Normandie: Kühe, Camembert und Krieg

Saftig grüne Wiesen, schwarz-weiß gefleckte und zufriedene Kühe, das tiefblaue Meer am Horizont und irgendwo an den Klippen ein gut gelaunter Bauer mit Camembert und Calvados – das ist Idylle á la Normandie. Die Normandie ist allerdings auch der größte Kriegsschauplatz der Geschichte, mit dem bösen Ende von Jeanne d’Arc untrennbar verbunden und Schauplatz des Beginns einer ganz großen Epoche der Malerei. Wir wollen im Dezember aber auch den kalten Wind an den Stränden spüren – und den alten Renaud live auf der Bühne erleben.

Man kann eine Reise nicht genießen, wenn Sammy mit tieftraurigem Blick dasteht und fragt: „Und warum, bitte, darf ich nicht mit?“ Bisher musste Sammy daheimbleiben, wenn wir uns irgendwo ein Konzert anhören wollten. Diesmal probieren wir es anders: Wenn wir ins Konzert gehen, bleibt Sammy für ein paar Stunden allein im Appartement, kann ansonsten aber die Normandie mit uns entdecken.

So wollen wir es haben: Langer Strand, Wind und wildes Meer.

Renaud ist auf Tournee durch Frankreich, viele Möglichkeiten, den alten Mann auf der Bühne zu erleben wird es nicht mehr geben, also suchen wir ein Konzert in einer Region, die wir ebenfalls sehen wollen. Die Normandie im Winter, die Strände des Cotentin – das passt perfekt mit Renauds Auftritt in Alençon zusammen.

Wir planen, buchen – und müssen plötzlich wieder umbuchen, weil das Konzert in Alençon abgesagt wird. Kein Problem, wir stornieren das Hotel, planen die Reise ein wenig um und buchen Dunkerque. Dort tritt Renaud am Ende unseres geplanten Trips auf. Wird die Heimreise eben ein bisschen länger…

Kurz bevor wir wegfahren, wird auch der Auftritt in Dunkerque abgesagt. Mit Renaud wird es definitiv nichts. Aber wir sind schließlich flexibel. Im Zenith von Rouen gibt es ein Konzert von Calogero – und auch noch ein paar Tickets. Perfekt, denn Calogero wollen wir ohnehin auch sehen, also planen und buchen wir noch einmal um.

Der Weg in die Normandie ist lang, deshalb planen wir in Metz einen Zwischenstopp ein. Die Wettervorhersage ist miserabel: starker Eisregen, Glatteischaos auf den Autobahnen. Wir stehen um 3 Uhr auf und schaffen es, wie geplant um 5 Uhr wegzufahren. Offenbar ein perfektes Timing. Es ist trocken, zumindest vorerst. In Linz beginnt’s dann mit dem starken Regen, aber das angekündigte Glatteis bleibt zum Glück aus. Die beiden obligaten Staus in Deutschland halten uns nicht wesentlich auf, um Punkt 15 Uhr sind wir in Metz vor dem Hotel Odalys und ein paar Minuten später stehen wir in einem tollen Appartement im 7. Stock – mit riesiger Terrasse und genialem Ausblick über die Stadt.

Einfach schön: Metz mit seiner gigantischen Kathedrale.

Es ist nicht allzu weit vom Hotel ins Zentrum von Metz, das gerade einmal doppelt so groß ist wie St. Pölten, aber von der ersten Sekunde an beeindruckt. Wir gehen auf der Pont Saint-Marcel über die Moselle und stehen schon vor den ersten historischen Gebäuden: Die Temple Neuf auf der einen Seite, die Opéra Eurométropole de Metz – die älteste noch betriebene Oper Europas – am Place de la Comédie auf der anderen. Unmittelbar nach der Moselle: die Cathédrale Saint-Étienne – eine der höchsten Kirchen Frankreichs, und jene mit der europaweit größten Fläche an Kirchenfenstern. 6.500 Quadratmeter sind es insgesamt, aber nicht nur die Größe ist spektakulär: Die Fenster wurden unter anderem von Valentin Bousch, Jacques Vilon und Marc Chagall gestaltet.

Künstler wie Marc Chagall haben die Fenster der Kathedrale Saint-Étienne gestaltet.

Vieles ist in der Eurométropole Metz außergewöhnlich, von den gallorömischen Ruinen und mittelalterlichen Gassen über die geschichtsträchtigen Kirchen bis hin zum schönsten Bahnhof Frankreichs. Den schaffen wir leider nicht – es ist zu kalt, außerdem schaut es nach Regen aus. Ich gehe in die gewaltige Kathedrale, Sammy erkundet derweil mit Manuela draußen den Place d’Armes und den Place Jean-Paul II. Rund um die Kathedrale lockt ein riesiger Weihnachtsmarkt immer mehr Menschen an. Wir bleiben in der Altstadt, entdecken überall herrliche Plätze und Gebäude. Am Place St-Jacques trinken wir Wein im Kangourou Cafe, der Kellner verabschiedet uns auf Deutsch. Am Abend gehen wir ins Le Blondel, eine alte, urige Brasserie am Place Jean-Paul II vor der Kathedrale, und essen eine herrliche Quiche Lorraine mit Salat und Pommes. Auf eine längere Runde durch die Stadt verzichten wir: Immer mehr Menschen strömen zu den Weihnachtsmärkten, das bringt Sammy etwas aus der Fassung, außerdem ist es bitterkalt. Wir gehen zurück ins Hotel und fallen hundemüde ins Bett.

Zweimal umfallen, und wir sind unten am Atlantik…

Am Morgen schüttet es so richtig. Wir frühstücken im Hotel – Brot und Croissants können mit dem Appartement nicht mithalten. Wir haben noch rund 750 Kilometer bis Les Pieux an der Westküste der Halbinsel Cotentin vor uns. Es regnet fast die ganze Fahrt, und je näher wir der Normandie kommen, desto stärker wird der Sturm. Wir kommen erst kurz nach 17 Uhr in Les Pieux an, Wir sind müde und wollen nicht noch einmal wegfahren, also bleiben wir gleich beim erstbesten Intermarché stehen und decken uns mit Baguette, Wein, Käse und allem, was in Frankreich halt sonst noch auf den Tisch muss, ein. Dann suchen wir unser Haus am Meer. Und das wird schwierig: es ist stockfinster, wir sehen die Straßennamen und Hausnummern, die uns Florence, die Vermieterin, geschickt hat, beim besten Willen nicht. Das Navi ist keine Hilfe, wir versuchen es mit Google Maps, das funktioniert ein bisschen besser, und nach einigen Versuchen finden wir die Rue Neuve dann doch. Wir biegen in eine Sackgasse ein und landen irgendwie in der Privatstraße, die zum Haus führt. Florence wollte auf uns warten, aber es ist zu spät geworden, sie ist nicht mehr da. Der Zugang zum Haus ist noch nicht fertig und durch den Regen ziemlich versaut, aber das Haus selbst ist sensationell: eben erst von Grund auf saniert, modern eingerichtet und ein unglaublicher Ausblick hinaus auf den Atlantik, der keine 100 Meter entfernt ist.

„In der Normandie gibt es mehrmals täglich gutes Wetter!“ Wer das sagt? Die Menschen aus der Normandie, und die müssen es schließlich wissen. Und genauso ist es auch: Das Wetter schlägt immer wieder und oft völlig überraschend um. In den beiden Wochen, die wir in der Normandie verbringen, wechselt das Wetter aber vor allem zwischen zwei Ausprägungen: beschissen und ziemlich beschissen. Es gibt aber zum Glück aber doch auch einige traumhaft schöne Tage.

Nicht jeder würde unseren ersten vollen Tag auf Cotentin als wettertechnisch absolut gelungen bezeichnen, aber wir haben uns genau auf diese Verhältnisse gefreut. Ein kühler Tag an einem weitläufigen Strand, dazu kräftiger Wind und ein wenig Sonne – so stellen wir uns den Winter am Atlantik vor. 

Das Schloss von Flamanville sehen wir nur von außen, den Plage de Sciotot genießen wir dafür umso mehr.

Am Morgen ist der Sturm noch ziemlich heftig, Sammy und ich gehen noch bei völliger Dunkelheit auf dem schmalen Weg unterhalb unseres Hauses am Strand entlang. Direkt ans Meer trauen wir uns nicht, dazu ist es zu finster. Wir holen Baguette und Pain au chocolat aus einer der drei kleinen Bäckereien, die in Les Pieux alle offen haben, obwohl Sonntag ist. Nach dem Frühstück kommt die Sonne raus, der Wind lässt nach, bleibt aber ziemlich stark. Wir gehen hinunter an den Strand und genießen den langen Spaziergang an der elendslangen Plage de Sciotot. Der Wind peitscht uns das Wasser aus dem Atlantik ins Gesicht und wirbelt den Sand kräftig auf. Sammy ist das genauso egal wie uns, nur ins Wasser will er heute lieber nicht. Er spürt ganz genau, dass die Wellen heute unberechenbar sind. Viele Menschen wagen sich um diese Jahreszeit und bei diesem Wetter nicht an den Strand, der auf der einen Seite vom Cap Le Rozel und im Norden vom Cap de Flamanville eingerahmt wird. Nach ein paar Kilometern haben wir auch genug, gehen zurück ins Haus und fahren Richtung Flamanville. Nach ein paar Minuten kommen wir zufällig an einem ziemlich futuristischen Gebäude vorbei – am riesigen Besucherzentrum des Atomkraftwerks. Langsam dämmert uns, dass wir unsere Unterkunft ziemlich nahe am Centrale nucléaire de Flamanville gebucht haben: das Atomkraftwerk liegt praktisch direkt neben uns, gleich hinter dem Cap de Flamanville, das unmittelbar nach unserem Haus beginnt. Da habe ich den Reiseführer offenbar nicht gut genug studiert: ich war der Meinung, dass das Atomkraftwerk oben im Norden des Cotentin, am Cap de la Hague liegen würde. Aber dort befindet sich „nur“ die Wiederaufbereitungsanlage.  

Egal, wir haben keine Angst, dass irgendetwas passieren könnte. So wie die Unmengen an Touristen, die im Sommer die Plage de Sciotot stürmen – und die Einheimischen, die sich mit dem Atomkraftwerk abgefunden haben. Schließlich sind Kraftwerk und Wiederaufbereitungsanlage die mit Abstand größten Arbeitgeber am wirtschaftlich nicht gerade verwöhnten Cotentin.

Das Besucherzentrum lassen wir links liegen und fahren weiter zum traditionsreichen Schloss von Flamanville, das von einem unglaublich schönen Garten und dicken Mauern umgeben ist. Denn Besucher wollen die Schlossherren offenbar nicht, die Tore sind fest verschlossen. Wir fahren Richtung Süden zum Cap de Rozel, steigen aber nur kurz aus dem Auto aus. Denn plötzlich beginnt es wieder heftig zu regnen. Wir bleiben den Rest des Tages im Haus und beobachten den Atlantik und die gewaltigen Wellen vom Wohnzimmer aus.

Manchmal muss man auch ein bisschen Risiko nehmen. Es regnet heftig in Les Pieux, Aussicht auf Besserung scheint es nicht zu geben. Dafür sagt die Wetter-App, dass es beim Mont-Saint-Michel im Lauf des Tages einigermaßen schön werden soll. Wir beschließen, die rund 140 Kilometer bis an die Grenze zur Bretagne zu fahren. Kurz vor Granville wird es tatsächlich besser, aber als wir ein paar Minuten später am Hafen aussteigen, regnet es wieder heftig. Wir gehen trotzdem hinauf ins historische Zentrum, die Haute Ville, die seinerzeit auf einem beinahe ins Meer ragenden Felsplateau errichtet wurde. Lange bleiben wir nicht, dann gehen wir vorbei an einigen geschichtsträchtigen Villen zurück zum Hafen. Auf das Musée et Jardin Christian Dior, der einen Großteil seiner Kindheit in Granville verbracht hat, verzichten wir.

Granville bleibt bei unserem Besuch ziemlich trüb.

Es bleibt trüb und regnerisch – bis am Parkplatz vor dem Mont-Saint-Michel das Wetter ebenso plötzlich wie unerwartet umschlägt. Die Sonne kommt raus, mit einem Mal ist die Stimmung grandios. Wir wollen mit dem Shuttle-Bus zur Felseninsel fahren, aber das geht nicht: Hunde sind in den um diese Jahreszeit spärlich besetzten Bussen nicht erlaubt, warum auch immer. Egal, wir gehen eine gute halbe Stunde zu Fuß, genießen die Sonne und die herrlichen Blicke auf den Mont-Saint-Michel.

Glück gehabt! Das Wetter schlägt um – und der Mont Saint-Michel zeigt sich von seiner besten Seite.

Wir sind zum vierten Mal hier, aber das Wetter war noch nie auch nur annähernd so gut. Es ist Ebbe, als wir die Abbaye du Mont-Saint-Michel erreichen. Kaum zu glauben, dass das Kloster ein paar Stunden später wieder vom Festland abgeschnitten und vom Atlantik umspült sein wird: Bis zu 13 Meter beträgt hier der Tidenhub, nirgendwo sonst in Europa ist er höher! Eine „richtige“ Insel ist der Mont-Saint-Michel aber erst seit gut zehn Jahren wieder. Zwischen 1869 und 2014 war die Klosterinsel über einen Straßendamm mit dem Festland verbunden, was dazu führte, dass die Bucht zusehends versandete. Mittlerweile ist der Damm Geschichte, die neue Brücke ist nur zu Fuß oder mit den Shuttlebussen passierbar – die Bucht erholt sich seither sukzessive.

Immer wieder kann man von den engen Gassen des Mont Saint-Michel hinunter auf das weite, offene Meer sehen. Ebenfalls beeindruckend: der Blick von der anderen Seite der Bucht.

Über 1000 Jahre lang waren Mönche und Pilger auf die Gezeiten angewiesen, wenn sie zum Kloster oder zurück aufs Festland wollten. Mit dem Bau des Klosters wurde 708 begonnen, schon ein Jahr später wurde die Kirche geweiht. Da hatte der alte Aubert, Bischof von Avranches, offenbar den Ernst der Lage erkannt, nachdem er sich, so erzählt es zumindest die Legende, längere Zeit taub gestellt hatte. Der Erzengel Michael soll Aubert nämlich ziemlich genervt haben, als er mehrmals – und ebenso oft vergeblich – auf den Bau des Klosters gedrängt hatte. Erst als der Erzengel den Bischof in die Wange gestochen hatte, um seiner Bitte Nachdruck zu verleihen, hatte auch Aubert kapiert. Wir gönnen uns diesmal auch noch einen Blick von der anderen Seite der Bucht auf die Abbaye. Der kleine Ort Genêts ist vor allem für den Ausblick über die Felder hinüber zum Mont-Saint-Michel bekannt – und das, wie wir merken, tatsächlich nicht zu Unrecht.

Das Wetter bleibt wechselhaft am Cotentin. Einzige Konstante: durchgespielt werden in aller Regel nur die Ausprägungen zwischen schlecht und sehr schlecht. Der Wind hat nachgelassen, dafür regnet es weiter leicht. Aber nicht lange. Am Weg nach Briquebec, einer kleinen Stadt mitten im Cotentin, wird der Regen stärker. Viel stärker. Wir steigen kurz aus, gehen durch die imposante Burganlage im Zentrum der netten Stadt – und flüchten uns dann ins Auto. Bei diesem Wetter macht es keinen Spaß, ich hole nicht einmal die Kamera aus der durchnässten Fototasche. Wir bleiben bei unserem Plan und fahren weiter nach Barfleur. Der Regen wird immer stärker, jetzt kommt auch noch ein heftiger Sturm dazu. Ich mache am Hafen ein paar Fotos, aber die Kamera ist trotz Regenschutz sofort nass. Mehr sehen wir auch von Barfleur nicht.

Der Regen vertreibt uns aus Barfleur. Beim Phare de Gatteville wird es nur wenig besser.

Nächster Halt: der Phare de Gatteville, der den Schiffen seit dem 19. Jahrhundert den Weg entlang der Küste weist. Regen, Sturm, düstere Wolken am Himmel und heftige Wellen, obwohl die Flut noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht hat – also eigentlich das perfekte Wetter für ein paar stimmungsvolle Bilder von der Pointe de Barfleur im Nordosten des Cotentin. Imposante 75 Meter ist der Phare de Gatteville hoch, damit ist er der zweitgrößte in Frankreich. Nach ein paar Fotos treibt mich der eiskalte Wind ins Auto, in dem Manuela und Sammy warten.

Es regnet munter weiter. Was liegt also näher, als die paar Kilometer nach Cherbourg-en-Cotentin zu fahren und die Stadt erkunden, die Catherine Deneuve mit „Les Parapluies de Cherbourg“ berühmt gemacht hat. Einen Regenschirm haben wir natürlich selbst dabei, also wagen wir uns in die Altstadt, gehen durch die Grande Rue und die Rue au Blé, müssen aber rasch erkennen, dass Cherbourg zumindest bei diesem Wetter nicht gerade viel Charme hat. Wir freuen uns auf den Kaffee in einem Teehaus – und bekommen Filterkaffee vorgesetzt…

Trotz Regen kaufen wir keinen Parapluie in Cherbourg.

Es reicht, wir fahren zurück nach Les Pieux, gehen ein bisschen durch den Ort, weil der Regen nachgelassen hat, kaufen Calvados und verziehen uns in das Haus am Plage de Ciotot.

Der letzte Tag am Cotentin beginnt mit geradezu fantastischem Wetter: es nieselt nur ein wenig vor sich hin und es ist auch nicht mehr so düster wie zuletzt. Also fahren wir ziemlich optimistisch die Route des Caps entlang Richtung Nez de Jobourg. Bei den Dunes de Biville bleiben wir stehen. Über mehr als 600 Hektar zieht sich eine großartige Dünenlandschaft, aus der hin und wieder Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg ragen.

Traumhafte Landschaft aus Gras und Sand. Nur die Bunker stören die Idylle.

Von den sanft geschwungenen Dünen geht es direkt zur rauen Steilküste am Nez de Jobourg. 128 Meter ragt die Steilküste am Cap de la Hague aus dem tiefgrünen Meer – höher als überall sonst in der Normandie. Es gibt kaum Wellen als wir hinunter auf die „wilde Nase“ schauen, es ist beinahe schon unwirklich ruhig. Tatsächlich ist es hier nur selten so friedlich, denn am Nez de Jobourg werden die stärksten Strömungen im Ärmelkanal verzeichnet – und die haben bereits einige Schiffe zerschellen lassen. 

Ein Stück weiter sieht man bei Ebbe am Cap de la Hague die Grotte du Lion und die Grotte de l’Église. Die Grotten waren in längst vergangenen Tagen enorm wichtige Orte für die örtliche Schmugglerschaft, die ihre Waren – vor allem Tabak – in den Grotten vor den Zöllnern versteckten. 

Schmuggler oder Touristen? Die Kuh, die mit ihrer Herde zwischen Nez de Jobourg und Cap de la Hague grast, wirkt ein wenig irritiert.

Schmuggler gibt es am Cap nicht mehr, dafür begegnen wir entlang der Straße immer wieder kleinen Herden von schwarz-weiß gefleckten Kühen. Ihnen fällt in der Normandie eine ganz wichtige Aufgabe zu: die Lieferung der Milch für den absolut unverzichtbaren Camembert. Dabei soll, erzählt man sich, der Camembert ja gar keine ureigene Erfindung aus der Normandie sein – sondern einfach nur ein gut kopierter Brie! Denn im Jahr 1791 soll sich Folgendes zugetragen haben im kleinen Dörfchen Camembert: Eine junge Bäuerin aus dem Dorf erbarmte sich eines Priesters, der im Zuge der Französischen Revolution aus dem Brie geflohen war, und versteckte ihn auf ihrem Hof. Als Dank dafür verriet ihr der Priester ein fantastisches Rezept für einen Käse. Egal, Camembert bleibt Camembert – und der hat nicht nur das kleine Dorf, sondern die ganze Normandie nachhaltig beeinflusst. Wobei auch die anderen Käsesorten wie Livarot oder Pont l’Evêque ganz und gar nicht zu verachten sind. So wie die Äpfel aus der Normandie, die für den unvergleichlichen Geschmack von Cidre und Calvados verantwortlich sind.

Der Phare de Goury warnt die Seefahrer vor der stärksten Gezeitenströmung Europas.

Ganz im Nordwesten des Cotentin erfüllt der Phare de Goury ein Stück vor der Küste am Felsen „Le Gros du Raz“ seit 1837 unverändert seine Aufgabe: er warnt die Seeleute verlässlich vor der Raz Blanchard, einer der stärksten Gezeitenströmung Europas. Wir fahren zurück Richtung Les Pieux und ein Stück entlang der Côtes des Isles bis Barneville-Carteret. Auch dort, am Cap de Carteret, steht ein beeindruckender Leuchtturm – und man sieht vom Cap angeblich tatsächlich hinüber zu den Inseln Jersey und Guernsey. Das lässt das Wetter heute allerdings nicht zu, wir müssen uns mit dem Blick vom Cap hinunter auf den herrlichen Strand bei den Dunes de Hatainville und den Sentier du Littoral begnügen.

Der Sentier du Littoral würde uns reizen, wir verzichten aber wetterbedingt auf den Spaziergang.

Wir lassen den Cotentin hinter uns und übersiedeln für ein paar Tage nach Fécamp an die Côte d’Albâtre. Wir haben Zeit, weil wir erst gegen 17 Uhr in das Appartement können, also frühstücken wir noch ausgiebig und sehen uns an der Côte de Nacre ein paar der historisch denkwürdigsten Orte der Normandie an. Am 6. Juni 1944 landeten hier die Soldaten der Alliierten, um die Welt von Hitler und Faschismus zu befreien. 20.000 Schiffe gingen in mehreren britischen Häfen vom Anker, alle mit dem Ziel Normandie. 135.000 Soldaten landeten an den fünf Stränden Utah Beach, Omaha Beach, Gold Beach, Juno Beach und Sword Beach – und die Normandie wurde mit einem Schlag der größte Kriegsschauplatz aller Zeiten. Mehr als 200.000 Menschen starben bei der Operation Overlord, die 100 Tage andauern – und am Ende wenigstens ein freies Europa bringen sollte. 

Heute werden die Strände der Côte de Nacre nur von ein paar Touristen und einigen Pferdegespannen bevölkert. Am 6. Juni 1944 landeten allerdings 135.000 Soldaten an den Stränden, um die Welt vor Adolf Hitler zu retten.

Wir gehen kur an der Utah-Beach entlang, bleiben beim D-Day Memorial und die vielen anderen Denkmälern stehen, dann fahren wir weiter zur Omaha Beach. Seit 2004 erinnert dort das beeindruckende Werk „Les Braves“ an die schrecklichsten Tage der Normandie. Lange bleiben wir nicht, denn schon nach ein paar Minuten vertreibt uns eine kreischende Horde Bustouristen von der Omaha-Beach. Wir wollen ohnehin noch nach Luc-de-mer. Der kleine Küstenort soll ausgesprochen sympathisch sein, vor allem aber wollen wir das riesige Walskelett am Strand sehen. Die Fahrt wird allerdings zäh und vor allem bei Caen ziemlich nervig. Endlich in Luc-de-mer angekommen, merken wir, dass der Ort gar nicht so ruhig, sondern ein wenig hektisch ist. Wir finden weder Parkplatz noch Wal und fahren unverrichteter Dinge weiter nach Fécamp. Es ist schon finster, als wir in Fécamp ankommen, das nützt das Navi schamlos aus und schickt uns über diverse Nebenstraßen auf das Gelände eines geschlossenen Campingplatzes, aus dem wir noch mit fremder Hilfe rausfinden. Dann schaffen wir es ohne Navi in die Rue Georges Cuvier.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten können wir Fécamp doch noch erkunden.

Das Appartement mit dem klingenden Namen Les Gîtes Panorama et Perle Vue Mer ist groß und geräumig, das Meer gleich auf der anderen Straßenseite. Prinzipiell perfekt, wäre da nicht ein ziemlicher Mangel an Gläsern und eine Duschwand, die jeden Moment aus der Verankerung zu fallen droht. Wir schreiben dem Vermieter, der antwortet mitten in der Nacht. Am nächsten Vormittag bekommen wir einen Satz Gläser, auch die Duschwand wird repariert. Alles wieder perfekt!

Bis zum Centre Ville ist es zu Fuß ein schönes Stück, auch die nächste Bäckerei, die Boulangerie Martin, ist fast einen Kilometer entfernt. Aber der Weg lohnt, Baguette und Croissants sind fantastisch. Wir gehen ins Zentrum und merken: Fécamp ist sympathisch und historisch eigentlich ziemlich bedeutend. Gleich neben der Abatiale de la Trinité sehen noch ein paar Reste vom Palast der normannischen Herzöge, die bis Anfang des 13. Jahrhunderts hier als Nachfahren von Wikingerfürst Rollo residierten.

Wartende Frauen, ein Leuchtturm und eine Kapelle am Berg, in der die Fischer von Fécamp um Beistand beteten, ehe sie hinauf aufs Meer auf die Suche nach Kabeljau aufbrachen.

Besagter Rollo sorgte mit seinen Landsleuten im 9. Jahrhundert dafür, dass der Normandie heute noch irgendwie etwas Barbarisches anhängt. Als Anführer der Wikinger, denen damals halt wirklich kein sonderlich guter Ruf vorauseilte, fiel der grimmige Krieger immer wieder im Norden Frankreichs ein. Bald war die Region das „Land der Normannen“, in dem immer wieder gekämpft wurde. Irgendwann hatte Karl der Einfältige, damals König der Franken, das Kämpfen im Norden satt und übertrug Rollo die Untere Normandie.

Rollo kam als Wikinger und blieb als Herrscher über die Normandie. Wilhelm der Eroberer zog 1066 von Fécamp aus über den Atlantik in Richtung Hastings – und kam als König von England wieder.

Zweieinhalb Jahrhunderte später feierte in Fécamp einer seiner Nachfolger einen Sieg, der die gewohnte Weltordnung ein wenig durcheinanderwirbelte: Wilhelm war über den Ärmelkanal gesegelt, hatte in der Schlacht von Hasting 1066 die Engländer vernichtend besiegt – und war als König von England nach Fécamp zurückgekehrt. Klar, dass man ihn fortan Wilhelm der Eroberer nannte. In den Jahrhunderten danach rückten die Krieger und Eroberer in den Hintergrund und Fécamp entwickelte sich zum wichtigsten Kabeljauhafen Frankreichs. Bis nach Neufundland sollen sich die Fischer von Fécamp in ihren klapprigen Booten auf der Suche nach Kabeljau gewagt haben. Beistand von oben holten sich die Fischer für ihre abenteuerlichen Ausfahrten in der Kapelle am Felsen, der Wallfahrtskirche aller normannischen Fischer.

Obwohl das Wetter wieder einmal Verbesserungspotenzial hat, fahren wir die paar Kilometer der Küste entlang nach Étretat. Es ist Ebbe, also können wir bis weit nach vor zur Porte d’Aval und zur berühmten Aiguille d‘Ètretat gehen, in der der legendäre Arsène Lupin seinerzeit seine Beute versteckt haben soll. Die Austernzucht, die man in Étretat für Marie-Antoinette anlegen ließ, als sie noch ein wenig beliebter war beim Volk, macht den Weg beschwerlich. Sammy und Manuela umgehen den Austernpark und kommen unterhalb der Klippen bis zu Grotte Le Trou à l’homme. 

Da draußen also hat Arsène Lupin seine Diebsbeute versteckt. Sammy ist begeistert!

Hinauf auf die Klippen gehen wir nicht, dafür ist das Wetter einfach zu schlecht. Wir wärmen uns stattdessen in der Stadt bei Bier und Wein in der Taverne des deux Augustins auf. 

Die Klippen probieren es ein paar Tage später noch einmal, weil die Wettervorhersage ziemlich gut ist, also zumindest kein Regen angekündigt wird. Aber: Es regnet, natürlich. Wir fahren trotzdem. Ich packe die Kamera in den Regenschutz, aber nicht einmal damit ist an Fotografieren zu denken. Der Sturm peitscht Regen und Flut ins Gesicht, wir sind sauer und wollen umdrehen. Dann überlegen wir es uns anders und gehen dich hinauf zu den Klippen. 

Mit dem Wetter ist es in der Normandie so eine Sache: Unten im Ort heftiger Regen und dunkle Wolken – ein paar Minuten später ein Stück oben auf den Klippen strahlender Sonnenschein…

Gut so, denn endlich einmal wird der alte Spruch über das Wetter in der Normandie Realität. Von einer Sekunde zur anderen hört es zu regnen auf, die Wolken verziehen sich und die Sonne kommt hervor. Das Licht ist urplötzlich phänomenal und wir verstehen, warum es die alten Impressionisten rund um Claude Monet immer wieder in die Normandie gezogen hat, um hier zu malen. „Das Licht ist hier schöner als irgendwo anders“, hat Monet einmal gesagt. Gerade jetzt lässt sich das nur bestätigen. Noch nie war das Licht bei einem unserer Besuche in Étretat auch nur annähernd so bezaubernd. „Sie können sich die Schönheit des Meeres bei Étretat gar nicht vorstellen. Die Klippen sind dort wie nirgendwo anders!“ Auch das hat Monet den Menschen und vor allem seinen Künstlerkollegen vorgeschwärmt. Die sind danach in Scharen in der Normandie eingefallen, Camille Pissaro zum Beispiel, Auguste Renoir, Alfred Sisley, Braque, Gauguin, Picasso und Eugène Boudin. Nicht umsonst gilt die Normandie als die Wiege des Impressionismus.

Wen wundert’s, dass die Impressionisten in Scharen in der Normandie eingefallen sind.

Mit Malerei hat es Sammy nicht so, der durch den Regen matschige Weg entlang der steilen Klippen vorbei am Le Manneport macht ihm aber so richtig Spaß. Wir gehen bis knapp vor den Phare d‘Antifer, dann drehen wir um und gehen auf der anderen Seite des Strandes die 350 Stufen hinauf zum 35 Meter hohen Porte d’Amont. Wir wandern vorbei an der Notre-Dame-de la-Garde bis wir auch die Aiguille de Beval aus dem Meer ragen sehen. Stimmung und Licht bleiben grandios, erst als wir wieder unten im Ort sind, ziehen sich die Wolken wieder zusammen.

Wir haben uns drei Orte im nördlichen Bereich der Côte d’Albâtre vorgenommen: Sotteville, Veules-les-Roses und St-Valery-en-Caux. Sotteville lassen wir rasch hinter uns, der ganze Ort scheint Baustelle zu sein und sich dem trostlosen Wetter anzupassen. Veules-les-Roses soll laut Reiseführer das schönste Dorf an der Küste zu sein. Wir fahren zuerst zum Hafen und stehen dort vor einem fantastischen Strand mit imposanten Klippen. Es reicht für ein paar Fotos, dann regnet es wieder.

Veules-les-Roses zeigt sogar bei miesem Wetter, dass der Ruf des schönsten Dorfes weit und breit nicht von ungefähr kommt.

Trotzdem fahren wir ins Zentrum des kleinen Ortes, und das lohnt sich. Herrliche Fachwerkhäuser, schöne Rosengärten,  Belle-Êpoque-Villen und ein ganz besonderer Fluss machen Veules-sur-Roses tatsächlich zu einem ausgesprochen sympathischen Dorf. Was das Besondere an dem Fluss ist? Die Veules ist gerade einmal exakt 1.149 Meter lang – und damit der kleinste Fluss Frankreichs.

Bei Saint-Valery-en-Caux hat der Autor des Reiseführers dafür wohl ein bisschen geschummelt. Die Klippen, heißt es, sollen hier so schon wie sonst nur in Étretat sein. Und sie heißen auch so. Es gibt in Saint-Valery einen Falaise d’Amont und einen Falaise d’Aval – spektakulär und schön sind sie ja, aber um mit Étretat mithalten zu können bedarf es schon einer ganzen Menge Fantasie.

Schöne Orte und faszinierende Küsten gibt es entlang der Côte d’Albatre überall. Und draußen am Meer einen gigantischen Windpark mit 83 Windrädern!

Nicht gerade schön, aber zumindest interessant ist der riesige Windpark, den man an der Côte d’Albâtre beinahe von jeder Ecke aus draußen am Meer sehen kann. 17 Kilometer draußen am Meer produzieren 83 Windräder mit jeweils 180 Meter Höhe eine ganze Menge Energie.

An Le Havre scheiden sich die Geister. Fakt ist, dass man sich von traditionellen Vorstellungen einer schönen Stadt ein Stück lösen muss, um Le Havre zu mögen. Wem das gelingt, der versteht, warum man Le Havre nachsagt, „Poesie in Beton“ zu sein. Der Name lässt schon erahnen, dass Le Havre von einem gewaltigen Hafen und entsprechend viel Industrie geprägt wird. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn Le Havre darauf zu reduzieren, wäre schlichtweg falsch: Die größte Stadt der Normandie ist vor allem wegen seiner Innenstadt einer der spannendsten Plätze der Region.

Im Weltkrieg zerstört, mit viel Beton völlig neu aufgebaut: Die Stadtarchitektur von Le Havre ist UNESCO-Weltkulturerbe, die moderne Kirche Saint-Joseph gilt als Symbol für den Neubeginn Europas nach dem Krieg.

Dabei hat es das Zentrum der Stadt während des 2. Weltkriegs praktisch nicht mehr gegeben. Rund 80 Prozent von Le Havre wurden regelrecht zerbombt – die Stadt musste praktisch zur Gänze neu aufgebaut werden. Architekt Auguste Perret hat Le Havre eine neue Seele eingehaucht und etwas geschafft, was absolut einzigartig ist: Klare Linien, viel Raum, Beton in all seinen Farbnuancen, das Spiel mit dem Licht – Perret ist das so eindrucksvoll gelungen, dass die moderne Stadtarchitektur von Le Havre 2005 zum UNESCO Weltkulturerbe erhoben wurde. Auch die Kirche Saint-Joseph mit ihrem 129 Meter hohen Turm gilt als Meilenstein der Architekturgeschichte und als Symbol für den Neubeginn Europas nach dem Krieg. 

Wir sind durchaus beeindruckt von Le Havre, wollen in der Stadt aber auch ein bisschen einkaufen. In einem Laden entdecke ich Senf mit Calvados in der Auslage. Den muss ich haben, ich finde aber auch noch ein paar andere Kreationen. In den Fnac muss ich allein. Das Geschäft ist in einem Einkaufszentrum, und da darf Sammy nicht hinein. Das merken wir vorerst gar nicht, erst ein Security macht uns darauf aufmerksam – und sagt, dass Sammy nur drinnen bleiben darf, wenn wir ihn tragen. Da muss er freilich selber lachen. Ich finde auch alleine ein paar CDs, Sammy und Manuela warten draußen. 

Es regnet wieder, wir fahren zurück nach Fécamp und gehen am Abend in ein frisch renoviertes Restaurant essen, das an diesem Abend zum ersten Mal wieder offen hat. Wir nehmen im Le Daniel‘s Fisch und Entrecôte mit Camembertsauce, beides hervorragend zubereitet und gut.

Weiß, blaue und schwarze Streifen – und dazwischen ein von der Sonne ausgebleichtes Braun am Dach: Die in strenger Formation aneinandergereihten Badhäuschen am Strand von Yport sind ausnahmslos nach Vorschrift bemalt. Die stattliche Anzahl an Badehäuschen lässt darauf schließen, dass es in der Saison beileibe nicht so ruhig zugeht wie heute, an einem Tag mitten im Dezember. Ganz Yport scheint zu schlafen, nur ganz selten verirrt sich ein Mensch ins Freie. Das Wetter ist auch nicht gerade verlockend, der Wind bläst und es ist kalt. Aber immerhin: es regnet nicht. Viel bunter als die Badehäuschen sind die am kleinen, von zwei imposanten Felsen eingerahmten Strand verstreuten kleinen Boote. 

So kennt man Yport auf der ganzen Welt: steile Klippen, vorschriftsmäßig bemalte Badehäuschen und bunte Fischerboote.

Aber auch die Fischer von Yport sind noch nicht zu sehen. Sie warten auf die Ebbe, um draußen zwischen den Felsen nach Taschenkrebsen zu suchen. 

Wir fahren ein Stück weiter, suchen eine Zufahrt zum GR21, dem langen Wanderweg entlang der Klippen. Viel Glück haben wir vorerst nicht: einmal sind die Wege derart matschig, dass wir nicht zufahren und schon gar nicht zu den Klippen gehen können, dann führt ein Weg bei Vattetot-sur-mer zu einem Umkehrplatz, an dem unübersehbar ein Schild darauf hinweist, dass parkende Autos hier unerbittlich abgeschleppt werden. Weil wir vom nächstgelegenen Hof beobachtet werden, gehen wir das Risiko nicht ein und fahren weiter. Im Zentrum von Vattetot-sur-mer finden wir dann doch einen Weg in Richtung Klippen, aber direkt zu den Klippen kommen wir nicht, weil der Wanderweg in diesem Bereich gerade gesperrt ist.

Schade – der Sentier de Douaniers ist nach den Regenfällen nicht nur für Sammy zu rutschig.

Wir gehen weiter Richtung Étretat und kommen doch noch zu den Klippen, an denen der GR21 auf den Spuren des legendären Sentier de Douaniers entlangführt. Früher, im 19. Jahrhundert, patrouillierten die Zöllner hier, um die Schmuggler auszuspähen. Heute wandern hier in der Regel nur noch die Touristen, aber auch nur, wenn das Wetter besser ist. Es ist steil, rutschig und stellenweise richtig unangenehm zu gehen. Vor allem Sammy kommt mit den Bedingungen nur schwer zurecht, also drehen wir um und fahren zurück nach Fécamp. Am Abend, unserem letzten in Fécamp, essen wir im Le Pavillon, dem urigen Bistro direkt unter unserem Appartement. Wir entscheiden uns für Camembert rôti mit Wurst und Frites en masse als Beilage und Porc Iberiquo – schmeckt hervorragend, ist aber viel zu viel.

Wir packen unsere Sachen zusammen und fahren weiter nach Rouen. In Jumiéges legen wir einen Zwischenstopp ein, um Frankreichs schönste Ruine zu bewundern. Dass aus der stolzen Abbaye de Jumiéges eine bedauernswerte, wenn auch schöne Ruine geworden ist, verwundert nicht. 654 errichtet, wurde die Abbaye gleich mehrmals von den Wikingern verwüstet. Im 11. Jahrhundert wurde dann die Kirche Notre-Dame gebaut, aber auch die blieb nicht allzu lange unversehrt.

Jumiéges: so schön kann eine Ruine sein.

Während der Französischen Revolution wurde die Kirche gesprengt, die Reste der Kirche wurden dann als Steinbruch genutzt. Erst 1852 war damit Schluss – gerade noch rechtzeitig, um die Ruine nicht ganz aus dem Landschaftsbild zu vertreiben. Die bis zu 46 Meter hohen Türme sind von einem riesigen Park mit uralten Bäumen umgeben – und seit Jahrhunderten eine Art Gesamtkunstwerk geworden, das Victor Hugo als „schönste Ruine Frankreichs“ adelte.

In Rouen kommen wir am frühen Nachmittag an. Das Appartement selbst finden wir rasch, das Aufsperren der Türen gestaltet sich schon schwieriger: vier Schlüssel, alle schauen gleich aus, an der Tür drei Schlösser – eine Wissenschaft, die richtigen Schlüssel in der richtigen Reihenfolge zu finden…

Unzählige Fachwerkhäuser und mehr als 100 Kirchtürme prägen das Stadtbild von Rouen.

Das Appartement ist eng und eigenartig verbaut, aber für zwei Nächte ist das schon in Ordnung. Wir bleiben auch nicht lange im Appartement, sondern gehen gleich in die Stadt hinein, die ihrem Ruf als Stadt der 100 Kirchtürme absolut gerecht wird. Alleine die Cathédrale Notre Dame hat schon einige Türme: den Tour St-Romain zum Beispiel, den Tour de Beurre und den Vierungsturm, der mit stattlichen 151 gen Himmel ragt. Auch die Ausmaße der Kathedrale sind gewaltig: 137 Meter lang und 24 Meter breit – Platz genug für kunstvolle Glasfenster, mächtige Pfeiler, einen imposanten Chor, die gotische Treppe der Buchhändler und die Grabmäler einiger normannischer Herzöge. Auch Richard Löwenherz ist in der Notre Dame begraben.

Wir gehen weiter durch die engen Gassen der Innenstadt zum Place du Vieux-Marché mit den vielen Lokalen rundherum – und einer ganz besonderen Kirche in der Mitte, genau dort, wo Ende Mai 1431 noch ein gewaltiger Scheiterhaufen aufgebaut wurde. Jeanne d’Arc, die junge Dame aus Orléans, war bei einem Inquisitionsprozess in Rouen schuldig gesprochen – und mit gerade einmal 19 Jahren auf eben jenem Scheiterhaufen verbrannt worden. In den beiden Jahren zuvor hatte Jeanne d’Arc freilich Frankreich ziemlich stark geprägt. Getrieben von einer ihrer Visionen war der Siebzehnjährigen sozusagen von ganz oben der Auftrag erteilt worden, Frankreich von den Engländern zu befreien. Tatsächlich konnte die junge Dame mit ihren Truppen die Engländer verjagen, Karl VII. war in Reims gerade zum König gekrönt worden. Doch nur einen militärischen Misserfolg – der Sturm auf Paris misslang – und einen Verrat später begann auch schon das Ende der Jeanne d’Arc.

24 Jahre nach ihrem Ende auf dem Scheiterhaufen von Rouen wurde die Nationalheldin Frankreichs rehabilitiert und einige Jahrhunderte später sogar heiliggesprochen. An der Stelle, an der sie verbrannt wurde, steht seit 1979 die futuristische Kirche Jeanne d’Arc. 

Die Turmuhr in der Rue du Gros Horloge ist Rouens Wahrzeichen. Mindestens ebenso bekannt ist die Stadt für die Tatsache, dass man Nationalheldin Jeanne d’Arc in der Stadt hingerichtet hat.

Wir gehen weiter durch die malerische Innenstadt in die Rue du Gros Horloge. Die Turmuhr ist eine der größten Attraktionen und das Wahrzeichen der Stadt. Im Torbogen sind 50 Schafe drapiert – als Symbol des Reichtums der ehemaligen Wollweberstadt Rouen. 

Beeindruckend wie alle Kirchen in Rouen ist die Église Saint-Maclou, ein gotischer Prachtbau am Place Barthélmy. Der Platz rund um die Kirche wird von bunten und windschiefen Fachwerkhäusern und Cafés gesäumt. 

Enge Gassen, ein paar Brücken und jede Menge Kirchen.

Zum Glück haben wir schon am ersten Tag die interessantesten Ecken von Rouen gesehen, denn der Tag darauf ist wettermäßig wieder so wie wir es mittlerweile von der Normandie gewohnt sind. Es ist feucht und regnerisch. Wichtig ist auch, dass Sammy sich schon eine Nacht lang an das Appartement gewöhnen konnte, denn am Abend bleibt er allein zuhause. Das Konzert von Calogero im Zenith von Rouen findet statt, wir fahren zeitig weg. Das ist gut so, denn am Weg in den Vorort Le Grand-Quevilly sind einige Straßen gesperrt, die Umleitungen bringen das Navi erwartungsgemäß völlig außer Rand und Band. Irgendwie schaffen wir es dank Google Maps doch noch rechtzeitig zu der futuristischen Konzerthalle, die an diesem Abend mit ihren 7.500 Plätzen ausverkauft ist. Schon die Vorband, Marie Poulain, ist großartig.

Calogero spielt zweieinhalb Stunden durch. Sammy wartet derweil geduldig im Appartement.

Und Calogero spielt gut zweieinhalb Stunden durch. Kurz vor Mitternacht sind wir zurück bei Sammy, der wie erwartet ganz ruhig und brav auf uns gewartet hat. Das heißt: beim nächsten Konzert darf er wieder mit!

Es sind nur noch vier Tage bis Weihnachten. Vielleicht ist das der Grund für den starken Verkehr, der unseren Zeitplan durcheinanderbringt. Wir brauchen viel länger von Rouen nach Heilbronn, wo wir eine Übernachtung eingeplant haben. Gegen 17 Uhr sind wir im hogh Hotel, wir checken ein und gehen sofort in die Stadt, in der es sich ziemlich abspielt. Die ganze Innenstadt scheint ein einziger Weihnachtsmarkt zu sein. Für Sammy ist das alles zu viel, die vielen Menschen und der Lärm machen ihm Angst. Wir gehen raus aus dem Zentrum und suchen ein ruhiges Lokal. Wir finden die Pizzeria Bella’s, essen großartige Pizzen und trinken hervorragenden Wein. Danach fallen wir ins Bett und sind am nächsten Morgen eigentlich gut ausgeruht für die letzte Etappe nach Hause. 600 Kilometer sollten kein Problem sein, sind es aber. Noch in Deutschland schickt mich das Navi von der Autobahn runter, wir überlegen kurz, ob wir dem Navi trauen sollen, fahren dann aber doch ab. Das Navi hat Recht: 17 Kilometer Stau nach einem Tankwagenunfall, die ganze Autobahn ist gesperrt, während wir über die Landstraßen ganz gut weiterkommen. Kaum in Österreich, sagt das Navi schon wieder: runter von der Autobahn. Langsam versöhne ich mich mit dem Navi, denn es hat wieder Recht und uns Stunden im Stau erspart. Wirklich besser wird es aber nicht, immer wieder stockt der Verkehr – und in Niederösterreich steht wieder alles. Wir kommen erst am Abend an – nach der bisher wohl unangenehmsten Heimfahrt.

NORMANDIE

Einwohner: 3,35 Millionen.

Hauptstadt: Rouen

Regionen & Sprachen: Die Seine teilt die Normandie in die Haute-Normandie und die Basse-Normandie, zu der auch die Halbinsel Cotentin gehört. Politisch ist die Normandie in fünf Departments gegliedert: Calvados, Eure, Manche, Orne und Seine-Maritime.    

Geschichte: Ein halbes Jahrhundert vor Christus eroberte Gaius Julius Caesar die Region, gut 500 Jahre danach siegten die Franken unter Merowinger Chlodwig über den letzten gallo-römischen Heerführer. Im 7. und 8. Jahrhundert wurden mehrere Klöster wie Jumiéges und Mont-Saint-Michel gegründet. 841 wurde Rouen von den Wikingern verwüstet, die in der Folge wesentlichen Anteil an der Gründung des Herzogtums Normandie hatten. Karl der Einfältige hatte Rollo 911 die Region als Lehen übergeben, in der Hoffnung, dass Rollo weitere Überfälle anderer Wikinger verhindern würde. Rollos Erbe Wilhelm eroberte 1066 bei Hastings Englands und ließ sich zum König von England krönen. Bis Mitte des 12. Jahrhunderts blieben die Herzöge der Normandie dort am Thron. Die Normandie wurde 1204 vom französischen König Philippe II. erobert, im Zuge des Hundertjährigen Krieges wurde die Normandie zweimal von englischen Truppen besetzt.Während des Zweiten Weltkriegs besetzten die Deutschen die Normandie. Am 6. Juni 1944 begann mit der Operation Overlord an der Küste der Normandie die Befreiung Westeuropas.

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