Der Winter 2026? Monatelang keine Sonne, eisig kalt und Schnee en masse – einfach deprimierend. Sammy hat kein Problem damit. Er liebt den Schnee, die Temperaturen sind ihm egal. Doch als wir Ende Februar genug vom Winter haben und beschließen, für ein paar Tage ans Meer zu fahren, um die Sonne wiederzuentdecken, signalisiert er uns sofort: „Alles klar, ich bin dabei!“ Also fahren wir nach Grado. Aber die Sonne finden wir auch dort nur selten…
Die Aussicht auf ein bisschen Sonne und ein paar ruhige Tage mit italienischem Wein, mit Pizza und Pasta macht den traurigen Blick aus dem Fenster gleich eine Spur erträglicher. Grado liegt auf der Hand: die Stadt ist leicht zu erreichen, hat angeblich eine schöne Altstadt, ist Ende Februar noch nicht allzu überlaufen – und überzeugt uns mit einem selbstbewussten Spruch: „Grado – L’Isola del Sole“.
Wir kennen Grado eigentlich gar nicht, obwohl wir vor ewigen Zeiten schon einmal einen kurzen Urlaub in der Stadt verbracht haben. Allerdings waren wir damals kaum einmal aus dem Belvedere Pineta hinausgekommen. Mehr als ein paar Tage auf dem Campingplatz am Rande der Stadt war mit drei kleinen Kindern und einem eher weniger fertigen Haus allein schon finanziell nicht drinnen. Nach wochenlanger Überzeugungsarbeit hatte ich meine Frau so weit, dass sie einem Urlaub im Zelt zustimmen konnte. Kein „normales“ Zwei-Mann-Zelt freilich, sondern ein von Eurocamp fix aufgestelltes Luxuszelt mit mehreren Abteilen und Vorzelt und was man sonst alles beim Campen einfach nicht braucht. Die erste Nacht? Ein heftiges Gewitter, das die Erde beben ließ. Und starker Regen, der das Zelt binnen Minuten überschwemmt hatte…
Das war’s dann mit dem Campen. Nie wieder haben wir in einem Zelt geschlafen.
Sammy hätte das alles wohl auch nicht gefallen, schließlich hasst er kaum etwas mehr als ein starkes Gewitter. Wir haben aber diesmal ohnehin ein Appartement in der Via Silvio Pellico in der Nähe des Centro Storico gebucht, das wir problemlos finden. Auch Parkplätze gibt es mehr als genug. Am Weg war das Wetter von Minute zu Minute besser geworden, die Temperaturen erträglich. Und rechtzeitig vor Grado war da auch die Sonne oben am Himmel zu sehen.
Koffer rauf in den zweiten Stock, alles einräumen – und raus auf den geräumigen Balkon und die Sonne genießen. Aber: keine Sonne mehr. Ganz Grado ist innerhalb weniger Minuten im dichten Nebel verschwunden.
Und daran sollte sich in den nächsten Tagen nicht wirklich viel ändern.
Und wo ist das Meer?

Da müsste doch irgendwo das Meer zu sehen sein …
Egal, wir lassen Sammy kurz alleine im Appartement und gehen hinunter zum Despar einkaufen, der keine hundert Meter von unserer Wohnung entfernt ist. Wein, Wurst und Käse für das Frühstück, Wasser für uns und Sammy. Danach gehen wir die Via Italia in Richtung Zentrum. Viel sehen wir nicht, der Nebel ist mittlerweile noch stärker geworden. Wir verlassen uns auf unser Gefühl, biegen in eine Querstraße und landen tatsächlich am Strand. Den Sand sehen wir gerade noch, das Meer aber schon nicht mehr. Sammy ist’s egal, er freut sich und wälzt sich gleich einmal genüsslich im Sand. Dann gehen wir die Via Regina Elena immer entlang des Spiaggia principale weiter – und sind von der Altstadt überrascht. Enge, verwinkelte Gassen, altehrwürdige Häuser, geschichtsträchtige Kirchen. Selbst im Nebel erkennen wir, dass Grados Centro storico mit der Basilica Santa Maria delle Grazie, der Basilica di Sant’Eufemia, dem Battisterio und dem Lapidarium absolut sehenswert ist – und noch ziemlich ruhig. Um diese Jahreszeit bleiben die Touristen tatsächlich noch aus.





Um diese Jahreszeit bleibt das Centro storico von den Touristen großteils verschont.
Wir bleiben, dem Nebel zum Trotz, vor der Bar Bomben, einem Café in der Riva Campeio direkt am Hafen im Freien sitzen. Die sündhaft gute Schokokugel haben wir uns verdient. Danach suchen wir auf unserer zweiten Runde durch die Altstadt ein Lokal – und landen am Campo San Nicetta im Savial. Gute Wahl, der Branzino in Pfeffersauce und die Pizza Vulcano sind perfekt.
Der Weg zurück zum Appartement fühlt sich im dichten Nebel noch länger an, als er ohnehin ist. Es sind fast zwei Kilometer Fußmarsch, aber nach dem üppigen Essen brauchen wir das sowieso. Allerdings ist es bei derart starkem Nebel ziemlich gespenstisch in der menschenleeren Via Dante Alighieri und der Via Italia. Fast wünschen wir uns, dass wir doch nicht die einzigen Touristen sind, die sich gerade in Grado herumtreiben…
Der Nebel bleibt uns auch am nächsten Tag erhalten, auch wenn er nicht mehr gar so dicht ist wie am Vorabend. Nach dem Frühstück im Appartement suchen wir wieder den Strand und das Meer, aber das können wir auch diesmal nur erahnen. Es ist Ebbe, das Wasser hat sich weit zurückgezogen – und so weit reicht die vom Nebel getrübte Sicht dann auch wieder nicht. Sammy gibt sich mit dem Sand zufrieden und ich kann mich mit dem grauen Schleier gerade auch ein wenig anfreunden. Der Nebel sorgt wenigstens für eine beinahe mystische Stimmung auf den Fotos – vor allem auf den langen Kais, die irgendwo weit draußen mit dem Meer und dem dichten Nebel zu verschmelzen scheinen.




Die langen Kais verschmelzen mit dem Nebel, auch die Hotels und den Hafen gibt der Nebel nur langsam frei.
Auch, wenn wir das Meer kaum sehen, der Spaziergang durch den Sand bringt uns schon viel von jener Entspannung, die wir uns erhofft haben.
Plötzlich ist der Spiaggia principale aus. Wir stehen vor einer Mauer und suchen nach einem Ausgang. Tore gibt es genug, bloß – die sind alle versperrt. Wir sind auf jenen Strandabschnitten gelandet, die zu den Hotels auf der anderen Seite der Straße gehören. Und weil die Saison noch nicht begonnen hat und die Hotels noch im Winterschlaf verharren, sind auch die Zugänge zum Strand fest verschlossen. Macht nichts, wir gehen im Sand ein gutes Stück zurück, bis wir einen „öffentlichen“ Ausgang entdecken.
Wir umrunden die Altstadt von Grado auf dem Lungomare Nazario Sauro entlang des Meers. Das Wetter wird schöner, der Nebel verzieht sich langsam, irgendwann kommt tatsächlich sogar die Sonne heraus.





Sammy fühlt sich wohl am Meer, da ändert auch der Nebel nichts. Von der „Isola del Sole“ sehen wir lange nichts.
Wir landen wieder im Bomben, trinken Caffè und essen das obligate Schokotörtchen. Danach gehen wir über die Brücke auf die Isola della Schiusa, aber dort beginnt bereits Grados weniger imposanter Teil. Also zurück ins Appartement, ein paar Stunden Schlaf und wieder zurück in die Stadt. Wir landen in der Prosciutteria 1961 am Campiello della Torre, die wir schon am Vorabend in die engere Wahl gezogen hatten. Das Lokal ist toll, das findet auch Sammy, der sich gleich einmal beinahe an einem riesigen Schinkenstück vergreift. Wir wechseln sicherheitshalber an einen anderen Tisch, weit genug vom Schinken entfernt. Wir nehmen Schinken mit Burrata als Vorspeise, danach Tortellini mit Schinkenfüllung, Speckwürfeln und Buttersauce – einfach nur genial. Der Friuliano schmeckt ebenfalls fabelhaft. Und weil wir manchmal nicht wissen, wann es genug ist, nehmen wir noch Tiramisu als Nachspeise. Der Grappa danach ist irgendwie lebenswichtig. Gott sei Dank ist es weit bis zum Appartement…
Aquileia muss einfach sein
Wir haben viel zu viel gegessen, die Probleme hat am nächsten Morgen aber Sammy. Er kotzt in aller Früh ein paarmal, erfängt sich aber rasch.
Der Plan ist, uns zu erholen, am Strand spazieren zu gehen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Aber ganz können wir die Umgebung von Grado dann doch nicht links liegenlassen. Also brechen wir nach dem Frühstück in Richtung Aquileia auf. Es sind ohnehin nur zehn Kilometer bis in den verschlafenen Ort, an dem – abgesehen von den römischen Ruinen und der mächtigen Basilika – aber auch schon gar nichts darauf hindeutet, dass hier eine der wichtigsten Städte des Römischen Reichs mit bis zu 50.000 Bewohnern gestanden haben soll. Obwohl sich in Grado noch kaum eine Touristenseele herumtreibt, erwarten uns in Aquileia am Weg zur Basilika schon jede Menge Bustouristen. Dass alles nur relativ ist, zeigen die vielen Parkplätze rund um das Zentrum, die im Grunde noch ziemlich leer sind. Aquileia in der Hochsaison kann also definitiv kein Vergnügen sein.







Die ganze Pracht des historischen Acquleia lässt sich am besten in der Basilica Santa Maria Assunta erahnen.
Aber es gibt ja auch genügend archäologische Stätten rund um die Basilica di Aquileia, die vom Ruhm der alten römischen Metropole erahnen lassen. Wir erinnern uns nur noch vage an unseren ersten Besuch in Aquileia – damals im Zuge der missglückten Campingtour. Ich weiß nicht einmal mehr, ob wir im Inneren der Basilika Santa Maria Assunta waren. Umso imposanter erscheinen mir diesmal die Ausmaße der gewaltigen Kirche, die Bischof Theodore Anfang des 4. Jahrhunderts nach Christus hat errichten lassen. An den frühchristlichen Mosaikteppich, der fast den gesamten Fußboden der Basilika bedeckt, erinnere ich mich gar nicht mehr. Die immer noch bunten Fresken in der Krypta und im Apsisgewölbe sehe ich definitiv zum ersten Mal.
Wir drehen noch eine Runde durch den Garten, vorbei an der Heidenkirche und dem Baptisterium, und weiter zu den Ausgrabungen auf der anderen Seite der Hauptstraße. Das Forum Romanum lassen wir aus, daran können wir uns doch noch erinnern.






Der gesamte Fußboden der Basilica ist ein einziges, wunderbares Mosaik.
Wenn wir schon einmal unterwegs sind, dann fahren wir auch gleich weiter nach Monfalcone, den nördlichsten Hafen am Mittelmeer. Wir wollen ein bisschen durch die angeblich recht schöne Innenstadt flanieren. Die Werften interessieren uns weniger, obwohl sich dort mit dem Widerstand der Werftarbeiter gegen die faschistische Herrschaft Mussolinis durchaus Historisches zugetragen hat.
Es wird schon stimmen, dass Monfalcone eine schöne Stadt ist – nur, davon merken wir heute wenig. Irgendein riesiges Fest mit unzähligen Ständen und noch mehr Menschen verdeckt all die möglichen Schönheiten des Zentrums. Die überall unangenehm laute Musik macht es vor allem für Sammy noch schlimmer. Wir flüchten uns an den Rand des Zentrums und entdecken das Caffè Carducci. Der Caffè und die unverschämt guten Schokotörtchen lohnen den Besuch in Monfalcone trotz allem, aber länger wollen wir dann doch nicht bleiben. Wir erlösen Sammy und gehen zurück zum Auto.
Es ist ohnehin wieder Zeit für eine ausgiebige Siesta! Und darauf wollen wir in den paar Tagen in Grado nicht verzichten.
Wir gehen trotzdem etwas früher in die Stadt, schauen in die Geschäfte und genehmigen uns in unserer neuen Stammbar Bomber ein Glas Wein am Hafen. Bleibt noch das Abendessen. Wir entscheiden uns für das Bellagrado am Piazza Marinai d‘Italia, nehmen Prosciutto San Daniele als Vorspeise, Carbonara und Goldbrasse – und danach Grappa. Der muss, quasi als Medizin, sicherheitshalber sein.
Grado bleibt im Nebel
Das Wetter ist auch am letzten Tag in Grado nicht wirklich berauschend. Es ist kühl, der Nebel ist wieder stärker geworden. Wir gehen am Strand entlang in Richtung Altstadt. Sammy ist happy, auch wenn er gar nicht ins Wasser will. Er wälzt sich genussvoll im Sand und zieht die Blicke der Spaziergänger immer wieder auf sich. Im Zentrum machen wir gleich einmal Pause im Bomber, dann gehen wir die Viale Europa Unita und die Via Marina entlang. Plötzlich ist Sammy nicht mehr zu halten: Eine hübsche Hundedame lässt ihn alles andere vergessen. Alaka heißt die Hündin, die Sammy offensichtlich auch sofort ins Herz geschlossen hat.





Ein bisschen lässt der Nebel nach, ganz verschwindet er aber nicht.
Wir gehen zurück ins Appartement, halten die obligate Siesta. Danach packen wir die ersten Sachen ein und gehen noch einmal in die Altstadt. Wir können uns nicht wirklich für ein neues Lokal entschließen, daher gehen wir noch einmal ins Savial, wo wir schon am ersten Abend gegessen haben. Diesmal: Prosciutto crudo mit gewaltigem Buffalo, Calamari und Tortellini. Fast alle anderen Gäste haben ebenfalls einen Hund dabei, Sammy bleibt ruhig unter dem Tisch und genießt es, dass ihn die üppige Hundedame gegenüber nicht aus den Augen lässt. Im Appartement trinken wir noch einmal einen großartigen Friuliano.
Der Wein, das Essen und die Altstadt von Grado haben durchaus gehalten, was wir uns versprochen haben. Dass das mit der Sonne nicht so ganz hingehaut hat, ist eine andere Geschichte – aber allemal zu verschmerzen. Bevor wir am nächsten Tag wieder auf die Autostrada biegen, decken wir uns im Tiare, einem riesigen Einkaufszentrum in Villesse, noch mit ein paar italienischen Spezialitäten ein. Damit wir auch daheim noch ein bisschen an Grado erinnert werden.

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