auch hier ist der Weg entlang des Sees angenehm flach, aber ebenfalls grundsätzlich gesperrt. Wir pfeifen auf das Verbot und machen eine kurze, aber umso angenehmere Wanderung.




Wir gehen um den Lac Noir und um den Lac Blanc, die Vogesen immer im Blick.
Danach nehmen wir ein Stück die Route des Crêtes, biegen kurz vor dem Col de Bonhomme ab in Richtung Col de la Schlucht. Die Gegend ist traumhaft, wir bleiben ein paarmal stehen und genießen den Ausblick, entschließen uns dann aber, es für heute gut sein zu lassen. Wir sind zu müde und es ist auch schon zu spät, um noch ins Vallée de Munster und auf den Grand Ballon zu fahren. Auch Eguisheim hätten wir uns noch ansehen wollen, aber das verschieben wir auf den nächsten Tag.
Stattdessen wollen wir in einem Einkaufszentrum bei Colmar noch unsere Weinvorräte aufbessern und im Decathlon nach Sportgewand suchen. Das Geschäft ist riesengroß, wir finden nach einiger Zeit auch die richtigen Regale, als uns plötzlich ein Security darauf aufmerksam macht, dass Hunde im Decathlon nicht erlaubt sind. Sammy muss leider raus, sagt er – und streichelt ihn.
Wir schauen noch einmal nach Colmar, dann essen wir daheim und fallen wieder einmal hundemüde ins Bett.
Weindorf Eguisheim
Es gibt eine Rue du Traminer, eine Rue du Riesling und eine Rue du Muscat – schon die Straßennamen zeigen, dass sich in Eguisheim so ziemlich alles um Wein dreht. Ähnlich wie Kaysersberg hat sich Eguisheim dem ganzen Tourismus zum Trotz viel von seinem mittelalterlichen Charme bewahrt. Die Häuser und die engen Gassen wirken noch ziemlich unberührt, auch auf dem Place du Château findet man noch kaum die sonst oft unvermeidlichen kitschigen Läden – obwohl mehr als genug Touristen unterwegs sind, in die Privatkapelle der Burg St-Léon drängen und auf der Rue du Remparts die Stadt umrunden. Wir müssen einige Zeit warten, bis sich eine Gruppe von Chinesen wieder vom Taubenschlag, dem vielleicht berühmtesten Fotomotiv des Elsass, trennen kann.







Eguisheim: Nicht nur der Taubenschlag ist ein Foto wert.
Am Platz vor der Kirche wecken ein uralter Volvo und ein alter 2 CV unser Interesse. Die beiden Oldtimer gehören zum Weingut von Bruno Hertz, der in seinem Geschäft gerade mit einigen Gästen Wein verkostet. Wir gehen rein und schauen uns um. Bruno Hertz, ein uriger Winzer mit Schlabberhose und Haube, sagt, dass sein Weinkeller eigentlich geschlossen ist. „Aber jetzt seid ihr hier, ich bin auch hier – also könnt ihr Wein kaufen.“ Das tun wir auch.




Bekannt ist Eguisheim auch für den Wein und einen alten Papst.
Eguisheim ist nicht umsonst eine „Village préféré des Francais“. Wie schön muss dann erst Riquewihr sein, von dem jeder Reiseführer nur in allerhöchsten Tönen schwärmt? Wir werden es bald sehen – und einigermaßen enttäuscht sein. Klar, Riquewihr ist prinzipiell ein wunderschönes Dorf aus dem Mittelalter, mit schönen Fachwerkhäusern, prächtigen Brunnen und kleinen Höfen. Aber gerade entlang der zentralen Rue de Général de Gaulle hat der Tourismus stark am Charme genagt.





Riquewihr ist eigentlich schön, hat sich aber ein wenig zu viel an die Touristen verkauft.
Wir gehen einmal durch, lassen den geplanten Kaffee in Riquewihr bleiben und fahren stattdessen zurück nach Colmar. Dort haben wir ohnehin noch das Atelier de Yann auf der Liste. Eine gute Entscheidung, die Torten sind unglaublich. Bevor wir am Abend im Café Jupiler essen, gehen wir noch einmal in die Stadt zum Musée Bartholdi. Frédéric-Auguste Bartholdi ist jener Bildhauer, der für den Entwurf für die New Yorker Freiheitsstatue verantwortlich war. Weil Bartholdi in Colmar geboren wurde, steht eine Kopie des New Yorker Wunderwerks auch unübersehbar auf der Einfahrtsstraße. Das Museum hat leider geschlossen, und auch seine im Innenhof stehende Bronzeskulptur „Les Grands soutiens du Monde“ ist gerade nicht im Urzustand. Die Weltkugel, die normalerweise von den drei Figuren gehalten wird, liegt derzeit am Boden.







Die Freiheitsstatue erinnert daran, dass Frédéric-Auguste Bartholdi aus Colmar stammt.
Sammy ist das ziemlich egal. Er kümmert sich lieber um die kleine Windhunddame, die ihn gerade ins Herz geschlossen hat. Die Besitzerin ist überrascht. Normalerweise, sagt sie, geht ihre Hündin nicht so nahe zu anderen Hunden hin. Aber Sammy mag man eben!
Auf der Terrasse des Café Jupiler am Place de la Cathédrale wird der Wind immer stärker, deshalb blasen wir den geplanten Besuch im Petite Venise ab und gehen zurück ins Appartement. Am Balkon ist der Wind erträglich.
Der lange Weg nach Augsburg
Wir haben beschlossen, am Weg nach Hause noch eine Nacht in Augsburg einzuschieben. 400 Kilometer, das klingt nach einer angenehmen Fahrt und einem netten Abend in Augsburg. Wir lassen uns Zeit, frühstücken im Feuillette in Colmar und fahren dann gemütlich los. Aber aus dem ruhigen Tag wird nichts. Kaum sind wir in Deutschland, gibt’s auch schon den ersten Stau. Das Navi schickt uns von der Autobahn hinunter und mitten durch Pforzheim – eine Stadt, in die ich nie wollte. Es dauert. Und zurück auf der Autobahn wird es nur kurz besser. Irgendwo zwischen Stuttgart und München kommt der Verkehr beinahe zum Erliegen. Auf drei Spuren schleichen die Autos mit bestenfalls zwei, drei Stundenkilometern dahin. Das Navi zeigt zehn Kilometer Stau an, aber offenbar wird der immer länger. Nach einer gefühlten Ewigkeit scheint ein Ende des Staus in Sicht zu sein. Ich wundere mich, dass das Auto leicht ruckelt und der Lkw neben uns fürchterlich stinkt – bis auf dem Armaturenbrett angezeigt wird, dass das Getriebe überhitzt ist und wir sofort stehenbleiben sollen. Es war nicht der Lkw, des bestialisch gestunken hat…











Viel Zeit bleibt uns in Augsburg nicht, aber es reicht für die wichtigsten Kirchen und Brunnen.
Keine 200 Meter vor dem Ende des Staus muss ich also am Pannenstreifen anhalten und warten, bis sich alles wieder abkühlt. Einen Italiener hat es ganz schlimm erwischt: Sein Auto hat den Geist aufgegeben, er kann kein Wort Deutsch und hat keine Ahnung, wo er ist. Wir versuchen ihm zu helfen und einem Freund den Standort durchzugeben.
Wir können weiterfahren, aber auch in Augsburg geht alles nur im Schritttempo. Wir checken kurz nach 17 Uhr – mehr als zwei Stunden später als geplant – im Ibis ein und gehen in die Stadt. Im Schnellverfahren haken wir ein paar Sehenswürdigkeiten ab, kaufen im Fanshop einen FC Augsburg-Ball für Sammy und gehen dann ins Nuvo, eine fantastische Pizzeria im Zentrum. Pizza und Lugana entschädigen für den miserablen Tag auf der Autobahn und das ausbaufähige Wetter.
Am nächsten Tag ist das Wetter etwas besser, das Frühstück im Picnic grandios. Die letzten 400 Kilometer nach Hause schaffen wir ohne Probleme – und ganz ohne Stau.
ELSASS
Einwohner: rund 2 Millionen Menschen und mehr als 900 Storchenpaare
Hauptstadt: Strasbourg
Regionen & Sprachen: Bas-Rhin, Haut-Rhin. Französisch und Elsässisch (Deutscher Dialaekt)
Geschichte: Einmal deutsche Herrschaft, einmal französische Herrschaft – die Geschichte des Elsass ist von diesem permanenten Wechsel geprägt. Seit 1945 gehört das Elsass aber endgültig zu Frankreich. Begonnen hat alles mit den Römern: Julius Caesar hat das Gebiet erobert, Städte wie Argentoratum, heute Strasbourg, entstanden in dieser Zeit zwischen 58 vor und 476 nach Christus. Später ist das Elsass Teil des Heiligen Römischen Reiches (bis 1645), nach dem Dreißigjährigen Krieg fällt die Region an Frankreich. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg wird das Elsass vom Deutschen Reich annektiert (1871 bis 1918). Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Vertrag von Versailles fällt das Elsass sukzessive zurück an Frankreich.

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